Interview: Thomas F. Dapp von Deutsche Bank Research über die Zukunft des mobilen Zahlungsverkehrs.

von Florian Treiß am 22.Juli 2013 in Interviews, Mobile Payment

Thomas-F.-Dapp„Ein Großteil der innovativen, webbasierten Ideen im Bereich Digital Payments kommt aus dem Bereich der Nicht-Banken“, sagt Thomas F. Dapp. Er ist Economist | Branchen, Technologie, Ressourcen bei Deutsche Bank Research und referiert auf der Payment World (23. bis 24. September 2013 in Wiesbaden) über die Zukunft des mobilen Zahlungsverkehrs und darüber, wie Banken im Wettbewerb mit digitalen Ökosystemen stehen. Auch wenn hier große Internetplayer vorpreschen, sind die „Kuchenstücke noch nicht verteilt“, wie Thomas F. Dapp in unserem Vorab-Interview zur Konferenz meint: „Auch klassische Banken sollten in diesem Bereich Flagge bekennen und ihre komparativen Vorteile einsetzen“. Das Erfolgsrezept für Banken laut Dapp: Sie sollten nicht versuchen, sich isoliert durchsetzen zu wollen, sondern sie sollten auf strategische Allianzen setzen.

mobilbranche.de: Bei der Payment World sprechen Sie in Ihrem Vortrag über die Zukunft des mobilen Zahlungsverkehrs. Wie beurteilen Sie diese Zukunft? Banken als solche und ihren bewährten Zahlungsverkehr dürfte es – schon allein für die Omi und den Opi von nebenan – ja weiterhin geben?

Thomas F. Dapp: Das Marktumfeld für klassische Finanzinstitute im Wettbewerb um mobile (web-basierte) Finanzdienstleistungen ist hoch dynamisch und verlangt rasches Handeln. Es drängen neue Wettbewerber in den Markt. Ein Großteil der innovativen, webbasierten Ideen im Bereich Digital Payments kommt aus dem Bereich der Nicht-Banken. Insbesondere große Internetplayer wie Google, Apple oder Amazon strecken ihre Fühler (weiter) aus und investieren branchen- und ebenenübergreifend in neue Internetdienste sowie Technologien. Sie suchen neue Kollaborationspartner, um die jeweilige Marktposition weiter auszubauen. Einige Anbieter aus dem Bereich der Nicht-Banken haben bereits eine Banklizenz erworben, um bestimmte Finanzdienstleistungen anzubieten; andere Anbieter besitzen eine E-Money-Lizenz. Gleichzeitig erhöhen etablierte Akteure wie Kreditkartenanbieter und Telekommunikationsunternehmen ihre Anstrengungen, um ebenfalls im Markt für digitale Zahlungsverkehrslösungen mitzumischen.

Marktrelevante Technologieunternehmen mit hoher Innovationskraft bauen ihre Marktposition mit Hilfe ihrer Walled-Garden-Strategien weiter aus, um ihren Kunden bequem „alles aus einer Hand“ anzubieten. Obwohl Deutschland und Europa in Bezug auf QR-Codes (Quick Response) oder NFC-Technologien (Nearfield Communication) noch zu den „Entwicklungsländern“ zählen, werden aktuell einige Pilotprojekte im Zahlungsverkehr gestartet, um die Akzeptanz und die Robustheit des neuen Mediums auf den Prüfstand zu stellen. Die Kuchenstücke sind aber noch nicht verteilt, der Wettbewerb geht erst richtig los. Auch klassische Banken sollten in diesem Bereich Flagge bekennen und ihre komparativen Vorteile einsetzen.

In Bezug auf ältere Alterskohorten: Auch ältere Menschen werden künftig routinierter im Umgang mit webbasierten Technologien, verstehen es, Netzwerkeffekte effizient für sich zu nutzen, und erlangen auf diese Weise vermehrt (auch finanz-)relevante Informationen, die ihnen in der analogen Welt in diesem Ausmaß nicht zur Verfügung standen. Die Mehrzahl der Bankkunden weist – im Gegensatz zu den netzaffinen Kunden – heute noch ein klassisches Konsummuster auf, d.h. es wird weiterhin auch klassische Produkte und Dienste im Zahlungsverkehr geben. Der demographische Wandel in Kombination mit dem digitalen Strukturwandel wird diese Relation aber schnell verändern.

mobilbranche.de: Was sind essentielle Erfolgsfaktoren für eine Bank, um sich im mobilen Wettbewerb gegen neue Player durchzusetzen?

Thomas F. Dapp: Banken müssen sich nicht isoliert durchsetzen, um eigene Lösungen anzubieten, sondern vielmehr mit den anderen Akteuren kollaborieren. Ein Finanzinstitut allein wird nicht in der Lage sein, die komplette Wertschöpfungskette zu bedienen, weil die Technologie zu komplex und die genaue Kenntnis der jeweiligen Marktsegmente unverzichtbar ist. Klassische Finanzinstitute haben aufgrund ihrer langjährigen Erfahrungen im Umgang mit Regulatoren, standardisierten Finanzprodukten (Einlagengeschäft, Konsumentenkredite) sowie mit Kunden und deren Bedürfnissen im Bereich Sicherheit und Datenschutz einen komparativen Vorteil. Dieses relevante Know-how kann als Eintrittskarte für die Verhandlungen strategischer Allianzen dienen. Strategische Allianzen können möglicherweise eine größere Reichweite und Akzeptanz bei den Kunden erzielen.

