Köpfe der Mobilbranche: Heiko Scherer von tchop.

„Es geht nicht immer um die neueste, innovativste Technologie, sondern oft schlicht um schlaue, effiziente Lösungen“, sagt Heiko Scherer, Gründer und CEO von tchop. Dabei handelt es sich um eine Software-as-Service-Plattform, die es ermöglicht, aktuelle Inhalte mit einem echten Live-Chat in einer eigenen App zu kombinieren. Als mobile Kommunikationsplattform eignet sich tchop für eine ganze Reihe von Anwendungsfällen von der internen Kommunikation bis zu Publishing und Content Marketing. Heiko Scherer verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung im Bereich Film, Fernsehen, Digital Media und Software. Er hat u.a. in führender Position Pay-TV-Plattformen und -Sender bei Unitymedia und Kabel Deutschland aufgebaut und war als Berater bei verschiedenen Agenturen tätig. Seit 2009 ist er außerdem Geschäftsführer seiner eigenen Agentur clapp. Als Full-Service-Dienstleister entwickelt clapp digitale Produkte und Services für Unternehmen wie die Handelsblatt Media Group, OSRAM oder TOTAL Energie & Gas. Im Fragebogen von mobilbranche.de verrät der 46-Jährige: „Einiges wie bspw. Voice halte ich in der heutigen Form für überschätzt.“

mobilbranche.de: Was war Dein erstes Handy?

Heiko Scherer: Ein Ericsson GH-388, ich glaube das war 1996. Das klassische Internet war damals noch in den Anfängen, von „mobile“ noch keine Spur. Textnachrichten als SMS waren spannende Innovation, dann später MMS. In Sachen User Experience mitgenommen habe ich aus dem Ende dieser Zeit vor allem eins: bessere Akkulaufzeiten!

mobilbranche.de: Was ist aus Deiner Sicht besser: Android oder iOS und warum?

Heiko Scherer: Beide Plattformen sind Ausdruck der unterschiedlichen Philosophien und Denkweisen von Apple bzw. Google. Diese könnten kaum unterschiedlicher sein. Ich bin von Beginn an iPhone- bzw. iOS-Nutzer. Und obwohl ich mich von Berufswegen natürlich auch mit Android beschäftige, bin ich iOS immer treu geblieben. Mittlerweile kann man, glaube ich, auch nicht mehr davon sprechen, dass eine Plattform „besser“ als die andere ist. Google hat Android stark verbessert und auch gerade aus Entwicklersicht neue Standards gesetzt. Auf der anderen Seite ist das immer wichtiger werdende Thema Sicherheit und Privatsphäre bei Apple ein starkes Argument.

mobilbranche.de: Welche drei Apps willst Du auf Deinem Homescreen nicht mehr vermissen?

Heiko Scherer: 1. Slack – weil darüber unsere interne (und teils auch externe) Kommunikation organisiert ist
2. Twitter – weil es als News-Plattform (mittlerweile wieder) eindeutig meine Nummer 1 ist
3. Unsere eigene tchop.io Beta-App, mit der ich neue Features ausprobiere und mit dem Team diskutiere (streng nach dem Motto „Eat your own dog food“)

mobilbranche.de: Stichwort Mobile Advertising: Was war für Dich die beste Werbung ever?

Heiko Scherer: Schwierig zu sagen. Und dass dies schwierig zu sagen ist, beschreibt auch ein bisschen das Problem. Abseits von Google und Facebook, funktioniert mobile Display-Werbung meines Erachtens nur selten. Und mobile Video ist ja eigentlich auch kein spezielles Format aus technischer Sicht. Mobile Werbung funktioniert eigentlich nur gut im richtigen Kontext. Und den kennen die Plattformen eben am besten.

Einen speziellen, aber wie ich finde sehr bemerkenswerten Einsatz mobiler Technologie für zumindest in Teilen werbliche Zwecke, habe ich letztes Jahr bei einer Reise nach Malawi kennengelernt. Wir arbeiten mit tchop seit mehr als einem Jahr für UNICEF und wir waren dort für ein neues Projekt. UNICEF-Kollegen haben damals im Rahmen eines Workshops eine Data-Collection und Communication-Plattform namens Rapid Pro vorgestellt. Diese funktioniert tatsächlich nur auf SMS-Basis. Die Plattform ermöglich schnell und unkompliziert mobile Outreach-Services zu bauen, die auch in entlegenen Gegenden funktionieren müssen. Ich fand das total beeindruckend, weil es sich so „low tech“ anfühlte, aber offensichtlich doch sehr nützlich für alle Beteiligten ist. Es geht eben nicht immer um die neueste, innovativste Technologie, sondern oft schlicht um schlaue, effiziente Lösungen.

mobilbranche.de: Und was war für Dich die schlechteste mobile Anzeige?

Heiko Scherer: Jede mobile Anzeige, auf die ich in den letzten Jahren versehentlich geklickt habe. Es waren eindeutig zu viele.

mobilbranche.de: Hast Du Mobile-Vorbilder? Wenn ja: welche?

Heiko Scherer: Ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass ich konkrete Vorbilder im Sinne eines „So will ich mal werden.“ habe oder hatte. Mit der Art, wie selbst Business-Medien heute erfolgreiche Personen glorifizieren und oft überhöhen, kann ich nicht so viel anfangen.

mobilbranche.de: Wie beschreibt Deine Mutter Deinen Job?

