Mit smarter Planung zu 3,5 Mio Downloads: Die unglaubliche Erfolgsgeschichte der ImmobilienScout24-App.

von Melinda Albert am 18.Juni 2014 in App Business, Interviews, Mobile Design, News, Seminare

Jennifer Adrian

Das Jahr ist erst wenige Monate alt, aber bereits jetzt überschlagen sich die Ereignisse in der mobilen Entwicklung bei ImmobilienScout24. Während ein Feature im Google PlayStore den Startschuss für den rasanten Erfolg der Immobilien-App bedeutete, folgte durch internationale Auszeichnungen wie Googles Top-Developer-Badge bald der Ritterschlag . Im April 2014 dann überflügelte die App die Download-Marke von 3,5 Mio. Kein Grund sich auszuruhen. An eine Verschnaufpause denkt bei ImmobilienScout24 niemand.

Grund genug, Jennifer Adrian, Produktmanagerin Mobile bei ImmobilienScout24, einmal auf den Zahn zu fühlen und ihr ein paar Geheimnisse der Erfolgsgeschichte zu entlocken.

Melinda Albert: Wie geht es dir? Wie zufrieden sind du und dein Team?

Jennifer Adrian: Keine leichte Frage für den Auftakt. Mein Team und ich haben eines gemeinsam: Wirklich zufrieden sind wir nie. Mobile Produkte geben selten Anlass zur Zufriedenheit, es gibt immer Optimierungsbedarf, immer Potenzial und entsprechend immer etwas zu tun.
Aber doch, gut geht es uns. Wir sind sehr glücklich mit unserem Produkt und mit der technischen sowie optischen Entwicklung unserer App in den letzten Jahren. Es liegen Welten zwischen dem heutigen Stand und den ersten Screens aus 2011.

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Die mobile Ergebnisliste gestern und heute im Vergleich

Melinda Albert: Ein guter Stichpunkt. Wie seid ihr damals gestartet?

Jennifer Adrian: Sehr überzeugt von unserer Idee und mit jeder Menge Enthusiasmus. Aber damals hatten wir kein für Android optimiertes Design vorzuweisen und die Usability war aus Nutzersicht noch nicht unbedingt ein Highlight. Heute dagegen ist ImmobilienScout24 eine sehr smarte App, die optisch durch ihr flaches Holo-Design glänzt, anspricht und Nutzern eine Menge Spaß macht. Bis dahin war es allerdings kein einfacher Weg.

Die Entwicklung der ImmobilienScout24-Android App

Die Entwicklung der ImmobilienScout24-Android App

Melinda Albert: Das heißt, das ein oder andere Update hat die App wohl erlebt. Waren alle erfolgreich?

Jennifer Adrian: Zunächst einmal ja, Updates hat die ImmobilienScout24-App schon eine ganze Menge erlebt – in den letzten vier Jahren sind es über 70 gewesen. Bei dieser Frequenz lief nicht immer alles so, wie wir uns das gewünscht hätten. Zumal „wir“ – also das Team – sich überhaupt erst einmal finden musste. Genaugenommen arbeiten wir erst seit 1,5 Jahren in fester Zusammensetzung.
Gemeinsam haben wir auch zwei Relaunches durchgeführt, wobei der zweite Launch ein echtes Mammut-Projekt darstellte.

Melinda Albert: Mammut-Projekt? Was habt ihr gemacht?

Jennifer Adrian: Die App wurde responsive, für Portrait und Landscape optimiert und außerdem für 7“ und 10“-Tablets fit gemacht. Dazu kam ein komplett neues Design und auch technisch haben wir die App noch einmal neu aufgesetzt.

Melinda Albert: Gab es Rückschritte oder Misserfolge?

Jennifer Adrian: Sicher, verhindern lässt sich das nicht. Aber das Gute an Misserfolgen ist, man lernt eine Menge daraus. Gerade was den zweiten Relaunch betrifft, können wir ein Liedchen davon singen.

Melinda Albert: Wovon würde das Relaunch-Lied denn handeln? Was ist passiert?

Jennifer Adrian: Nun ja, die drastischen Änderungen haben nach dem Livegang Nutzer-Beschwerden ausgelöst. Umfassende Änderungen an einem einwandfrei funktionierenden Produkt sind für den User erst einmal schwer nachzuvollziehen – das verstehe ich auch.
Nutzer müssen sich neu orientieren und ihr gewohntes, bewährtes Verhalten ablegen. Zum Beispiel haben wir im Zuge des Relaunches unsere Kontakt-Buttons aus dem Exposé in die Actionbar verschoben. Laut Android Guidelines eigentlich so vorgegeben und damit völlig legitim. Aber der Nutzer beschäftigt sich verständlicherweise nicht mit Guidelines und ist irritiert, wenn der Kontakt-Button ohne ersichtlichen Grund seine Position wechselt.

Es folgte ein Abfall der Kontaktrate. Wir haben den Fauxpas dann schnellstmöglich rückgängig gemacht und daraus gelernt, dass selbst die Guidelines nicht immer für eine Optimallösung stehen und man sie guten Gewissens auch mal übergehen kann, wenn es die Situation erfordert.

