Der FaceApp-Hype als Lehrstück.

Plötzlich wollen alle alt aussehen, der Datenschutz spielt keine Rolle.

Sie haben sich auch bereits über die vielen Aufnahmen älterer Gesichter in Ihrer Timeline auf Twitter gewundert? Plötzlich scheinen alle alt sein zu wollen. Dahinter steckt die Fotosoftware FaceApp, deren Entwickler sich wohl gerade die Augen reiben, wieso sich ihr Service zu einem viralen Hit entwickelt hat. Zugleich ist das Phänomen ein gelungenes Beispiel für die Doppelmoral und Sorglosigkeit in Sachen Datenschutz.

Neu ist FaceApp nun nicht gerade. Seit 2017 gibt es das Programm für iOS und Android. Derzeit stürmt das Programm aber die Download-Charts, denn unter dem Hashtag „FaceAppChallenge“ lassen sich selbst Prominente plötzlich künstlich altern, oder stellen verjüngte Versionen ihrer selbst ins Netz.

Rein technisch durchsucht FaceApp die Bildgalerie des Nutzers auf dem Smartphone, sucht passende Aufnahmen heraus und übermittelt sie an einen Server. Mittels KI entstehen dabei durchaus beeindruckende Ergebnisse, mit denen man Freunden und Bekannten zeigen kann, wie man später einmal aussehen wird. Soweit ist das eigentlich unspektakulär.

Allerdings hat das dahinter stehende Unternehmen seinen Hauptsitz in St. Petersburg, das bekanntlich in Russland liegt. Und unabhängig davon, ob sich Donald aus den USA und Vladimir aus Russland als Staatschefs nun verstehen oder nicht. Nach Ansicht der US-Sicherheitsbehörden residiert in Russland nach wie vor der Feind. Vielleicht nicht ganz so schlimm, wie die Chinesen mit ihrem 5G-Teufelszeug, aber doch schlimm genug, um die App als potentielles nationales Sicherheitsrisiko einzustufen.

Da kann der Firmeninhaber nun versichern, was er will, das sieht nach Spionage aus.

Auch wenn für die KI und die Speicherung der Informationen die AWS-Infrastruktur von Amazon auf US-Servern genutzt wird. Die Schlagzeilen zu Datenschutz und Sicherheitsbedenken schwappen über den großen Teich, der Skandal ist da. Inzwischen hat das Unternehmen auch reagiert und erklärt genauer, wie die Daten verarbeitet werden und wo sie gespeichert sind.

Skurril muten die jetzt lautstark geäußerten Datenschutzbedenken schon an. In den Nutzungsbedingungen steht, dass die Entwickler sich vorbehalten, die Informationen auch kommerziell zu verwenden? Was nicht gar! Die Nutzer können nicht ohne weiteres ihre hochgeladenen Bilder wieder löschen? Ehrlich? Die Anwender liefern biometrische Daten frei Haus, die als Grundlage für maschinelles Lernen genutzt werden könnten?

Tja. Nun müsste nur mal jemand herausfinden, wo exakt aus seiner Wahrnehmung hier der Unterschied zu, sagen wir mal, Facebook besteht. Könnte die Empörung daran liegen, dass niemand die Nutzungsbedingungen liest? Und was ist eigentlich mit Google und seinem Android-Kosmos? Ist die Datenweitergabe an die so genannten „Datenkraken“ weniger schlimm, weil es sich hier um US-Unternehmen handelt? Die aktuelle Diskussion erinnert mich an Leute, die an der Kasse ihre Girocard aus einer Anti-NFC-Hülle nehmen, um ja nichts von sich preiszugeben, aber anschließend ein Selfie mit der Neuerwerbung auf Instagram posten.

Die FaceApp ist ein trauriges Beispiel dafür, wie schnell die meisten Nutzer bereit sind, für ein paar Likes persönliche Informationen einfach an eine ihnen unbekannte Firma zu übermitteln, deren Nutzungsbedingungen sie nicht gelesen haben und dessen Geschäftszweck sie nicht kennen.

Es gibt im Internet keine kostenlosen Angebote, am Ende zahlen die Nutzer immer mit ihrem Daten. Ob das Unternehmen nun aus den USA, China, Russland oder Deutschland kommt.

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