Von B2C zu B2B: Tickaroo-CEO Matthew Ulbrich über Chancen und Herausforderungen des Wechsels.

„Wir haben die App für Sportvereine und Organisationen entwickelt, die über sich berichten wollten, weil es damals für den Amateurbereich keine passenden Tools gab“, sagt Matthew Ulbrich, Co-Founder und Chief Executive Officer “Digital Excellence” bei Tickaroo. 2011 begann Tickaroo mit der Liveticker-App für Hobbyreporter. „Heute konzentrieren wir uns auf das B2B-Geschäft und adressieren in erster Linie Verlage, Medienmacher, Journalisten aber auch Eventveranstalter.“ Tickaroo ist mittlerweile führender Live-Content-Spezialist. Im Interview mit mobilbranche.de erzählt er über die Arbeit für B2B-Kunden wie Spiegel Online oder den „kicker“, der zudem Investor bei Tickaroo ist, und verrät: „Die nächsten drei, vier Jahre werden für uns sehr stark von Video getrieben sein.“

mobilbranche.de: Für was steht Tickaroo heute?

Matthew Ulbrich: Tickaroo steht heute vor allem für skalierbare Live-Content-Tools unter dem Qualitätsstandard „Digital Excellence“. Wir konzentrieren uns dabei auf Medienverlage, Veranstalter und Sportunternehmen, für die wir Produkte und Dienstleistungen entwickeln. Profi-Vereine wie der FC Schalke 04 oder der Sportrechtevermarkter Lagardère Sports, aber auch kleine Amateur-Sportvereine verbreiten mit Tickaroo ihre eigene Leidenschaft für den Sport. Fans von Nischensportarten konnten die Spiele ihrer Mannschaft kaum verfolgen – das wurde uns klar und damit war die Idee zu Tickaroo geboren: es braucht eine digitale Lösung!

Zu Beginn berichteten Baseball-, Handball- und Eishockey-Fans mit unserer Hobbyreporter-App, wie das sonst nur die Profis der Sportschau oder des kicker machen. Kleine und große Medienverlage wurden plötzlich auf uns aufmerksam und wir erlebten eine große Nachfrage. In der Folge verlagerten wir unseren Schwerpunkt auf das B2B-Geschäft, so dass heute Medienmacher und Journalisten zur Hauptzielgruppe gehören. Mit unserem Liveblog-Tool berichten sie live über große Sportevents sowie News-Ereignisse wie z.B. einem Bundestagswahlkampf bis hin zu Großwetterlagen.

Liveblogs, Push-Nachrichten und mobile Videos

mobilbranche.de: Kann man das noch in verschiedene Produkte ausdifferenzieren?

Matthew Ulbrich: Unser Kernprodukt sind Liveblogs, mit denen Reporter in Echtzeit im Sport- oder News-Bereich berichten. Insgesamt unterstützen wir jetzt knapp dreißig verschiedene Sportarten und haben entsprechende Templates entwickelt, so dass Redakteure intuitiv per Smartphone oder Desktop-PC berichten können. Für Spiegel Online haben wir z.B. einen Konferenz-Ticker entwickelt, der die komplette Berichterstattung aus verschiedenen Ligen und über Spieltage hinweg ermöglicht.

Das zweite Standbein für uns ist das Thema Push Notifications. Für den kicker haben wir einen extrem leistungsfähigen Push-Service entwickelt, der innerhalb von wenigen Sekunden mehrere Millionen Push-Mitteilungen über die verschiedensten Kanäle verschickt. Diese Lösung haben wir zu einem eigenständigen Produkt weiterentwickelt, daher kommt unsere Software nun u.a. auch bei Lagardère Sports und deren Kunden wie dem BVB, HSV, FCN, uvm. zum Einsatz.

