„Previando“ – Die App zum Vorglühen mit Fremden aus Argentinien im Test.

von Anika Reker am 11.Mai 2016 in App Business, News, Trends & Analysen

Previando App

In Buenos Aires beginnen die Partys spät, sehr spät. Vor 3 Uhr sind die angesagten Clubs in den Vierteln Palermo und Belgrano menschenleer. Während man in Deutschland vielleicht ein oder zwei Bier zuhause trinkt und dann loszieht, nehmen sich die Argentinier alle Zeit der Welt für die Party vor der Party. Aber was, wenn nicht so richtig Stimmung aufkommen will, weil zu wenige Leute da sind oder die Mischung der Personen nicht passt? Eine App soll dieses „First World Problem“ lösen.

Gabriela-mit-Previando-App

Gabriela testet die App von Previando

Ich bin noch recht neu in Buenos Aires und meine Mitbewohnerin Gabriela aus Venezuela ebenfalls. Es ist etwa 23 Uhr am Samstagabend, wir sitzen zu zweit in der Küche und wollen uns mithilfe der App „Previando“ selbst auf eine Party einladen. Auf Deutsch bedeutet das soviel wie Vortrinken oder Vorglühen. Ein Video auf der Homepage zeigt, wie das Prinzip funktioniert: Eine Gruppe Mädels bereitet sich auf den Partyabend vor, während ein paar Straßen weiter ein paar Jungs in einer Wohnung sitzen. Jemand zückt ein Smartphone, macht ein Gruppenselfie und lädt es bei „Previando“ hoch. Kurz darauf sieht man die hübschen, jungen Großstädter fröhlich vereint in einer schicken Wohnung.

In der Hoffnung, dass es für uns genauso easy läuft wie in dem Video, klicken wir uns durchs Filter-Menü und stellen ein, dass wir Leute zwischen 23 und 32 suchen, die im Umkreis von großzügigen sieben Kilometern beisammen sitzen. Da wir nicht darauf aus sind, die Liebe unseres Lebens kennenzulernen, geben wir an, dass uns gemischte Gruppen von zwei bis acht Personen ebenso recht sind wie reine Jungs- oder Mädels-Konstellationen.

Gruppen-Tinder für Privatpartys

Im Hauptmenü bekommen wir dann, ganz ähnlich wie bei Tinder, Optionen angezeigt und können anhand der Fotos und kurzen Beschreibungen der jeweiligen Vorglüh-Party per Daumen hoch oder runter entscheiden, ob wir mit den Leuten chatten wollen. Um die Trefferquote zu erhöhen, geben wir allen möglichen Gruppen mit vielversprechenden Namen wie „La Gozadera“ (dt.: Der große Gaudi), „Te pagamos el taxi“ (dt.: Wir zahlen dir das Taxi) oder „Una ronda más“ (dt.: Eine Runde geht noch) einen Like. Im Falle eines Matches ertönt eine Art Gläserklingen aus dem Smartphone.

„El preboliche de tu vida“ (dt.: Die Vorparty deines Lebens) schreibt uns an. Es sind insgesamt vier Jungs, deren Facebook-Profilfotos wir angezeigt bekommen. Umgekehrt können unsere Matches unsere Profilfotos sehen. Falls gemeinsame Facebook-Verbindungen bestehen, informiert die App darüber. Außerdem zeigt uns „Previando“ ein vermeintlich frisch geknipstes Gruppenfoto der Party-Crew. Die Vier sitzen in einem Pool und wir zweifeln an, dass es sich, angesichts der schlechten Wetterlage in Buenos Aires, um ein aktuelles Bild handelt.

