Preisverfall der Handytarife: Zeitreise zum Beginn des deutschen Mobilfunkmarktes.

von Gastautor am 03.Juli 2014 in Netzbetreiber, News, Ökosysteme

Mobilfunkverträge sind in den letzten Jahren immer günstiger geworden, weshalb das Handy zu einem Massenprodukt wurde. Mit weit über 110 Millionen aktiven Geräten gibt es in der Bundesrepublik schon jetzt mehr Mobiltelefone als Einwohner. Jeder dritte Bundesbürger verfügt über mehrere Anschlüsse. Ein Grund, sich die Preisentwicklung auf dem Handymarkt mal etwas genauer anzusehen.

Beginn des Mobilfunkmarktes in Deutschland

Mobiltelefone waren nicht immer so mobil, wie es der Name es vermuten lässt. Die ersten nicht stationären Exemplare wurden bereits Anfang der 1950er Jahre verkauft. Allerdings waren diese weniger für die Hosentasche, als mehr für den Dienstwagen gedacht. Das erste Autotelefon wurde 1952 in ein Bremer Taxi eingebaut, wog stattliche 16 Kilo, kostete damals rund 15.000 D-Mark und war etwa dreimal so teuer wie ein neuer VW Käfer.

1958 ging das erste flächendeckende Mobilfunknetz (A-Netz) an den Start, war aber aufgrund der hohen Kosten zumeist Politikern und Großunternehmern vorbehalten.

Auch die „Handys“ sahen damals noch recht klobig aus, wie man am B72 (siehe unten) des Herstellers TeKaDe deutlich erkennen kann. Das B72 kostete seinerzeit ca. 15.000 D-Mark.

Die ersten Handys Bildquelle: oebl.de

In den darauf folgenden Jahren waren die Herstellersehr bemüht, immer kleinere Modelle zu entwickeln, doch erst mit der Einführung des B-Netzes gab es 1982 den wirklichen Durchbruch:

nokiamuseum Tragehandy

Bildquelle: nokiamuseum.info

Das Mobira Senator von Nokia war das erste Autotelefon, das sich per Tragegriff auch aus dem Auto herausnehmen ließ. Das Telefon wog leider immer noch knapp 10 Kilo und hatte nur wenige Stunden  Akkulaufzeit.

Die Finnen inspirierten mit dem Mobira Senator ihre Mitbewerber, die ebenfalls Autotelefone mit Tragegriff entwickelten. So konnten die Dimensionen und das Gewicht der Geräte zwar immer weiter reduziert werden, der hohe Preis für die Telefone blieb allerdings unverändert.

Neue Impulse erhielt die Branche 1985 mit der Einführung des C-Netzes. Das 1986 veröffentlichte Nokia Mobira Talkman 320F wog bereits weniger als 5 Kilo. Da es aber in etwa die Maße eines Schuhkartons hatte, war es noch immer unhandlich.

Nokia besserte also abermals nach und veröffentlichte ein Jahr später das nur 800 Gramm schwere Mobira Cityman, das unter anderem durch den prominenten Nutzer Michail Gorbatschow Weltruhm erlangte.

gorbatchov

Ein großes Problem der Mobilfunkbranche war zur damaligen Zeit die internationale Netzkompatibilität. Das C-Netz wurde beispielsweise nur in Deutschland, Portugal und Südafrika eingesetzt, während andere Länder andere Standards nutzten. Dadurch war ein weltweites Roaming unmöglich.

Die volldigitale Ära beginnt

1992 wurde in Deutschland das D-Netz mit GSM-Standard eingeführt. GSM als „Global System for Mobile Communications“ sollte endlich die problemlose Mobiltelefonie über Ländergrenzen hinweg ermöglichen. Es dauerte aber noch eine Weile, bis der Markt in Schwung kam, da zunächst nur sehr wenige Endgeräte verfügbar waren.

Auch die Preise waren noch stattlich: 1992 musste man für einen Laufzeitvertrag mit Handy im Durchschnitt 2000 D-Mark bezahlen. Die Grundgebühr lag bei etwa 80 D-Mark und Telefonate kosteten noch 2 D-Mark pro Minute.