Heiko Scherer: Gar nicht, denn sie versteht bis heute nicht zu 100% was ich mache. Und bevor sie es versucht, weist sie genau darauf ausführlich hin. Am Ende reicht es zu „irgendwas mit Internet“. Aber so falsch ist das ja nicht.

mobilbranche.de: Ist Dein Job für Dich Beruf oder Berufung?

Heiko Scherer: Seit ich mich vor mehr als 10 Jahren im Bereich Mobile Tech mit meiner Agentur clapp selbstständig gemacht habe, würde ich eindeutig sagen eine Berufung. Rückblickend hat es bei mir eine halbe Medien- bzw. Management-Karriere lang gedauert bis ich wirklich realisiert habe, dass mich Technologie (und ihre Auswirkungen aufs Business) eigentlich mehr interessiert als klassisches BWL-Management. Und dass ich selbst auch kein Corporate-Guy bin. Insofern bin ich froh, dass ich mir in den letzten Jahren die Freiheit erarbeitet habe unabhängig und unternehmerisch tätig zu sein. Aber manchmal frage ich mich auch, warum ich das mit der Selbstständigkeit nicht einfach früher angefangen habe. Was ich allerdings machen würde, wenn Steve Jobs 2007 nicht das iPhone vorgestellt hätte? Keine Ahnung.

mobilbranche.de: Wie stehst Du zu Mobile Payment?

Heiko Scherer: Ich freue mich darauf, dass sich dies in Deutschland mit Apple Pay nun auch auf einem konsumentenfreundlichen Niveau durchsetzen wird. Natürlich mit deutlicher Verzögerung wie so vieles hierzulande im Bereich Mobile Payment. Als Sparkassen-Kunde komme ich nun ja bald in den Genuss. Allerdings kann ich auch nachvollziehen, dass nicht jedem uneingeschränkt wohl ist, wenn alles nur noch digital abgewickelt wird.

Aber insgesamt ist das Effizienzpotenzial in vielen Micro-Payment-Situationen des Alltags natürlich immens. Deswegen wird Apple das wie so oft massentauglich im Markt durchsetzen. Veränderungen in der echten, physischen Welt (und die sind bei Payment betroffen) dauern immer besonders lange.

mobilbranche.de: Wann bzw. wo vermisst Du Mobile in Deinem Alltag, sprich: wo siehst Du noch Entwicklungspotenzial?

Heiko Scherer: Größtes Entwicklungspotenzial sehe ich im gesamten Bereich Integration und Konnektivität, d.h. dem Zusammenspiel von unterschiedlichen Endgeräten. Angefangen von Smartphones ohne Hardware-Anschlüsse bis zum Internet of Things. Dies ist zwar seit Jahren ein Branchenthema, aber in der Realität des Normalbürgers eher eine Nische und oft auch mit eher negativen Erfahrungen verbunden. Aber auch bei der Verbindung zur „Cloud“ und der technischen Frage, wo komplexe Prozesse ablaufen bzw. wie diese in einfachen Applikationen nutzbar gemacht werden, passiert vor dem ganzen Hintergrund von Machine Learning gerade viel.

Das Smartphone als sicherer „Identity Provider“ wird bald ein spannendes Thema. Man braucht dann endlich kein Portemonnaie mehr und irgendwann auch immer seltener ein klassisches Passwort. Eine tiefere, effiziente Integration in das alltägliche, echte Leben birgt großes Potenzial.

Achja, auch der gute alte Akku hat noch Entwicklungspotenzial.. 😉

mobilbranche.de: Mobile in 5 Jahren: was ist verschwunden, was hat sich durchgesetzt?

Heiko Scherer: Ich denke, dass „Mobile“ in den nächsten Jahren noch weitere traditionelle Märkte und Geschäfte revolutionieren wird. In Sachen Verbreitung und Reichweite ist zahlenmäßig zwar eine Sättigung erreicht, aber es gibt sowohl im B2C- als auch vor allem im B2B-Segment noch genug Märkte mit viel Potenzial. Im gesamten Enterprise-Umfeld steht mobile Technologie in vielen Bereichen noch am Anfang. Dinge wie AR/VR sehe ich vor allem dort in bestimmten Nischen.

In den nächsten fünf Jahren erwarte ich insgesamt aber eher eine Evolution als eine neue Revolution. Einiges wie bspw. Voice halte ich in der heutigen Form für überschätzt. Alle warten auf „The Next Big Thing“, aber es kann eben nicht alle zehn Jahre eine Revolution wie das iPhone geben.

An dem Erfolg der diversen Meditations- und Entspannungs-Apps sieht man, dass es durchaus eine Gegenentwicklung hin zu einem bewussteren Umgang mit dem Smartphone und mobiler Technologie gibt. Und vielleicht lassen wir unser iPhone in 5 Jahren auch einmal zu Hause, weil ein „Wearable“ wie die Apple Watch ausreicht. Und wir froh sind über einen Abend mit eingeschränkten Möglichkeiten. Der Erfolg von Audio und Podcasts zeigt meines Erachtens auch schon ein bisschen in diese Richtung.

Den größten Einfluss in den nächsten Jahren werden, neben der eigentlichen Technologie, aber vor allem politische und gesellschaftliche Faktoren haben. Regulierung wird das große Thema des nächsten Jahrzehnts und niemand kann heute sagen wohin das genau führt.

mobilbranche.de: Vielen Dank für die spannenden Antworten!

Lesen Sie auch die vorherigen Fragebögen unserer Serie “Köpfe der Mobilbranche”.

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