Paydirekt – Top oder Flop?

von Maik Klotz am 15.Juni 2015 in Highlight, Mobile Payment, News

Logo von Paydirekt: Der Bezahldienst deutscher Banken und Sparkassen nimmt Formen an.

Logo von Paydirekt: Der Bezahldienst deutscher Banken und Sparkassen nimmt Formen an.

Das “Rat Pack” der FinTech-Branche meldet sich wieder zu Wort. Nachdem unsere Experten beim letzten Mal einen Blick in die Zukunft geworfen haben, kommentieren André M. Bajorat und Co dieses Mal die Chancen von paydirekt – dem geplante Online-Bezahldienst deutscher Banken und Sparkassen. paydirekt soll zur ernstzunehmenden Alternative zu Online-Bezahlsystemen wie Paypal, Sofortüberweisung und Co werden, mit Vorteilen für Kunden und Händler gleichermaßen. Doch wie sehen Experten aus der FinTech-Branche die Erfolgschancen und warum starten die deutschen Banken überhaupt den Versuch, ein weiteres Online-Bezahlsystem zu etablieren? mobilbranche.de hat das „Rat Pack“ gefragt.

André M. Bajorat

André M. Bajorat

Warum kommen die deutschen Banken jetzt mit paydirekt?
Ganz einfach: Weil es Sinn macht, mit seiner „Bank“ zu bezahlen. Dafür war die Bank ursprünglich mal da und nur im E-Commerce hat sie es vor allem in Deutschland verschlafen.

Wie stehen die Erfolgschancen?
Ich bin ein gebranntes Kind, da ich sehr nah das „Scheitern“ des ersten Versuchs, Giropay, erleben durfte. Wenn man aus diesen Fehlern lernt und zudem die aktuellen Bedürfnisse der Händler trifft, hat das Ganze eine Chance. Glaube ich aber wirklich an eine Lernkurve? Ich bin skeptisch drücke den Kollegen aber die Daumen, da es eine Chance für mehr Innovationen im elektronischen Zahlungsverkehr ist. Mehr und starker Wettbewerb kann da helfen.

André M. Bajorat ist Unternehmer, Berater, Speaker, Business-Angel und Mentor im deutschen Startup- und FinTech-Umfeld aktiv. Aktuell ist er als CEO bei figo.io, Partner bei KI-Finance sowie im Advisoryboard von FinLeap und Cringle aktiv. Twitter: @ambajorat

Maik Klotz

Maik Klotz

Maik Klotz

Warum kommen die deutschen Banken jetzt mit paydirekt?
Weil man glaubt, die letzte sichere Bastion, das Giro-Konto, mit paydirekt verteidigen zu können. In dieser Annahme steckt eine gewisse Nachvollziehbarkeit und auf dem Reißbrett mag das auch alles aufgehen. Ich glaube dass aus Kundensicht da kein Schuh draus wird. Der E-Commerce wird von anderen Lösungen dominiert. Allen voran PayPal. Aber auch Sofortüberweisung oder die klassische Kreditkarte ist etabliert. paydirekt ist ein Nachamerprodukt und der Kundennutzen gering, denn er kann heute schon im E-Commerce bezahlen. Aus Sicht der Banken mag das noch alles nachvollziehbar sein, aber warum man damit 10 Jahre zu spät anfängt und dabei den mobilen Kanal völlig außen vor lässt sprengt meine Vorstellungskraft. In anderen Ländern ist man pfiffiger gewesen, denkt man an die Niederlande mit iDEAL oder Barclays in den UK.

Wie stehen die Erfolgschancen?
Schwierig. Auch wenn paydirekt für den Händler preislich attraktiv sein könnte und auf der anderen Seite eine theoretischen Nutzerpotential vorhanden ist, bleibt die Gretchenfrage doch: Wird es der Anwender nutzen? Und hier sehe ich das Problem. Warum sollte der Anwender also sein gelerntes Einkaufsverhalten ändern? Wird paydirekt ein anwenderfreundlichen Frontend bekommen oder bleibt man dem Stil der angestaubten Banken-Welt auch in Sachen Usability und Design treu? Das paydirekt-Logo lässt jedenfalls schlimmes ahnen. Den Händlern wird es sicher nicht weh tun, ein weiteres Bezahlverfahren im Online-Shop anzubieten. Ob das alleine aber ausreicht? Ich fürchte nicht. Eines wird paydirekt aber zeigen: Kennen Banken ihre Kunden noch und schaffen sie es ein gutes, anwenderfreundliches und nutzenstiftendes Produkt zu bauen oder hat man sich schon viel zu weit von der Kundenbasis entfernt.