Darüber hinaus haben wir noch eine dritte zukunftsträchtige Säule – die Video-Komponente „On.Air“. Menschen haben mit ihren Smartphones ja bereits mobile Fernsehstudios in der Hosentasche, sie müssen nur wissen, wie sie das Maximale aus ihnen herausholen. Der klassische Übertragungswagen, den man von Großveranstaltungen kennt, wird mehr und mehr der Vergangenheit angehören. Komplizierte Videotechnologie vereinfachen wir und machen sie Redakteuren und Nutzern leichter zugänglich. Mit der neuen Funktion „Instant-Replay“, können Nutzer z.B. in Echtzeit Spielszenen aufnehmen, bearbeiten und teilen – ohne Verzögerungen und ohne große Profi-Kenntnisse im Videoschnitt. Bei Toren, Fouls und anderen spielentscheidenden Situationen soll hier zudem in Zukunft Künstliche Intelligenz zum Einsatz kommen, die brisante Situationen selbstständig erkennt und so die Berichterstattung automatisiert. Für einige exklusive Partner wie den kicker sind wir auch im Bereich Digital Media Services tätig. Hier liegt unser Schwerpunkt auf dem Thema User Experience Design. Dieser etwas sperrige Begriff bedeutet im Grunde, dass wir die Produkte unserer Kunden so gestalten, dass sie einen hohen Nutzwert für den Endanwender haben. Konkreter heißt das, dass wir die Navigation oder die Buchungsprozesse so vereinfachen, damit die Nutzer alle gewünschten Funktionen schnell und ohne Umwege finden können. Mit dem kicker können wir viele Experimente im digitalen Innovationsfeld angehen und haben es gemeinsam erfolgreich geschafft, das digitale Angebot des Sportmagazins an die Spitze zu führen – nicht zuletzt dank der guten User Experience.

mobilbranche.de: Welche Rolle hast du bei Tickaroo?

Matthew Ulbrich: Ich bin einer der Mitgründer und seit wenigen Wochen auch CEO gemeinsam mit Naomi Owusu. Das E in CEO steht für mich aber auch für Experience/Excellence, weil das einer meiner stärksten Schwerpunkte ist. Ich versuche die Produkte nach dem Digital-Excellence-Ansatz so zu gestalten, dass am Ende des Tages meine Mutter damit umgehen kann. Wenn nur Techies das Produkt nutzen können, habe ich mein Ziel verfehlt, denn die müssen das draufhaben. Unser zentrales Ziel ist es, dass ein Nutzer am Spielfeldrand, der unsere App zum ersten Mal öffnet, sofort versteht, was die App von ihm möchte und wie er sie bedienen muss, damit aus einem Event eine Story entstehen kann.

mobilbranche.de: Ist die Tickaroo-App nur für die, die drehen bzw. texten? Oder auch für die Endnutzer, die es hinterher lesen oder konsumieren?

Matthew Ulbrich: Wir sprechen mit Tickaroo zwei unterschiedliche Zielgruppen an. Ursprünglich kommen wir aus dem B2C-Geschäftsfeld: Wir haben die App für Sportvereine und Organisationen entwickelt, die über sich berichten wollten, weil es damals für den Amateurbereich keine passenden Tools gab. Heute konzentrieren wir uns auf das B2B-Geschäft und adressieren in erster Linie Verlage, Medienmacher, Journalisten aber auch Eventveranstalter. Zusätzlich bieten wir aber mit Tickaroo.FREE weiterhin unsere kostenfreie Liveticker-App für Hobbyreporter an, in der Fans die Liveticker ihrer Lieblingsvereine in der App mitverfolgen können.

Elbe-Hochwasser öffnete die Augen

mobilbranche.de: Wie kam es überhaupt zu diesem zusätzlichen B2B-Schwerpunkt? Zufall oder schon strategisch?

