Interview zur „Tickets“-App: Der Vorreiter des Mobile Ticketing in der Schweiz.

von Fritz Ramisch am 04.Dezember 2014 in Agenturen, App Business, Interviews, News

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„Tickets“-App

„Mit zwei Klicks zum Ticket.“ So wirbt der TNW Tarifverbund Nordwestschweiz für seine „Tickets“-App. Die App war einer der Vorreiter für die mobile Bezahlung von Fahrscheinen im öffentlichen Nahverkehr in der Schweiz. Mit der App können Fahrgäste im Baselland in nur zwei Schritten ihr Ticket übers Smartphone lösen und bezahlen. Doch hinter der einfachen Benutzeroberfläche steckt eine komplexe Zahlungsinfrastruktur und monatelange Entwicklung. Daran beteiligt war auch das schweizerische Unternehmen Datatrans. Der Payment-Spezialist hat die Zahlungsinfrastruktur beigesteuert. Wir haben mit dem Projektleiter Urs Kipfer von Datatrans und Stephan Brode, Marketing- und Vertriebsleiter von BLT Baselland Transport, über die Erfahrungen mit der prämierten App und Mobile Payment gesprochen.

mobilbranche.de: Was macht die „Tickets“-App besonders und inwiefern unterscheidet sich die Anwendung von anderen Ticket-Apps?

urskipfer

Urs Kipfer von Datatrans

Urs Kipfer: Die Besonderheit liegt vor allem beim Fokus auf schnelle und einfache Prozesse zur Registrierung und zum Ticketkauf. Kunden registrierten sich anonym. Das heißt, es wird eigentlich nur das Gerät (Smartphone), ein Zahlungsmittel sowie die Information zu einer eventuellen Vergünstigung hinterlegt. Wer ortskundig ist, wird sich danach ein Ticket mit zwei Klicks kaufen können. Beim Start erkennt die App bereits den aktuellen Standort des Benutzers. Mit dem ersten Klick wird die Art des Tickets ausgewählt (also beispielsweise eine Kurzstrecke oder eine Zone), mit dem zweiten Klick die Zahlung mit dem hinterlegten Zahlungsmittel bestätigt.

mobilbranche.de: Bei Ticket-Lösungen im Nahverkehr bestehen doch zwei Probleme. 1.) Nutzer benötigen Netz und Akku, um das Ticket zu lösen und 2.) sie könnten das Ticket auch erst im Falle einer Fahrkartenkontrolle mobil lösen. Sind das Alltagsprobleme oder spielt das überhaupt keine Rolle?

Stephan Brode

Stephan Brode, Marketing- und Vertriebsleiter bei der BLT Baselland Transport AG.

Stephan Brode: Das Netz stellt heute nur noch ein kleines Problem dar. Mittlerweile sind auch die ländlichen Gebiete in der Schweiz recht gut erschlossen. Das Akku-Problem liegt ganz klar in der Mitwirkungspflicht des Fahrgastes. Das Lösen der Fahrausweise während der Fahrt kann technisch zwar nicht verhindert, aber im Kontrollprozess zweifelsfrei nachgewiesen werden. Keine dieser Probleme spielen in unserem Alltag eine dominierende Rolle.

mobilbranche.de: Wann ist Ihnen klar geworden, dass es neben dem Ticket-Kauf am Billetautomaten oder im stationären Laden noch eine mobile Alternative braucht?

Stephan Brode: Die Projektidee hatten wir bereits 2012 auf dem Schirm. Uns war schon damals klar, dass die Entwicklung ganz klar in Richtung Mobile Commerce und Mobil Payment geht – sprich der Vertrieb und die Bezahlung über das Smartphone abgewickelt werden wird. Uns hat es gewundert, dass bei der starken Durchdringung von Smartphones in der Schweiz, bisher keine anderen Mobile Ticketing Lösungen in den Verbünden vorliegen. So kamen wir mit unserem Projekt zu einem echten Primeur: der ersten Smartphone App für Verbundtickets in der Schweiz.

mobilbranche.de: Bedurfte es viel interner Überzeugungsarbeit den Auftrag für die Entwicklung einer App durchzubringen?

Stephan Brode: Nein, nicht wirklich. Im Gegenteil: die BLT ist ein sehr innovatives Unternehmen, in dem Ideen wie diese auf fruchtbaren Boden fallen. Das liegt natürlich vor allem an den strategischen Vorgaben durch den Verwaltungsrat und der konsequenten Umsetzung durch die Geschäftsführung. Ohne diesen Rückhalt lassen sich Projekte dieser Art kaum in nur sechs Monaten abwickeln.

mobilbranche.de: Wie ist das Nutzer-Feedback bislang und wo können Sie oder Ihre Kunden sich weitere mobile Lösungen im Nahverkehr z.B. bei der Werbevermarktung (Stichwort Beacons, WiFi) vorstellen? Gibt es da konkrete Projekte/Planungen?

