Googles Accelerated Mobile Pages sind eine taktische Reaktion auf Facebook Instant Articles und Apples News-App.

von Gastautor am 15.Oktober 2015 in Mobile Media, Mobile Technology, News

Jan WeberingVon Jan Webering

Performance im mobilen Web – Walled Gardens vs. Open Source

Die mobile Internetnutzung ist der wichtigste Wachstumstreiber für digitale Geschäfte. Daher ist Performance das Gebot der Stunde. Dass die drei großen Player Facebook, Apple und Google alle im gleichen Jahr Lösungen vorstellen, um das mobile Internet für Publisher zu beschleunigen, ist gewiss kein Zufall.

Google profitiert als Suchmaschine und Werbeplatzvermarkter vom offenen Web. Demensprechend ist die Antwort auf geschlossene Formate wie Facebooks Instant Articles und Apples nativer News-App ausgefallen: Accelerated Mobile Pages, kurz AMP, ist ein Open-Source-Format für das offene Web, das auf einfache Technik setzt, um Ladezeiten drastisch zu verkürzen.

Artikel im AMP-Format werden auf Googles Servern zwischengespeichert, um die Auslieferung zu beschleunigen. Für den Nutzer erscheinen AMP-Artikel als Preview-Kästen in einer Galerie unter dem Eingabefeld für die Suche. Mit einem Klick erscheint der gesamte Artikel, eine Ladezeit ist kaum spürbar. Aber: Man bleibt dabei auf Googles Seiten. Der auffällig positionierte Back-Button führt wieder zu den Suchergebnissen.

Die Konkurrenz: Apple News und Facebooks Instant Articles

Deutlich wird: Google steht unter Zugzwang. Die beiden größten Konkurrenten haben mit Apple News und Instant Articles geschlossene Systeme geschaffen, die mobil funktionieren und vom offenen Web unabhängig sind. Beide bleiben damit dem Walled-Garden-Prinzip treu: Apple verdient mit dem für Smartphones geschaffenen App Store gutes Geld. Facebook hat als effektiver, mobiler Werbeplatzvermarkter mit der Facebook-App seinen Aktienkurs beflügelt. Nutzer, die ihre Zeit auf diesen Plattformen verbringen, sind für Google verloren. Das Unternehmen kann weder Sucherergebnisse zu Inhalten dieser Plattformen anbieten noch Daten sammeln.

Beide Konkurrenten wollen mit ähnlichen Formaten – zunächst für Medien – weitere Kanäle innerhalb der von ihnen kontrollierten Plattformen etablieren: Facebook startete im Frühjahr seine Instant Articles. Die native App „News“ von Apple kam Mitte September zusammen mit der Einführung von iOS9 auf den Markt. Beide bieten die gleichen Konditionen: Wer seine Werbeplätze in diesen Formaten selber vermarktet, erhält 100 Prozent der Einnahmen. Wer die Werbenetzwerke von Apple oder Facebook nutzt, muss 30 Prozent abgeben. Vergleichbare Angaben sind laut „Wall Street Journal“ für Googles AMP noch nicht bekannt. Google betont jedoch, dass Publisher die Tools ihrer Wahl für die Werbeplatzvermarktung nutzen können.

Mit AMP gehen die Publisher eine zweischneidige Partnerschaft ein

Zu Googles Kooperationspartnern in der aktuellen Testphase von AMP gehören Pinterest, LinkedIn und Twitter – alle weiteren sind Publisher, darunter The Guardian, das Wall Street Journal und in Deutschland die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die ZEIT. Dabei ist allen Medienschaffenden bekannt, dass Google mit Vorsicht zu genießen ist.

Axel Springer hat bis Ende 2014 darum gekämpft, dass Google für die Vorschau zu Artikeln in ihren Suchergebnissen Lizenzgebühren zahlt. Google hat hart reagiert und Springer-Medien aus den Suchergebnissen verbannt. Nach massiven Reichweiten-Einbrüchen von fast 40 Prozent für Seiten wie Computerbild.de und Welt.de hat der Verlag aufgegeben und die lizenzfreie Vorschau gestattet. Welchen Umgang kann man langfristig von Google bei seinen AMP-Partnern erwarten?

Finanziell ist die Lage noch nicht einzuschätzen

Die Frage ist, wie viele mobile Leser gewinnt ein Medienhaus dank kürzerer Ladezeiten? Und wie viele verliert es, weil die Nutzer die Google-Plattform nicht mehr verlassen, also dort weiterstöbern und nicht auf den Seiten des Urhebers? Eine Vermutung liegt nahe: Der Verzicht auf die Möglichkeit, Leser von einem hauseigenen Artikel zum nächsten zu locken, setzt die ohnehin sauer verdienten Online-Einnahmen weiter unter Druck.

Fazit: Was tun?

Wir empfehlen das Format in den nächsten Monaten zu testen und Erfahrungen für die Nutzer und das eigene Geschäftsmodell zu sammeln. Die Performance-Vorteile sind erfreulicherweise eindeutig: Mehrere Sekunden Ladezeit schrumpfen zu Millisekunden. Es bedeutet für Publisher erheblichen Aufwand auf eigene Faust auch nur annähernd ähnlich leistungsfähige Kanäle für die mobile Leserschaft anzubieten. Der Aufwand für die Formatumwandlung zu AMP und die strategische Abwägung zum Nutzerverhalten müssen also mit dem Aufwand für eigene, mobile Kanäle abgewogen werden.

Über den Autor

Un­­ter der Führung von Jan Webering entwickelt die Sevenval Technologies GmbH Software für die schnelle und hoch qualitative Realisierung und Pflege von Webseiten und mobilen Projekten. Sevenval hat bereits mehr als 2.000 Mobile- und Web-Projekte realisiert. Die Software von Sevenval unterstützt dabei die Performance-Optimierung von Websites und vereinfacht die Projektentwicklung. Zu den Kunden zählen Konzerne wie z. B. Mercedes-Benz, Dou­glas, die Deutsche Post und Bosch.


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