Matthew Ulbrich: Tatsächlich Zufall. Wir sind anfangs angetreten mit der Vision, eine Plattform zu bauen über die man Sport-Liveticker schreiben kann und haben dann von Beginn an 15 verschiedene Sportarten auf der Plattform integriert. Und dann hatten wir zusätzlich eine 16. Sportart, die sich „Other Sports“ nannte. Das war einfach ein Template ohne Tore, gelbe oder rote Karten – einfach Text, Bild und Videoclips. Beim Elbe-Hochwasser 2013 rückte diese 16. Möglichkeit überraschend ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Plötzlich erkannten wir, dass es auch außerhalb des Sports einen Bedarf an Tools für die professionelle Live-Berichterstattung gibt. Ein Verein im Osten Deutschlands hat unseren „Other Sports“-Liveticker verwendet, um über die Rettungsmaßnahmen im Rahmen des Hochwassers zu tickern. Dort konnte man verfolgen, wie Helfer Sandsäcke schleppen und mit Wurstbroten versorgt wurden. Der Verein hat seine Fans durch unser Tool live daran teilhaben lassen, was vor Ort geschieht. Dies hat uns die Augen geöffnet. Wir haben – quasi nebenbei – einen sehr leistungsfähigen Ticker für News-Inhalte entwickelt. Dann wurden erste Verlage auf uns aufmerksam. Sie wollten unser Liveblogging-Tool gerne nutzen, um neue Erzählstrukturen abseits von reinen News-Themen umzusetzen. Wir haben so gemerkt, dass sich das B2B-Geschäft für uns finanziell lohnen könnte. Und wir sollten Recht behalten: Inzwischen zählen wir 30 ambitionierte Mitarbeiter am Standort in Regensburg, was aber nicht heißt, dass wir gar kein B2C mehr machen. Wir haben immer noch unsere Plattform Tickaroo.FREE, wo wir unseren Amateur- und Sportvereinen nach wie vor die gleichen Tools und Möglichkeiten anbieten. Die App ist kostenlos nutzbar, seit wenigen Wochen setzen wir zusätzlich auf ein optionales Pay-Modell passend für den Geldbeutel unserer kleinen Amateurvereine: den Tickaroo Season Pass.

mobilbranche.de: Ihr wollt also Free-Nutzer zu Premium-Nutzern machen?

Matthew Ulbrich: In den Grundfunktionen bleibt Tickaroo.FREE – wie es der Name ja schon sagt – kostenlos. Mit dem Season Pass können Hobbyreporter und auch Vereine unterer Ligen die umfangreichen Funktionen der Pro-Version nutzen. Speziell die American Football Community, die sehr intensiv Tickaroo zur Live-Berichterstattung nutzt, unterstützt uns beim Testen und Optimieren dieses Produktes. Unser Ziel ist es, dass direkt über unsere Plattform Abos abgeschlossen werden können.

Live-Berichterstattung demokratisieren

mobilbranche.de: Inwieweit habt ihr andere Sachen in der Pipeline oder wo siehst du Tickaroo in den nächsten vier, fünf Jahren?

Matthew Ulbrich: Unsere Vision ist es, weiterhin die Live-Berichterstattung zu demokratisieren. Seit den ersten Jahren heißt unser Slogan „Share your passion“. Das gilt für populäre genauso wie für nischige Themen: Floorball-Fans z.B. können ihre Leidenschaft über uns mit ihrer verschworenen Gemeinschaft teilen. Wir wollen allen Leuten, die live etwas zu berichten haben – ob das jetzt Sport oder News sind – eine Plattform zur Verfügung stellen. Die nächsten drei, vier Jahre werden für uns sehr stark von Video getrieben sein. Aufgrund neuer Technologien können Vereine ihre eigene Berichterstattung wie professionelle Medienhäuser bewältigen – das hätte vor wenigen Jahren wohl niemand für möglich gehalten. Unsere Mission ist, mit möglichst wenig Equipment die Produktion von guten Videos zu ermöglichen.

Auch erfahrenen Medienmachern zeigen wir somit die Chancen neuer Erzählformate auf. Lange Textwüsten will heutzutage niemand mehr sehen. Leser sehnen sich nach kurzen, prägnanten Informationen, nach wirklichen News und Storytelling – und das am Besten in animierter und bewegter Form. Wir beobachten dieses neue Konsumverhalten schon seit der Gründung Tickaroos: die Verweildauer, Page Impressions und Unique Visitors steigen bei dem Format Liveblog nachweislich. Speziell die Redaktion von Spiegel Online schafft es immer wieder – ob bei bedeutenden Ereignissen oder Sportevents – den Leser mit unterhaltsamen, informativen Liveblogs zu binden. Das funktioniert auch bei Themen in der Nische ganz wunderbar, wie z.B. der Schach WM 2018. Die ist nämlich ein echter Quotenhit geworden – mit Verweildauern im Liveblog von teilweise über 60 Minuten! Die Berichterstattung ist im Wandel und wir wollen diesen Prozess weiterhin erfolgreich begleiten. In fünf Jahren sehen wir uns auf unserer Reise mit einigen nationalen wie internationalen Neukunden und einer Video-Sparte, die ebenfalls unsere Pionier-Handschrift trägt.

mobilbranche.de: Vielen Dank für das Interview.

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