Dass der Mobilfunkmarkt auch für Privatpersonen interessant wurde, ist letztendlich vor allem Nokia zu verdanken. Die Finnen stellten 1996 mit dem Nokia 8110 ein Handy vor, das in Funktionsumfang und Design auch die breite Masse begeistern konnte.

Nokia Handy
Bildquelle: Wikipedia

Es folgten 1998 mit dem 5110 und 5130 weitere Klassiker der Mobilfunk-Geschichte. Die Skandinavier blieben auch in den nächsten Jahren das Maß der Dinge und konnten mehrere technische Neuerungen wie die WAP-Fähigkeit (1999, Nokia 7110) oder HSCSD-Kompatibilität (Nokia 6210) präsentieren.

Preisentwicklung der Handytarife

Das Wachstum der Mobilfunkbranche in den 1990er Jahren überstieg selbst die Prognosen der mutigsten Analysten. Zur Jahrtausendwende konnten die Anbieter ihre Kundenzahlen mehr als verdoppeln.

Mobilfunkanschlüsse in Deutschland

In dieser Grafik sind die Mobilfunkanschlüsse in Deutschland in Millionen nach Jahr dargestellt. Sie  machen das extreme Wachstum der Branche sichtbar. Der größte Sprung ist zwischen 1999 und 2000 erkennbar, doch auch in den folgenden acht Jahren steigt die Kurve noch immer fast linear an.

Mit der Veröffentlichung des Apple iPhones 2007 und dem Durchbruch des internetfähigen Smartphones erhält der Mobilfunkmarkt abermals einen kleinen Schub. Danach scheint der Markt mit inzwischen mehr Mobilfunkanschlüssen als Einwohnern erstmals gesättigt und es findet im Wesentlichen nur noch eine Verschiebung zwischen den Anbietern statt. Vergleicht man diesen Trend mit der weltweiten Entwicklung, wird die Vorreiterrolle Deutschlands deutlich:

Mobilfunkanschlüsse weltweit

In den 1990er wurde der Markt in Deutschland zunächst von der Telekom und D2 Mannesmann (heute Vodafone) dominiert. Die Kontrahenten lieferten sich einen erbitterten Kampf um die Gunst der Kunden, gleichzeitig erzielten beide Firmen enorme Gewinne. Bei Mannesmann führte das zur Expansion in andere europäische Märkte, bis das Düsseldorfer Unternehmen 1999 vom britischen Vodafone-Konzern in einer feindlichen Übernahme aufgekauft und zerschlagen wurde.

Ab Mitte der 90er wurden schließlich zwei weitere Mobilfunklizenzen in Deutschland vergeben. Die neuen E-Netze wurden von E-Plus (ab 1994) und Viag Interkom (ab 1997, heute o2) betrieben und konnten bald in der Kundenzahl aufholen. Aktuell planen o2 und E-Plus bereits seit Sommer 2013 eine Fusion. Derzeit warten die Konzerne noch auf die Zustimmung der EU-Kommission.

Mobilfunkanschlüsse nach Mobilfunkanbietern
Später stiegen auch noch Service-Provider wie mobilcom und debitel (heute zusammen mobilcom-debitel) als Reseller in den Handymarkt ein. Die vielen neuen Mitbewerber brachten den Kunden aber nicht nur Vorteile: Der erhöhte Konkurrenzdruck mit Wunsch nach gegenseitiger Abgrenzung und Unvergleichbarkeit führte zu immer neuen Tarifmodellen. Plötzlich waren Aspekte wie die Taktung, Anschlussgebühr, Grundgebühr und Laufzeit der Handyverträge wichtig, so dass der Kunde lange recherchieren musste, um das für ihn richtige und günstigste Paket ausfindig zu machen.

Preisentwicklung

In den Anfangszeiten der Mobiltelefonie brachte vor allem der technische Fortschritt günstigere Verbindungskosten mit sich. 1995 etwa musste der Kunde für einen Handyvertrag noch 42 D-Mark Grundgebühren und üblicherweise 1,99 D-Mark pro Gesprächsminute zahlen. Gleichzeitig waren die eben erst eingeführten SMS-Nachrichten noch kostenlos. Die Betreiber hatten einfach noch nicht realisiert, welches ungeheure Potential in den „kurzen Nachrichten“ steckte.