Je nach Ausgestaltung einer strategischen Allianz könnte beispielsweise ein erfahrener (Kredit-)Karten-anbieter mit bestehender Infrastruktur in Form von globalen Händler- und Kundenakzeptanzstellen (Kreditkartenterminals im Handel) zusammen mit einem klassischen Finanzinstitut und einem digitalen Ökosystem kooperieren. Letztere bieten vor allem webbasierte und technologiegetriebene Dienste an und erweitern somit die traditionelle Kartenzahlung um die mobile Komponente (Apps, internetfähige, mobile Endgeräte) und sprechen gleichzeitig neue (technologieaffine) Kundensegmente an.

mobilbranche.de: Welche Bedeutung kommt Startups zu, die P2P-Zahlungen für Privatpersonen über Apps anbieten wollen?

Thomas F. Dapp: Bei der Ausgestaltung möglicher Allianzen im Markt für mobile Finanzdienstleistungen bleibt es unbestritten, dass auch kleine Nischenanbieter sowie Startups den Markt für digitale Bezahlsysteme beeinflussen werden. Allerdings ist zu erwarten, dass sich kleinere Anbieter aufgrund ihrer Marktposition und -relevanz eher an den Peripherien der digitalen Ökosysteme oder den sich herausbildenden strategischen Allianzen andocken werden. Nur wenige Startups werden disruptive Kräfte entfalten, die maßgeblich den Markt verändern können. Dritt- bzw Nischenanbieter partizipieren an den Gewinnen, entweder weil sie von den Nutzern gewollte Dienstleistungen erbringen oder komplementäre Inhalte liefern, oder weil sie für den Zugang zu den Nutzern bezahlen. In diesem Zusammenhang sind Partner, die das Angebot von Bezahlverfahren ermöglichen, nur ein weiteres Element in der Wertschöpfungskette.

Nischenanbieter und Newcomer (z.B. digitale Bezahldienste, Games-Programmierer oder App- Entwickler) haben also Chancen, sich mit ihren Geschäftsmodellen an die größeren Unternehmen anzudocken. Am Ende profitiert der Konsument, weil die Produktvielfalt größer wird. Die Kunden bedanken sich bei den Unternehmen mit einer hohen Loyalität bzw. einer relativ niedrigen Wechselbereitschaft (Lock-In-Effekt).

mobilbranche.de: Sie sehen Banken im Wettbewerb mit digitalen Ökosystemen. Was genau verbirgt sich dahinter?

Thomas F. Dapp: Es ist zu beobachten, dass digitale Ökosysteme trotz unterschiedlicher Geschäftsmodelle, Erlösquellen und Kompetenzen in immer mehr Geschäftsfeldern im direkten Wettbewerb zueinander stehen. Alle verfolgen dasselbe Ziel: Sie integrieren eine Vielzahl an digitalen Inhalten, mobilen Endgeräten und Internetdiensten unter einem Dach, damit ihre Kunden idealerweise die Plattform nicht mehr verlassen müssen. Somit sichern sich die Plattformanbieter die eigene Marktposition, betreten zunehmend (auch) neue Geschäftsfelder, um ihr Wachstum langfristig zu festigen, und setzen eigene Standards (Technologien) innerhalb ihrer Systeme durch. Die verfolgte Strategie wird als Walled Garden bezeichnet. Walled Garden steht für ein Geschäftsmodell, bei dem die Unternehmen über exklusive Vertriebsmodelle die Kontrolle über angebotene Software, Hardware und digitalen Content behalten möchten, die nur einem bestimmten Kundenkreis zugänglich sind. Für den Kunden bedeutet das vor allem: Bequemlichkeit, weil „alles aus einer Hand“ angeboten wird, sowie Zeitersparnis, Sicherheit und einen beherrschbaren Grad an technologischer Komplexität. Die Unternehmen profitieren relativ stark von den Walled-Garden-Strategien, nicht zuletzt deswegen, weil sich innerhalb „eingezäunter Gärten“ die Produkte und Dienste einfacher monetarisieren lassen.

mobilbranche.de: Welche Anbieter werden sich bei Bezahlverfahren an der Ladenkasse durchsetzen?

Thomas F. Dapp: Welche Technologie sich am Ende durchsetzt, ist noch nicht absehbar. Zurzeit sind viele Experimente mit unterschiedlichen web-basierten Technologien zu beobachten. Höchstwahrscheinlich werden sich Allianzen durchsetzen, d.h. die kollaborierenden Akteure beteiligen sich mit ihren jeweiligen Kernkompetenzen und Erfahrungen am gesamten Wertschöpfungsprozess rund um das Thema digitaler Zahlungsverkehr. Geschäftsmodelle, die den sich wandelnden, modernen Konsumansprüchen der Menschen gerecht werden, haben künftig durchaus lukratives Wachstumspotenzial. Die Menschen möchten Produkte und Dienst-leistungen, bei denen sich ihre Wünsche nach Mobilität, Vernetzung, Kommunikation, Interaktivität, Information und Sicherheit verbinden und realisieren lassen.

mobilbranche.de: Vielen Dank für das Interview!

Weitere Informationen zum Thema finden Sie auch in der Studie Die Zukunft des (mobilen) Zahlungsverkehrs – Banken im Wettbewerb mit neuen Internet-Dienstleistern (PDF-Datei) von Deutsche Bank Research.

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