Maik Klotz ist Autor und Speaker zu den Themen Mobile, Banking und Payment. Aktuell arbeitet Maik als Head of Business Development im Bereich Mobile Loyalty bei der valuephone GmbH. Sein Fokus liegt auf dem Anwender. Twitter: @klotzbrocken

iDEAL: Der Bezahldienst niederländischer Banken.

iDEAL: Der Bezahldienst niederländischer Banken.

Rafael Otero

Rafael Otero

Rafael Otero

Warum kommen die deutschen Banken jetzt mit paydirekt?
Der Zahlungsverkehr ist zwar der wichtigste „Backend-Prozess“ der Banken aber man hat den Eindruck es ist so beliebt die wie ein Blaulicht. Man hat den Zahlungsverkehr in den letzten Jahrzehnten sträflich vernachlässigt und Alternativen a la Paypal und Lastschrift dieses Backend auf Kosten der Banken nutzen lassen. In den Niederlanden hat iDEAL gezeigt, dass man um den Zahlungsverkehr auch gute und sichere Produkte bauen kann, die zum Quasi-Standard auch im E-Commerce und mobile commerce werden können. Die Banken haben das Zahlungsverkehr know-how, die Skalen-Effekte und Marken-Reichweite.

Wie stehen die Erfolgschancen?
Leider keine. Man hat den Eindruck, dass Banken vergessen haben wer Ihre Kunden sind und welche Produkte diese benötigen. E-Commerce wurde ignoriert (vielleicht gehts ja weg), mobile payment ist immer noch Teufelszeug und dann noch das böse Paypal. Ganz offensichtlich ist die Produktentwicklung zu weit entfernt vom „normalen“ Bankkunden und das fängt bei Core-Banking Produkten an – siehe das Fehlen jeglicher Innovationen im Online-Banking, oder die bloße Existenz von Weltsparen. Wie weit ist dann der Weg, ein innovatives, nicht-me-too Produkt im Zahlungsverkehr zu etablieren. Die Gravitationskräfte innerhalb der Bankenverbände tun ein weiteres dem Vorhaben jegliche Erfolgschancen zu nehmen.

Rafael Otero ist Co-Founder und CTO bei der payleven Holding GmbH. Rafael ist Mentor für technisch begabte Talente sowie Internetunternehmer und agiert als Business Angel für Technologie-Startups. Twitter: @rotero

Jochen Siegert

Jochen Siegert

Jochen Siegert

Warum kommen die deutschen Banken jetzt mit paydirekt?
Der Zahlungsverkehr spielt eine zentrale Rolle für eine Bank und hat als Ankerprodukt starken Einfluss auf das Provisionsergebnis, der Gewinnung von Einlagen und das Zinsergebnis. Trotz dieser elementaren Bedeutung hat die Kreditwirtschaft den Wachstumsbereich Online- und Mobile Payment jahrelang sträflich vernachlässigt. Die Konsequenz daraus: Man hat zwischenzeitlich die Kontrolle des „Frontends“ verloren, schaut man sich die marktführenden Zahlverfahren wie Rechnungskauf, PayPal, Lastschrift etc. an. Dies gilt sowohl auf der Endkundenseite als auch auf der Händlerseite, wo z.B. Kreditkarten-Acquirer nur noch austauschbare Hintergrundanbieter geworden sind und die Wertschöpfung bei privaten Online-Bezahlanbietern/ Netzbetreibern liegt. Die Gefahr der fortschreitenden Intermediation durch bankfremde Zahlungsdienstleister beim Retail- und Handelskunde der Bank liegt im Verlust der Kundenbeziehung und somit dem Verlust der bisherigen Bedeutung des Kontos als Ankerprodukt. Das Konto ist aber wichtig für weitere Bankdienstleistungen und somit letztendlich für den Markenwert der Bank. Schaut man z.B. ins Nachbarland Niederlande haben die dortigen Banken anders gehandelt: Frühzeitig wurde dort Anfang der 2000er Jahre iDeal als Online-Banking-Zahlverfahren erfolgreich etabliert und dominiert dort bis heute mit großem Abstand den Online-Zahlungsverkehr.