Auch wenn die Kundenzahlen zur Jahrtausendwende explodierten, blieben die Verbindungspreise zunächst relativ stabil. Das lag vor allem an den UMTS-Lizenzen, die im August 2000 vom Bund versteigert wurden. Diese kosteten die Mobilfunkanbieter insgesamt etwa 100 Milliarden DM und schadeten der Branche auf Jahre hinaus. Die Kosten für die Netzumrüstung wurden deshalb auf die Kunden abgewälzt, was zu einem relativ stabilen Preisniveau führte.

2005 gründete der Düsseldorfer Anbieter E-Plus schließlich die Zweitmarke Simyo, die in der Folge für einen Preisrutsch verantwortlich war. Bereits wenige Monate zuvor ging der Hamburger Kaffeeröster Tchibo als erster branchenfremder Discount-Anbieter im o2-Netz an den Start und konnte mit 35 Cent pro Minute in alle Netze den mit Abstand günstigsten deutschen Tarif anbieten. Simyo konnte diesen Tarif im Mai 2005 schließlich auf 19 Cent drücken. Aber dies war erst der Anfang einer Preisschlacht, in die in den nächsten Jahren immer mehr Anbieter eingriffen.

Mittlerweile tummeln sich mehr als 25 verschiedene Discount-Anbieter in den Netzen von O2, Vodafone, Telekom und E-Plus. Entsprechend liegt der günstigste Minutenpreis heute bei nur noch 5 Cent – ein drastischer Unterschied zu den Minutenpreisen von etwa 2,- DM pro Minute wie sie bei Einführung des D-Netzes 1992 noch gültig waren.

Minutenpreise in alle Netze

Doch allein der Gesprächsminutenpreis entscheidet schon lange nicht mehr über den günstigsten Tarif. Überhaupt wird das klassische Mobilgespräch durch neue Kommunikationsformen ergänzt, mitunter sogar verdrängt.

SMS-Preise und vor allem Internetverbindungskosten sind heute entscheidende Faktoren bei der Preisgestaltung. Deshalb lohnt es sich genau hinzuschauen und die relevanten Schlüsselfaktoren preislich und inhaltlich zu vergleichen. Ein Online-Tarifrechner, der nach den Telefonie-Gewohnheiten des Nutzers fragt, kann dabei hilfreich sein.

Zur Autorin

Jennifer Diehl-LopezJennifer Diehl-López ist Social-Media-Expertin bei sparhandy.de sowie mitverantwortlich für die Bereiche Affiliate-Marketing und Eventkonzeption. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin für Englisch und Spanisch und studiert parallel zu ihrer Tätigkeit bei sparhandy.de Business Administration an der FOM Köln. Als regelmäßige Referentin bei diversen Veranstaltungen rund um das Thema Social Media Marketing gibt sie ihr Expertenwissen weiter und beobachtet seit vielen Jahren neue Entwicklungen im Mobilfunkmarkt.

Quellen:

[1] http://www.telfish.com/handytarife/

[2] http://www.focus.de/digital/handy/mobilfunkgeschichte/tid-26326/20-jahre-digitaler-mobilfunk-vom-knochen-zum-smartphone_aid_771322.html

[3] http://www.wissen.de/die-geschichte-der-mobiltelefone

[4] http://de.statista.com/statistik/daten/studie/3907/umfrage/mobilfunkanschluesse-in-deutschland/

[5] http://de.statista.com/statistik/daten/studie/2995/umfrage/entwicklung-der-weltweiten-mobilfunkteilnehmer-seit-1993/

[6] http://www.bundesnetzagentur.de/DE/Sachgebiete/Telekommunikation/Unternehmen_Institutionen/Marktbeobachtung/Deutschland/Mobilfunkteilnehmer/Mobilfunkteilnehmer_node.html

[7] http://de.wikipedia.org/wiki/Handytarif

[8] http://de.wikipedia.org/wiki/Mobilfunk-Discounter

[9] http://www.sparhandy.de/tarifsuche.html


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