Interview: Tim Schmitz über den Erfolg der hyperlokalen App Jodel.

von Gastautor am 26.Juni 2018 in App Business, Interviews, News

„Globale Plattformen sind überflutet mit Content“, meint Tim Schmitz, COO von Jodel. Die hyperlokale App wird vor allem von Studenten genutzt und ermöglicht es ihren Nutzern, anonymisiert Beiträge zu veröffentlichen, die in einem Radius von 10 Kilometern für andere Nutzer sichtbar sind. „Anfangs meinte jeder, das diene nur dazu, Nacktbilder auszutauschen, im Endeffekt ermöglicht es aber eine viel offenere, unkompliziertere und direktere Kommunikation zwischen Nutzern als andere Plattformen“, ist sich Tim Schmitz sicher. Am 4. Juli hält Tim Schmitz bei der Local Web Conference in Nürnberg die Keynote über lokale Relevanz in der globalisierten Welt. Im Vorfeld der Konferenz hat Katrin Baumer vom MedienNetzwerk Bayern mit Tim Schmitz über das Erfolgsgeheimnis von Jodel gesprochen.

Katrin Baumer: Tim, wie erklärst du dir den Erfolg von Jodel?

Tim Schmitz: Die Lokalität ist der Kernpunkt unserer App. Jodel ist die einzige Plattform, die einen Austausch mit Gleichgesinnten in der Umgebung ermöglicht. Das ist ein riesiger Mehrwert, den keine andere Plattform bietet.

Wir glauben, dass es drei relevante Kommunikationsebenen für jeden Menschen gibt: Mit Freunden, mit der Welt und mit der Umgebung. Das Internet hat die Kommunikation mit der ganzen Welt erst ermöglicht – zu Lasten der Interaktion mit der direkten Umgebung. Heutzutage weiß ich, was meine Freunde gerade in Bali machen und ob Trump einen seiner Berater entlassen hat, aber oft nicht, dass meine Lieblingsband am Abend um die Ecke spielt. Diese Ebene der Kommunikation ermöglicht Jodel. Für Studenten in Europa kriegen wir das schon gut hin, in Zukunft wollen wir es aber auch global und für jeden anbieten.

Katrin Baumer: Anonymität und lokale Inhalte – was war der Gedanke hinter der Idee?

Tim Schmitz: Ich mag die Formulierung der „anonymen“ Plattform nicht besonders. Im Endeffekt ist man auf Jodel genauso anonym wie auch in anderen sozialen Netzwerken. Man ist nämlich nicht anonym. Natürlich könnte man mithilfe der IP-Adresse ausfindig machen, wer der Jodler ist. Der große Unterschied ist, dass es keine öffentlichen Profile gibt.

Ein Blick in die App von Jodel

Während viele soziale Netzwerke eine Cocktail-Party darstellen, möchten wir einen echten und relevanten Austausch fördern. Das ist vergleichbar mit dem Format der verschwindenden Bilder bei Snapchat. Anfangs meinte jeder, das diene nur dazu, Nacktbilder auszutauschen, im Endeffekt ermöglicht es aber eine viel offenere, unkompliziertere und direktere Kommunikation zwischen Nutzern als andere Plattformen.

Katrin Baumer: Wie finanziert sich Jodel?

Tim Schmitz: Wir sind derzeit von externen Investoren finanziert, die an unsere Idee glauben. Vor kurzem haben wir erste Werbeformate integriert, um zumindest einen Teil unserer Kosten zu decken. Wir werden in naher Zukunft vermutlich noch mit dem ein oder anderen Format herumspielen. Vor allem hyperlokale Werbung bietet sich als Format an. Hauptfokus ist aber immer noch die Weiterentwicklung unseres Produktes, um noch mehr Nutzer zu erreichen.

Katrin Baumer: Worauf kommt es beim digitalen Lokaljournalismus der Zukunft an und was können Medienhäuser von Jodel lernen?

Tim Schmitz: Schwierige Frage. Wir haben nicht den Anspruch, mit Lokaljournalismus zu konkurrieren, sondern sehen uns eher als Ergänzung, die wegen der großen lokalen Reichweite auch vom Lokaljournalismus genutzt werden kann.

Ich könnte mir vorstellen, dass eine der größten Herausforderungen des Lokaljournalismus derzeit die Reichweite ist – vor allem in Bezug auf junge Leute. Radio höre ich nur im Auto, lokale Zeitungen sehe ich nur, wenn ich sie am Bahnhof in die Hand gedrückt kriege oder meine Eltern ein Abo haben. Und ich habe genug Apps auf meinem Handy, würde also keine weitere App meiner lokalen Lieblingszeitung installieren.

Globale Plattformen sind überflutet mit Content und hier konkurriert die Lokalzeitung mit sämtlichen Formaten im Newsfeed. Lokale Anbieter müssen zusätzlich erst einmal viel investieren, um überhaupt ein paar Follower zu bekommen. Ich glaube, da können sie am meisten von uns lernen. Auch für den Lokaljournalismus ist es wichtig, mehr Innovation in Kanäle mit Reichweite zu stecken, besonders um junge Leute zu erreichen.

Katrin Baumer: Danke für das Interview!

Wollen Sie mehr erfahren über digitale Zukunftsstrategien für alle, die lokalen Content produzieren, lokale Zielgruppen adressieren und spezifische lokale Reichweiten aufbauen wollen? Dann nehmen Sie an der Local Web Conference am 4. Juli 2018 in Nürnberg teil, die im Rahmen der Lokalrundfunktage stattfindet.

Dieses Interview erschien zuerst bei MedienNetzwerk Bayern.


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