Programmier-Schule Coderhouse will mit modernem Lernen an die Weltspitze.

von Anika Reker am 09.Juni 2016 in Interviews, News, Trends

CoderhouseZwischen den USA, Europa und Asien fällt Südamerika im digitalen Auge immer etwas unter den Tisch. Dabei gibt es auch dort viel versprechende Unternehmen, die die Branche bereichern. Anika Reker hat in Argentinien mit Coderhouse ein solches gefunden. Das aufstrebende Startup bildet mit einem modernen Konzept Programmierer aus und will in Sachen Lernsoftware an die Weltspitze.

Fixi-Fahrräder, Apple-Notebooks und eine Tischtennisplatte, die in der Mittagspause zur Abstellfläche für Salate und vegane Empanadas umfunktioniert wird: In diesem Co-Working-Space in Buenos Aires angesagtem Stadtteil Palermo arbeitet Christian Patiño (im Bild) an der Zukunft des personalisierten Lernens. 2014 hat er zusammen mit seinem Partner Pablo Ferreiro die Programmier-Schule Coderhouse ins Leben gerufen und damit in Argentinien eine Marktlücke gefüllt. Von ihrer eigentlichen Vision sind die Gründer aber noch weit entfernt.

mobilbranche.de: Was ist das Konzept von Coderhouse?

Christian Patiño: Wir bieten Kurse im Bereich digitales Marketing, Web- und Grafikdesign und WordPress an. Außerdem kann man bei uns lernen, wie man seine eigene Smartphone-App programmiert. Dabei legen wir sehr viel Wert darauf, uns von traditionellen Instituten und deren theoretischen Lernmethoden abzugrenzen. Frontalunterricht und Powerpoint-Präsentationen gibt es bei uns nicht. Unsere Schüler arbeiten direkt an ihren Projekten, erstellen praktische Arbeiten und verlassen den Kurs mit einem fertigen Portfolio. Danach profitieren unsere Absolventen von unseren Kontakten zu großen Online-Unternehmen auf dem argentinischen Markt. Wir begleiten sie auf dem Weg zur Festanstellung, bei den ersten Schritten als Freelancer oder bei der Gründung eines eigenen Start-Ups und schicken die Profile unserer Schüler zum Beispiel an Telefonica, Mercado Libre (das argentinische Pendant zu Ebay) oder an das Reiseportal despegar.com weiter. 95 Prozent unserer mittlerweile über 800 Absolventen haben mit unserer Hilfe ihre Ziele erreicht und einen neuen Job gefunden.

mobilbranche.de: Wie ist die Idee entstanden? Bist du eines Morgens aufgewacht und hast gedacht, dass genau so etwas wie Coderhouse in Argentinien fehlt?

Christian Patiño: Zusammen mit Pablo hatte ich schon länger den Plan ein eigenes Startup zu gründen. Wir wussten nicht genau was, aber es sollte etwas Technisches sein und uns war wichtig, dass wir alles selbst machen konnten. Also haben wir angefangen uns in Online-Kursen programmieren beizubringen. Wir wollten unser Wissen noch weiter vertiefen und haben uns für Präsenz-Kurse angemeldet. In dem Institut haben mir weder die veralteten Klassenräume noch die Unterrichtsmethoden gefallen. Also haben wir uns den Ort, den wir gesucht und nicht gefunden haben, einfach selbst kreiert und so das Konzept „Coding-School“, das es bereits in den USA gab, nach Buenos Aires geholt.

Wir legen sehr großen Wert darauf, dass unser Lehrer Know-How und Erfahrung aus der Praxis mitbringen.

mobilbranche.de: Das war vor etwa zwei Jahren, also 2014. Wie hat sich das Unternehmen seitdem entwickelt?

Christian Patiño: Wir sind schneller gewachsen, als wir ursprünglich gedacht hatten. Mittlerweile haben wir zwei weitere Sitze in Chile und Uruguay. Unser Team besteht aktuell aus 15 Personen, darunter Entwickler, Verkäufer und Community Manager. Dazu beschäftigen wir insgesamt etwa 30 Lehrer als Freelancer. Wir legen sehr großen Wert darauf, dass diese Know-How und Erfahrung aus der Praxis mitbringen. 85 Prozent unserer Lehrer arbeitet hauptberuflich bei großen Firmen wie Google oder Mercado Libre.

mobilbranche.de: Wie konntet ihr so schnell wachsen?

Christian Patiño: Im Gegensatz zu vielen technischen Startups, die ewig brauchen, um sich zu rentieren, konnten wir durch die Beiträge für die Kurse relativ schnell Gewinne einfahren. Vor Kurzem konnten wir einen privaten Investor aus den USA gewinnen. Mit dem Geld sind wir gerade dabei, Online-Kurse auf die Beine zu stellen. Der erste Fernkurs soll in einem Monat beginnen. Bisher gibt es über 280 Interessierte aus verschiedenen lateinamerikanischen Ländern. Pro Klasse soll es maximal zehn Teilnehmer geben, die von zu Hause aus an einem Videokurs teilnehmen. Das heißt, wir müssen vermutlich noch ein paar Lehrer einstellen. Außerdem arbeiten wir zurzeit an einer App, die dazu dienen soll, das Lernen für unsere Schüler noch stärker zu personalisieren.

mobilbranche.de: Was genau soll diese App können?