Stephan Brode: Die Nutzer unserer App im TNW sind bis jetzt begeistert. Wir haben seit der Einführung der App über 140 schriftliche positive Feedbacks erhalten. Darüber hinaus haben wir zahlreiche Vorschläge erhalten, wie wir unsere App weiter verbessern können. Viele Anregungen werden wir in der nächsten Version der App umsetzen. Ein Kundenwunsch stellt auch die Nutzung einer Mehrfahrtenkarte und des Verbund-Abos dar. Einige Kunden würden sich neben Kredit- und Debitkarten weitere Zahlungsanbieter wünschen. Hier stossen wir aber wegen völlig überhöhter Kommissionsvorstellungen, beispielsweise der Telekom-Anbieter, gegenwärtig noch an Grenzen.

Die Funktionsweise der „Tickets“-App wird in folgendem Video beschrieben:

mobilbranche.de: Herr Kipfer, mobile Bezahlung steckt im deutschsprachigen Raum noch in der Entwicklungsphase. Warum sind viele Nutzer noch skeptisch gegenüber mobilen Zahlungsmethoden?

Urs Kipfer: Neue Bezahlmethoden tun sich generell schwer damit, sich flächendeckend durchzusetzen. Die Herausforderungen liegen hier vor allem bei der Henne- / Ei-Problematik (Handel will viele Benutzer, Benutzer wollen ein dichtes Händlernetz) sowie beim Vorteil, den die Käuferschaft für sich erwartet. Hierzu gehören vor allem Einfachheit, Sicherheit sowie die Möglichkeit, allerlei Bonuspunkte zu sammeln. In Deutschland sind weitverbreitete Zahlungsarten wie die SEPA-Lastschrift für Händler sehr günstig aber häufig für den Endkunden nicht einfach genug, da bei jedem Kauf neben der IBAN bzw. Kontonummer und BLZ auch Adresse und Geburtsdatum für eine Bonitätsprüfung erforderlich sind. Gerade bei den niedrigen Preisen für Verkehrstickets sind aber günstige Zahlungsarten für Händler wichtig, die gleichzeitig vom Endkunden bequem genutzt werden können. Unsere Mobile Payment Libraries lösen dieses Problem, indem der Endkunde nur einmal beim ersten Kauf seine Daten eingibt und weitere Tickets mit nur einem Klick gekauft werden können.

mobilbranche.de: Worauf kommt es bei Mobile Payment an und wann werden es User auch nutzen?

Urs Kipfer: Aus Sicht der Endkunden muss die Zahlung sicher, einfach und schnell ablaufen. Das ist mit der Kreditkarte nach heutigem Stand bereits gegeben. Mit unserem „One-Click Checkout“ können Händler nun auch weitere Zahlarten wie die SEPA Lastschrift (ELV), PayPal, etc. anbieten, die vom Endkunden sicher, schnell und einfach mit nur einem Klick genutzt werden können. Ein weiteres wichtiges Thema im Zusammenhang mit Mobile Payment ist die Möglichkeit, Bonuspunkte zu sammeln, was schon jetzt sehr erfolgreich bei Kreditkarten eingesetzt wird. Einige unserer Kundenbeispiele, wie das der Schweizerischen Bundesbahnen beweisen eindrücklich, dass Mobile Payment in diversen Bereichen bereits heute sehr erfolgreich eingesetzt wird. Gerade im Mobile Ticketing liegen die Vorteile auf der Hand: Händler senken Kosten, indem Investitionen in Hardware auf den Kunden (Smartphones) übertragen werden können und eröffnen Millionen neuer Ticket Offices auf einen Schlag. Der Endkunde hingegen kann immer und überall seine Tickets mit nur einem Klick kaufen und erspart sich lästige Umwege und Wartezeiten an Automaten und Ticket Offices.

mobilbranche.de: Apple Pay steht in den Startlöchern und gilt als große Hoffnung für die Branche. Auch In-App-Käufe und Produkte, die über Werbebanner beworben werden, können damit direkt bezahlt werden. Was erwarten Sie von Apple Pay für Datatrans selbst und die gesamte Branche?

Urs Kipfer: Apple Pay könnte dem Thema Mobile Payment im Allgemeinen neuen Schwung verleihen. Im Präsenzgeschäft sehe ich allerdings wie bereits erwähnt noch einige Hindernisse. Für den Online-Verkauf ist jedoch die Möglichkeit, den Fingerprint-Reader der neuen iPhones für die Absicherung der Zahlung nutzen zu können, ein echter Zugewinn. Wir sind bereits in den Vorbereitungen zur Integration und werden Apple Pay anbieten, sobald es von Europäischen Händlern und Endkunden genutzt werden kann.

mobilbranche.de: Vielen Dank für das Interview.


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