Auf der Toilette eingepennt

Previando Screenshot 1

Screenshot von Privatpartys auf Previando

Leider braucht der Chat der App ziemlich lange zum Laden. Im Hauptmenü können wir zwar sehen, dass die Jungs geschrieben haben, klickt man auf das Gespräch, um die Antwort zu sehen, erscheint aber lange nichts. „Das ist ja der totale Mist“, sagt Gabriela und gibt schließlich ihre Whatsapp-Nummer weiter, um vernünftig kommunizieren zu können. Es stellt sich heraus, dass „El preboliche de tu vida“, was das Foto angeht, geschummelt hat. Es ist aus dem vergangenen Sommer und die Vier befinden sich jetzt gerade in einer Wohnung in Palermo, ganz ohne Wasser. Dafür anscheinend mit umso mehr Alkohol. Ein Foto, das sie uns auf Anfrage schicken, zeigt, dass eines der Gruppenmitglieder bereits auf dem Klo eingepennt ist. Na wunderbar. Wir bedanken uns für das Gespräch und suchen weiter.

Es ist mittlerweile kurz vor Mitternacht und wir haben noch immer keine Party gefunden. Es gab ein anfangs vielversprechendes Chat-Gespräch mit „Una ronda más“, das wir aufgrund der Qualität ebenfalls auf Whatsapp verlagern müssen. Allerdings stellt sich heraus, dass das Gruppenprofil von gestern ist und wir mit einem einzigen Typen schreiben, der gerade alleine in seiner Wohnung sitzt und weit davon entfernt ist, eine Party am Start zu haben. „Na toll, die Leute benutzen die App ja einfach aus Langeweile. Das ist schlimmer als Tinder“, beschwert sich Gabriela.

Ortungsfunktion verbesserungsfähig

Wir geben nicht auf und werden schließlich von „La Gozadora“ eingeladen. Wir können es kaum fassen, aber es scheint sich um eine sympathische, gemischte Gruppe zu handeln, die tatsächlich eine Vorparty schmeißt und uns ohne großes hin und her eine Adresse schickt. Als wir diese bei Googlemaps eingeben, gibt es allerdings die nächste Enttäuschung: Die sechs Leute feiern in San Isidro, einem Stadtteil im Großraum von Buenos Aires. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln bräuchten wir um diese Uhrzeit locker eine Stunde. Da die App über GPS läuft und wir nur wenige Kilometer Entfernung eingestellt haben, sind wir ziemlich verwundert.

Um auf Nummer Sicher zu gehen, verringern wir den Radius auf zwei Kilometer und starten gegen kurz vor 1 Uhr einen letzten Versuch. Als wir gerade aufgeben wollen, klingen noch einmal die Gläser aus dem Smartphone und zwei Jungs laden uns auf einen Fernet in ihrer Wohnung ein, die diesmal tatsächlich nur wenige Blocks entfernt ist.

Gruppenfoto - Edgie, Oscar, Anika und Gabriela

Es hat doch noch geklappt: Die Previando-App hat Edgie, Oscar, Anika und Gabriela zusammengebracht

Gegen halb zwei sitzen wir dann mit Edgie aus Brasilien und Oscar aus Mexiko zusammen. Die beiden sind, genau wie wir, recht neu in der Stadt und bei „Previando“ und haben den Abend über ähnliche Erfahrungen gemacht. Viele Profile sind alt, der Chat funktioniert nicht gut und leider gibt es keinen Filter, um absolute Vollidioten von vornherein abzublocken. „Wenn ihr nicht so direkt und unkompliziert gefragt hättet, wären wir denk ich einfach innerhalb der nächsten Stunde zu zweit tanzen gegangen“, sagt Oscar. Das ewige Chatten und hin und her hatte den Beiden, genau wie uns, den Abend über relativ viele Nerven gekostet.

Fazit

Die Idee, kleine Haus-Partys in der Nähe miteinander verknüpfen zu können und Feierwütige in einer Art Gruppen-Tinder in Kontakt zu bringen, ist an sich gut und weltweit bisher ziemlich einzigartig. Die App, die in Argentinien seit etwa einem Jahr auf dem Markt ist, hat allerdings noch Potential nach oben. Die Chat-Funktion müsste in jedem Fall verbessert werden. Wenn Gruppenprofile am Tag nach der Party automatisch gelöscht würden, könnte man außerdem vermeiden, dass Karteileichen durch die App schwirren. Die GPS-Funktion zieht, ähnlich wie bei Tinder, jede Menge Akku, und ist leider nicht besonders verlässlich.


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