Christian Patiño: Bisher rufen die Kursteilnehmer alle Infos zu ihrem Lernstand auf unserer Web-Plattform ab. In Zukunft sollen sie auch ganz einfach von unterwegs mit dem Smartphone Zugriff auf Stundenplan und Literatur haben, Korrekturen ihrer praktischen Arbeiten einsehen und überprüfen welche Aufgaben ihnen noch für ihr Portfolio fehlen und so weiter. Es gibt einen Chat, um mit Klassenkameraden oder dem Lehrer zu kommunizieren. Außerdem bekommen die Schüler Angebote von potentiellen Arbeitgebern, die zu ihrem Profil passen, aufs Smartphone. Über die App können sie dann direkt ihre Bewerbung losschicken. Wir arbeiten seit etwa einem Monat daran, die App so persönlich wie möglich zu gestalten. Anfang Juli soll sie an den Start gehen.

Während bei traditionellen Instituten oft nicht nur die Inhalte, sondern auch die Räumlichkeiten alt sind, wählen wir bewusst kreative Orte aus.

mobilbranche.de: Wer sind die Leute, die bei Coderhouse Kurse absolvieren und warum kommen sie zu euch?

Christian Patiño: Unsere Schüler sind in der Regel zwischen 22 und 30 Jahren alt. Die meisten haben studiert und arbeiten zum Beispiel in den Bereichen Design oder in der Werbebranche und suchen eine neue Herausforderung. Manche sind auch vom Programmieren total fasziniert und wollen ihre berufliche Laufbahn komplett darauf ausrichten. Während bei traditionellen Instituten oft nicht nur die Inhalte, sondern auch die Räumlichkeiten alt sind, wählen wir bewusst kreative Orte aus. In einem Coworking Space wie diesem hier ist das Lernen nicht nur angenehmer und kommunikativer, sondern auch an die Gegebenheiten der weltweiten Gründerszene angepasst. Unsere Schüler schätzen das sehr. Was wir außerdem beobachten ist, dass sich zu jedem neuen Kurs mehr Frauen anmelden, die sich in die traditionell Männer-dominierte Programmierwelt wagen. Das liegt vermutlich auch daran, wie wir die Kurse verkaufen. Auf unserer Webseite sieht man Fotos von jungen Frauen, die miteinander in angenehmer Atmosphäre arbeiten. Das baut natürlich Hemmschwellen ab.

mobilbranche.de: Die Kurse dauern zwei Monate, beinhalten sieben Stunden die Woche und Kosten 1500 Dollar. Kann man in dieser kurzen Zeit wirklich lernen, wie man eine App programmiert?

Christian Patiño: In zwei Monaten ist es realistisch eine eigene Webseite zu erstellen. Um Apps zu rogrammieren braucht es länger. In einer traditionellen Schule, wo man viel unnötiges Zeug lernt, dauert es locker vier Jahre. Bei uns programmieren die Schüler innerhalb von sechs Monaten ein marktreifes Produkt. Die App Bisu ist zum Beispiel bei uns entstanden. Das ist so eine Art Tinder fürs Shoppen. Man wischt und klickt sich durch eine stark personalisierte Produktpalette. Mittlerweile ist Bisu auf Spanisch, Portugiesisch und Englisch verfügbar.

In einer traditionellen Schule, wo man viel unnötiges Zeug lernt, dauert es locker vier Jahre. Bei uns programmieren die Schüler innerhalb von sechs Monaten ein marktreifes Produkt.

mobilbranche.de: Wo seht ihr das Unternehmen in den nächsten Jahren? Was sind eure Pläne für die Zukunft?

Christian Patiño: Wir wollen Zweigstellen in weiteren lateinamerikanischen Ländern eröffnen. In ein bis zwei Jahren soll es in allen großen Städten des Kontinents ein Coderhouse geben. Außerdem wollen wir uns in den nächsten Monaten auf die Online-Kurse konzentrieren und diese weiter ausbauen. In einem Monat reisen wir nach San Francisco, um neue Investoren zu finden. Auf lange Sicht planen wir auch einen Eintritt in den US-amerikanischen Markt. Da ist die Konkurrenz natürlich viel größer, aber es gibt viele spanische Muttersprachler. Da sehen wir eine Lücke.

mobilbranche.de: Wollt ihr irgendwann auch englischsprachige Kurse anbieten?

Christian Patiño: Eines Tages vielleicht, aber das ist nicht unser Hauptziel. Momentan investieren wir vor allem in Software, um Lernprozesse zu personalisieren. Wir sind sehr am Thema künstliche Intelligenz interessiert und wollen etwas entwickeln, dass dem Benutzer ermöglicht, in seinem eigenen Rhythmus zu lernen. Unsere Vision ist eine Online-Plattform, die sich an die Bedürfnisse des Schülers anpasst und ihm, je nach Neigung, in einigen Bereichen leichtere und in anderen kompliziertere Aufgaben stellt. Ein echter Lehrer, egal ob im virtuellen Fernkurs oder im echten Klassenraum, wird sich dadurch nicht ersetzen lassen. Wir wollen die perfekte Balance zwischen menschlicher Präsenz und künstlicher Intelligenz finden. Daran arbeiten wir und dafür brauchen wir mehr Kapital, denn Softwareentwicklung ist unglaublich teuer. Offensichtlich sind wir noch weit davon entfernt, aber in fünf Jahren wollen wir eine Firma sein, die in Sachen Lern-Software-Entwicklung auf weltweitem Niveau weit vorne ist.

mobilbranche.de: Vielen Dank für das Gespräch.

 


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