Ablenkung durch Handys am Steuer: Können Sprachassistenten das Problem lösen?

Die Zahlen der Verkehrstoten aufgrund von technischen Ablenkungen am Steuer sind alarmierend: Rund 350 Menschen starben im Jahr 2016 bei Unfällen, die durch die verbotene Handynutzung während der Fahrt verursacht worden sind. Darüber hinaus ergab eine Untersuchung der American Automobile Association (AAA), dass auch viele Sprachassistenten mehr ablenken als unterstützen. Das Wichtigste zum Thema Handys am Steuer lesen Sie im Folgenden.

Von Laura Gosemann

Blick aufs Handy: Schon wenige Sekunden bedeuten Lebensgefahr

Die ständige Erreichbarkeit kann vor allem im Straßenverkehr zum Verhängnis werden. Immer häufiger sind Autofahrer trotz hoher Geschwindigkeiten mit ihrem Smartphone in der Hand zu beobachten. Was um sie herum auf der Straße geschieht, nehmen sie kaum noch wahr. Dabei sind bereits wenige Sekunden der Unachtsamkeit ausreichend, um einen tödlichen Unfall zu verursachen.

Bis ein aufmerksamer Kfz-Fahrer reagieren und die Bremse betätigen kann, vergeht in der Regel etwa eine Sekunde. Innerhalb dieser Zeit legt ein Pkw jedoch bereits eine weite Strecke zurück. Wer zum Beispiel mit 100 km/h auf der Autobahn unterwegs ist, legt in der Zeit zwischen Kenntnisnahme eines Hindernisses und Betätigung der Bremse noch etwa 30 Meter zurück. Hinzu kommt der Bremsweg, den das Fahrzeug bis zum Stillstand benötigt, in diesem Fall etwa 50 Meter bei Durchführung einer Gefahrenbremsung. Grundlage für die Berechnung bilden die beiden folgenden Formeln:

Reaktionsweg in Metern ≈ (Geschwindigkeit ÷ 10) x (3 x Reaktionszeit in Sekunden)

Gefahrenbremsweg in Metern ≈ [(Geschwindigkeit ÷ 10) x (Geschwindigkeit ÷ 10)] ÷ 2

Wer bei einer solch hohen Geschwindigkeit einige Sekunden auf sein Handy schaut, um eine Nachricht zu lesen oder Ähnliches, verlängert seinen Reaktionsweg enorm. Bei drei Sekunden Reaktionszeit ergeben sich bereits 90 Meter, in denen das Fahrzeug völlig ungebremst weiterfährt. Damit ist ein lebensgefährlicher Unfall trotz Gefahrenbremsung kaum noch zu verhindern.

Handyanbieter müssen reagieren

Auch wenn Smartphone-Hersteller nicht dafür belangt werden können, wenn ihre Nutzer während der Fahrt zum Handy greifen, sind technische Anpassungen zum Schutz für Autofahrer notwendig. Apple etwa hat auf die Gefahr von Ablenkungen am Steuer reagiert, indem automatisch die Funktion „Nicht stören“ bei der Verbindung mit Bluetooth-Geräten im Auto aktiviert wird, um Push-Mitteilungen zu unterbinden.

Darüber hinaus werden die Sprachsteuerungen sowohl in den Kraftfahrzeugen selbst als auch im Smartphone immer weiter verbessert. Auf diese Weise kann zumindest das Risiko, dass Autofahrer den Blick von der Straße auf ihr Handydisplay richten, minimiert werden. Allerdings ergaben Überprüfungen hierzu, dass auch solche Sprachassistenten die Aufmerksamkeit der Fahrer in hohem Maße beeinträchtigen und ablenken.

Sprachsteuerung ist (noch) keine Lösung

Die bestehenden Sprachassistenten – vor allem innerhalb von Smartphones, wie zum Beispiel Apple Siri, Google Now und Microsoft Cortana – lassen in Sachen Ablenkung am Steuer noch sehr zu wünschen übrig. Bei einer Untersuchung der American Automobile Association (AAA) sollten die Teilnehmer mithilfe der Sprachsteuerung ihres Handys mehrere Aufgaben absolvieren, wie etwa eine Person aus ihrer Kontaktliste anrufen oder ihre Lieblingsmusik abspielen. Erschreckenderweise konnte dabei auch nach längerer Nutzung praktisch kein Trainingseffekt nachgewiesen werden, und vor allem die älteren Fahrer wurden durch die Sprachsteuerung weiterhin extrem abgelenkt. Die Tests ergaben außerdem, dass fest eingebaute Sprachassistenten im Fahrzeug besser abschnitten als die Sprachsteuerungen von Apple, Google und Microsoft, welche ebenso viel Aufmerksamkeit wie ein Telefonat erforderten.

Neue Technologien erforderlich

Der digitale Assistent „Chris“ von German Autolabs kann direkt an der Windschutzscheibe angebracht werden (Bild: PR)

Das Problem der Ablenkung durch Handys während der Fahrt nehmen immer mehr Menschen und Unternehmen ernst und versuchen daher, neue Lösungen anzubieten. So ist beispielsweise ein neuer Sprachassistent namens Chris auf dem Markt. Von dem Start-up German Autolabs entwickelt, lässt sich Chris nicht nur mit Sprache, sondern auch mit Gesten steuern. Dafür ist das kleine Gerät, welches mit einem Saugnapf an der Windschutzscheibe befestigt wird, mit fünf Mikrofonen, zwei Bluetooth-Empfängern und einem Gestensensor ausgestattet. So können alternative Routen in der Navigationssoftware oder auch Empfänger einer diktierten Textnachricht mittels Wischgesten in der Luft ausgewählt werden. Über den Grad der Ablenkung kann hier jedoch noch keine Aussage getroffen werden. Grundsätzlich steckt in Sprachassistenten noch ein hohes Entwicklungspotenzial, um die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen.

Über die Autorin:

Laura Gosemann studierte Germanistik und Linguistik an der Universität Potsdam. Derzeit ist sie für verschiedene Verbände in Berlin als freie Journalistin tätig. In ihren Beiträgen behandelt sie schwerpunktmäßig Themen zum Datenschutz, Verkehrs-, Urheber- sowie Familienrecht.

 

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