Wie stehen die Erfolgschancen?
Ich befürchte die Chancen sind nicht sehr hoch. Der Markteintritt erfolgt Jahre zu spät. Offensichtlich hat man aus den Fehlern des wenig erfolgreichen Markteintritts von Giropay wenig gelernt und es hat den Anschein, als ob die gleichen Fehler ein zweites Mal gemacht werden. Dem Produkt fehlt das Nutzenversprechen und es ist immer noch nicht nicht ersichtlich, warum der Kunde von seinem über Jahre etablierten Zahlverhalten abweichen sollte. Ferner ist das Verfahren auch 2015 noch nicht auf mobile Endgeräte ausgerichtet, obwohl der Onlinehandel bereits signifikante Umsätze durch mobile Endgeräte abwickelt – bei Zalando sind es z.B. mehr als 50 Prozent. Ich befürchte die Banken überschätzen die Strahlkraft ihrer Marken und somit den Einfluss auf das Verhalten der Kunden. Beispiele dafür gibt es doch schon zur Genüge: Giropay, GeldKarte, Girogo etc. Es fehlt dringend ein ernstzunehmender Herausforderer von Paypal. Paydirekt zähle ich derzeit leider nicht dazu.

Jochen Siegert ist Partner und Geschäftsführer des FinTech Company Builders Finleap. Er arbeitet seit 15 Jahren im FinTech-Bereich und gilt als einer der Pioniere der Branche. Als einer der ersten Mitarbeiter im EMEA Headquarter von PayPal war er beim Aufbau von PayPal in Europa beteiligt. Bei MasterCard Deutschland und Europa führte er etliche Innovationen ein. Twitter: @jochensiegert

Kilian Thalhammer:

kilian thalhammer

Kilian Thalhammer

Warum kommen die deutschen Banken jetzt mit paydirekt?
Weil es politisch so gewollt ist und weil man Angst um den Endkunden hat. Die Banken wollen nicht tatenlos da stehen und das Feld komplett anderen Anbietern überlassen.

Wie stehen die Erfolgschancen?
Ein paar Grundparameter sind nicht falsch z.B. günstiges Pricing, Zahlungsgarantie und Endkundenpenetranz. Der Vergleich mit PayPal hinkt und ist aus meiner Sicht eher gegen Sofortüberweisung der Sofort AG positioniert. Denn genau wie Sofortübberweisung ist der Markt (nur DACH) und auch die technischen Prozesse sind ähnlich. Es ist paydirekt zuzutrauen, Sofort AG etwas vom Kuchen abzunehmen. Schaut man sich das Produkt im Detail an, dann kann man paydirekt eher mit iDEAL zu vergleichen. Wenn man das „Konto“ noch dazu nimmt, ist es „eine Art Wallet“. Zu PayPal hingegen fehlt noch einiges (z.B. P2P, Internationalität). Grundsätzlich gibt es einige Schwachpunkte, wie zum Beispiel die fehlende mobile Lösung, keine Lösung für den stationären Handel und schaut man sich die Webseite von www.paydirekt.de an, dann scheint Online keine Stärke von paydirekt zu sein (Anmerkung: Die Webseite ist jetzt wieder offline). (Beitragsbild: shutterstock.com)

Kilian Thalhammer ist seit mehr als 10 Jahren im Bereich Payment/ FinTech/ eCommerce & Loyalty unterwegs. Nach seiner Rolle als Director Solutions für die Schweizerische Post, war CPO bei RatePay (Otto Gruppe) und Geschäftsführer bei PAYMILL (Rocket Internet). Im Moment ist er im FinTech Umfeld als Berater aktiv. Kilian bei LinkedIn.

Das “Rat Pack” trifft sich regelmäßig, um über die aktuellen Entwicklungen in der FinTech-Branche zu diskutieren.


Sichern Sie sich jetzt Ihren Wissensvorsprung in Mobile Marketing und Mobile Business und abonnieren Sie die Meldungen von mobilbranche.de ganz bequem per E-Mail. Unser Newsletter erscheint täglich um 13 Uhr und ist kostenlos.


Facebook Kommentare:

Kommentare