Expose und Kontaktbuttons

Das ImmobilienScout24-App Exposé ohne und mit Kontaktbuttons

Melinda Albert: Bedeutet das auch, dass ihr komplette Relaunches zukünftig vermeidet, um Usern nicht „zu viel“ zuzumuten?

Jennifer Adrian: Sag niemals nie. Aber bei der hohen Nutzerzahl und der weiterhin starken Verbreitung der App wäre ein kompletter Relaunch nicht zu empfehlen. Außerdem ließe sich im Nachhinein nur sehr schwer analysieren, welche Änderung welchen Effekt ausgelöst hat. Bei kleineren Apps machen Relaunches natürlich nach wie vor Sinn.

Melinda Albert: Wie sieht die Alternative aus?

Jennifer Adrian: Wir verfolgen nun eher eine Step-by-Step-Mentalität. Kleinere Optimierungen, Feedback einholen, Zahlen auswerten und gegebenenfalls Konsequenzen ziehen. Was sich bewährt, wird optimiert, was nicht funktioniert, fliegt gnadenlos wieder aus der App.
Wir Deutschen neigen ja zu Perfektion und leider auch zu Überoptimierung. Am Ende liefern wir zwar ein sauberes Produkt, haben den Trend aber verschlafen oder Wettbewerber haben längst smartere, weiter gedachte Produkte auf den Markt gebracht. Was das betrifft, sind uns die Amerikaner noch einige Schritte voraus.

Melinda Albert: Klingt, als hätte ein berühmter US-Slogan auch für deutsche App-Entwickler Gültigkeit?

Jennifer Adrian: Absolut – Just do it. Siehe Google Glass, hier wirft man einen halbwegs funktionalen Prototypen auf den Markt, um zu sehen, ob es überhaupt Bedarf für eine Datenbrille gibt. Erst dann beginnt man, das Produkt zu optimieren und auf die Bedürfnisse der Konsumenten zuzuschneiden. Meiner Meinung nach ist das der Weg, den wir auch als App-Entwickler gehen sollten.

Melinda Albert: Und unterm Strich? Welche Tipps würdest du App-Entwicklern und Lesern mit auf den Weg geben?

Jennifer Adrian:

  • Eine bereits gut performende App nicht zu radikal anzupassen. Never change a running System – jedenfalls nicht in Mammutschritten. Anpassungen lieber Step-by-step durchführen und genaustens analysieren, welche Effekte die Änderungen hervorbringen. Der Lernprozess sollte dabei immer dokumentiert werden, um auch später noch Rückschlüsse ziehen zu können.
  • Ebenfalls unheimlich wichtig ist es, regelmäßiges User-Feedback in den unterschiedlichen Konzeptions- und Entwicklungsphasen einzuholen. Werkzeuge sind zum Beispiel Prototypen-Tests, User-Befragungen, Beta- oder A/B-Tests.
  • Großen Wert auf smarte und durchdachte UX-Lösungen legen. Hier liegt die Kunst darin, den Mittelweg zwischen einem sehr ansprechenden, aber auch funktionalen Design zu finden. Sicherlich keine leichte Aufgabe.
  • Plattformspezifische Merkmale unbedingt für die eigene App ausnutzen, das wird von Nutzern so auch erwartet. Beliebt ist der Fehler, eine iOS-App eins zu eins auf Android zu übertragen – oder umgekehrt.
  • Immer up to date bleiben. Mit offenen Augen durch die mobile Welt gehen. Trends frühzeitig erkennen und im besten Fall eine Vorreiter-Stellung einnehmen. Lieber mit einem Prototyp starten, als eine perfekte App zu servieren, wenn der Markt bereits gesättigt ist.

Melinda Albert: Was bringt die Zukunft?

Jennifer Adrian: Für ImmobilienScout24 als Marktführer ist die Zukunft immer ein großes und spannendes Thema. Die Frage „Wohin entwickelt sich ImmobilienScout24 mit seinen Produkten in den nächsten Jahren?“ steht praktisch ständig im Raum. Auch intern setzen wir uns regelmäßig zusammen, planen und besprechen, wohin sich die App entwickeln soll.

Wichtig ist es uns dabei, eine langfristige Vision zu haben und auf diese als Team stetig hinzuarbeiten. In die Zukunft planen heißt auch, mutig zu sein, auch einmal etwas ganz Neues auszuprobieren, und den Markt zu testen, auch wenn er dafür eventuell noch nicht bereit ist. Beispielsweise waren wir die erste Immobiliensuche, die auf einer Smart-Watch verfügbar ist.

Aktuell arbeiten wir auch an einer völlig neuen Form der mobilen Insertion für Immobilien, welche es in dieser Art und Weise bisher noch nicht gab. Wir sind uns sicher, dass die neuartige Eingabeform bei den Usern auf Interesse stößt. Ob wir mit unserer Vermutung dahin gehend richtig liegen, wird uns letztendlich das Feedback und die Analyse der Zahlen zeigen.

Das Interview führte Mobile App Designerin/Konzepterin Melinda Albert – Mobile Design Berlin. Redakteur war Christian Bösel – Wort, Web & Bild

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Die Anmeldung für das Seminar „Mobile Usability für Produktmanager“ erfolgt per E-Mail an Florian Treiß, treiss@mobilbranche.de. Bitte geben Sie in Ihrer E-Mail unbedingt Ihre Rechnungsanschrift an.

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