Von Beacons, NFC und den Geschäftszahlen von Apple.

von Key Pousttchi am 30.Januar 2014 in M-Science & Strategy, Mobile Payment, News, Ökosysteme

Key-PousttchiLiebe Mobile-Professionals,

Apple hat am Montag nach Börsenschluss seine Geschäftszahlen bekanntgegeben und wurde für gute Zahlen heftigst geprügelt – die Aktie fiel von 550 auf 505 Dollar. Das kam mit Ansage: Traumhafte Bewertungen gibt es nur für Träume, nicht für gute Zahlen. Um die Analysten zumindest etwas zu besänftigen, lässt sich Apple derzeit in ungewohnter Weise in die Karten schauen: Heißester Anwärter für die Fortsetzung des Traums sind die Mobile-Payment-Pläne, die es nun auch offiziell gibt. (In meiner 2010 eröffneten AGFEA-Liste nun also vier Haken bei M-Payment – Facebook fehlt noch, aber das wird auch noch eine Weile dauern.)

Zeit, einmal kurz auf die Frage der künftigen M-Payment-Technologie zu schauen. Bei Apple hat man ja eine Zeitlang mit dem Gedanken gespielt, eine proprietäre Contactless-Technologie analog zu NFC zu  verwenden und kleinen Händlern entsprechende Bezahlterminals anzubieten. Inzwischen hat man das abgehakt und sich dem iBeacon auf Basis von BLE (Bluetooth Low Energy) verschrieben.

NFC ist die perfekte Technologie für mobile Bezahlvorgänge. Sie ist durch den Berührungsvorgang intuitiv und weist hohe systeminhärente Sicherheit auf. Der Kunde versteht sie und nimmt sie in Windeseile überall an, wo der Markt sie einfach und sinnvoll umsetzt.

Leider hat das in den vergangenen 10 Jahren keiner getan.

Statt dessen haben die Mobilfunkanbieter mit NFC eine perfekte Karte verspielt. Hätten sie die Technologie in den Markt (vulgo: in die Endgeräte) gedrückt und gleichzeitig gute Angebote an Banken, Handel und App-Entwickler gemacht, diese durch Authentifizierung über auf der SIM-Karte abgelegte Schlüssel zu nutzen, wären sie die „Spinne im Netz“ gewesen – und hätten einen Status Quo geschaffen, an dem die damals gerade erst entstehenden Smartphone-Imperien nicht vorbeigekommen wären. Das erste aber haben sie nicht getan (Originalzitat von 2006: „NFC wird kommen, aber wir werden nicht die Treiber sein.“) und beim zweiten haben sie ihr Blatt überreizt. Und jeder andere im Wertschöpfungsnetz, der über „Control Points“ verfügte, hat das gleiche getan. Schade eigentlich.

Strategisch betrachtet: Eine der Besonderheiten im Mobile Commerce ist, dass hier zwei Welten aufeinander treffen: die Telekommunikationswelt und die IT/Internet-Welt. NFC war als Ausdehnung der TK-Welt in die reale Welt angelegt. Beacons sind dagegen Ausdehnung der Internet-Welt in die reale Welt. In beiden Fällen ist das Ergebnis die Verbindung von realer und virtueller Welt.

Betreiben wir mal etwas Namensklauberei: Ein Beacon ist wörtlich ein „Leuchtfeuer“, das beschreibt die im Mobile Business beabsichtigte Verwendung aber allenfalls zum Teil. Im WLAN etwa beschreibt der Begriff Beacon kleine Datenpakete, die ständig vom Access Point an alle Geräte in Reichweite ausgesendet werden, um die Verbindungsaufnahme zu ermöglichen (indem z.B. die SSID übermittelt wird). Klingt fair und noch nicht spannend. Aber da war doch noch irgendwas mit Beacons? Ach ja richtig – erinnern Sie sich noch an die Facebook Beacons 2007? Hierbei wurde das Verhalten von Facebook-Usern auf anderen Webseiten (mittels manipulierter gif-Dateien) getrackt und an Facebook übermittelt, netterweise übrigens auch dann, wenn diese gar nicht in Facebook eingeloggt waren (Cookie). Nach massivem User-Protest gegen diesen neuen „Dienst“ wurde ein Opt-out eingeführt. Einige Zeit später wies ein Forscher Facebook nach, dass nach einem Widerspruch durch Opt-out die Daten weiterhin übermittelt wurden. Da wird es für unser Thema schon interessanter. (Übrigens war die Folge eine Sammelklage gegen Facebook und eine Reihe von Partnerseiten – den Nutzern mussten Entschädigungen in Millionenhöhe gezahlt werden, woraufhin Facebook den Dienst einstellte…)

Beacons sind keine Payment-Technologie. Sie sind die perfekte Technologie, wenn man den Kunden überall verfolgen (und dies auswerten) und dabei mit ihm kommunizieren möchte – sie markieren eine neue Dimension der Kontextsensitivität, die in der Strategie von Apple und Google eine entscheidende Rolle spielt (die anderen AGFEAs sind noch nicht so weit, weil sie keine Endgeräte beherrschen). Der Einkauf in der realen Welt soll mit Beacons künftig den Regeln des Einkaufs im E-Commerce folgen. Die Händler finden das klasse (zumindest derzeit).

Payment ist dabei ein Einzelaspekt, wenn auch – durch die Enabler-Funktion und die Transaktionsdaten – ein spannender und zentraler. Statt mit NFC eine klassische Payment-Transaktion ins neue Zeitalter zu bringen, bekommen wir also nun das Internet-Payment als Bezahlverfahren in der realen Welt, mit allen Konsequenzen.

Vernetzen werden wir uns künftig auf diese Weise aber nicht nur mit Supermärkten, sondern auch mit Plakaten, U-Bahnen, Museen, Flughäfen und unserer Wohnungseinrichtung. Unser Smartphone wird so unseren Mietwagen „customizen“ und unser Hotelzimmer einrichten. Und irgendjemand wird alle diese Dienste ermöglichen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Bleiben Sie mobil!

Unterschrift Key Pousttchi

Ihr Key Pousttchi

Über den Autor:

Key Pousttchi ist einer der international führenden Mobile-Business-Experten. Er baute ab 2001 die Forschungsgruppe wi-mobile an der Universität Augsburg auf und ist bislang der einzige deutschsprachige Wirtschaftsinformatiker, der zum Mobile Business promoviert (2004 zu M-Payment) und habilitiert (2009 zum Einsatz von Mobile Business in Unternehmen und Angeboten für Endkunden) wurde. Vortragstätigkeit und Projekte führten ihn nach Nordamerika, Asien und Afrika, seine Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet. Er ist Inhaber der wi-mobile Dr. Pousttchi GmbH, in der Praxis als Strategieberater, Keynote-Speaker und Aufsichtsrat tätig sowie gefragter Gesprächspartner der Medien, von Deutschlandfunk und ZDF bis zur „New York Times“. 2013 holte er die International Conference on Mobile Business im zwölften Jahr ihres Bestehens erstmals nach Deutschland.

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