InsurTech. Das Erwachen der Macht.

von Maik Klotz am 06.April 2016 in News, Ökosysteme, Trends & Analysen

Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV)

Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV)

Über Jahrzehnte haben Versicherungen vor allen Dingen eines getan: neue Versicherungsprodukte entwickelt. Aber wie in vielen anderen Branchen auch stand nicht der Kunde im Fokus, sondern das Geschäftsmodell. Anders sind Versicherungen wie Insassenunfallversicherung, Glasbruchversicherung oder ein Jeckenschutz im Karneval (schützt, anders als der Name es vermuten lässt, nicht vor feierwütigen Karnevalisten) nicht zu erklären. Verkauft werden diese Produkte von 233.000 Versicherungsvertretern. Verkaufswerkzeug ist immer die Angst der Kunden – und mit der Angst lässt sich scheinbar ganz gut Geld verdienen. Mit Beitragseinnahmen von ca. 193 Milliarden Euro gehört die Versicherungswirtschaft in Deutschland laut dem GDV zu den umsatzstärksten Branchen. Tendenz steigend.

Versicherungsbranche – gleiche Liga wie Banken und Behörden

In der Wahrnehmung der Kunden spielen Versicherungen derweil in der gleichen Liga wie Banken und Behörden. Transparenz und Simplizität sind keine Adjektive, die man mit Versicherungen verbindet. Im Gegenteil. Die meisten Versicherungsanbieter sind alteingesessene Konzerne mit langer Tradition. Die 46 Versicherungen auf der Fortune-500-Liste (500 umsatzstärksten Unternehmen der Welt) haben ein Durschnittsalter von fast 100 Jahren. Und diese Tradition steht im krassen Gegensatz zum inzwischen digitalisierten Kunden. Während in vielen anderen Branchen die Digitalisierung zu neuen disruptiven Entwicklungen führt, war es in der Versicherungsbranche bisher verhältnismäßig ruhig. Dabei zeigt der Kundenmonitor ASSEKURANZ 2015 vom BDVW, dass 50 Prozent der Online-Kunden bereit sind, bei verschiedenen Versicherungs-Services eine App zu nutzen. Aber jetzt wird diese Ruhe von Firmen aus dem sogenannten InsurTech-Bereich (Insurance and Technology) gestört. InsurTech beschreibt Unternehmen, die neue und zum Teil disruptive Lösungen in und um die Versicherungsbranche anbieten. Zwar sind mit knapp 25 InsurTech Startups in Deutschland vergleichsweise wenig Startups in der Versicherungsbranche unterwegs, dafür sind aber die Widerstände seitens der etablierten, traditionellen Versicherungsunternehmen umso größer, denn es geht um Geld. Viel Geld.

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Insurtech gegen Versicherungsbranche. Das Erwachen der Macht. Photo credit: chirinecarlao via Visual Hunt / CC BY

Es geht um viel Geld geht

Bei Versicherungen verdienen in der Regel zwei Parteien Geld. Auf der einen Seite die Versicherungsgesellschaft selbst und auf der anderen Seite der Makler. Das kann der klassischer Versicherungsvertreter, ein Vergleichsportal oder sogenannte Finanzvermittler wie zum Beispiel Swiss Life Select (ehemals AWD) oder MLP sein. Für die Vermittler gibt es je nach Versicherung ein entsprechendes Kopfgeld. Nachvollziehbar, dass das Interesse groß ist, möglichst viele Versicherungen zu verkaufen. Startups wie Knip und GetSafe fangen an, dieses klassische Maklergeschäft abzulösen und vermitteln Versicherungen auf eine einfache Art und Weise. Beide Lösungen bieten zunächst einmal die Übersicht über bestehende Versicherungen. Darüber hinaus können Versicherungen einfach gewechselt oder neu abgeschlossen werden. Das ganze spielt sich innerhalb einer App ab und kann überall erledigt werden. Im Prinzip bieten die beiden Lösungen einen digitalen smarten Versicherungsordner, ohne an eine  einzige Versicherungsgesellschaft gebunden zu sein. Knip und GetSafe verdienen schon bei der Eingabe der bestehenden Verträge, denn damit wird auch das Versicherungsmandat übergeben. Das geht in den Lösungen von Knip & Co recht schnell. Der Kunde bekommt im Gegenzug zum einen eine Übersicht über seine Versicherungssituation und zum anderen die Möglichkeit, einfach neue Versicherungen abzuschließen – auch hier wird natürlich wieder verdient. Einen etwas anderen Weg geht Schutzklick. Hier wird der einfache und schnelle Weg geboten, Kleinstversicherungen, zum Beispiel für Fahrräder, Elektronik oder Brillen, abzuschließen. Mit einem Klick.

Das Imperium wehrt sich

Photo credit: taymtaym via VisualHunt.com / CC BY

Das Versicherungs-Imperium wehrt sich gegen Insurtech (Photo credit: taymtaym via VisualHunt.com / CC BY)

Den traditionellen Versicherungen und Maklern gefällt das nur mittelgut. Helge Lach, Vorstand der Deutschen Vermögensberatung (DVAG), wirft den neuen Startup-Konkurrenten Intransparenz und unsaubere Geschäfte vor. In einem Blogbeitrag lässt Lach seinem Unmut freien Lauf und lässt kein gutes Haar an den neuen InsurTech-Unternehmen. Die InsurTechs seien Schuld am “digitalen Blindflug“ der Kunden. Die InsurTech-Szene schlug entsprechend zurück und das Schweizer Unternehmen Knip antwortetet mit einem offenen Brief: “Die Vorwürfe, die ihr gegen uns erhebt, sind haltlos und machen einmal mehr deutlich, dass rein vertriebsorientierte und technologieferne Anbieter wie ihr mit dem Rücken zur Wand stehen”. Damit nicht genug:  Die Helsana AG, mit 1,9 Millionen Versicherten der größte Krankenversicherer der Schweiz, kündigte kurz darauf die Zusammenarbeit mit Knip. Als Grund gab man Datenschutzbedenken bei der Lösung von Knip an und nutzte die Gelegenheit, um auf die eigene Lösung MyHelsana hinzuweisen. Die Reaktion vom DVAG und der Helsana AG sprechen eine deutliche Sprache. Es geht um den Zugang zum Kunden. Diesen möchte man unter gar keinen Umständen abgeben, schließlich wird mit der Beratung viel Geld verdient. Dabei macht es vor allem die Versäumnisse einer ganzen Branche deutlich: dem inzwischen digitalen Konsumenten hat man nicht viel zu bieten.

Versicherungen haben keine Alltagsrelevanz

Statt sich endlich mit den Anwendern auseinanderzusetzen, verteufelt man lieber ausgerechnet die Unternehmen, die frischen und dringend notwendigen Wind in die Versicherungslandschaft bringen, denn Versicherungen haben keinerlei Alltagsrelevanz. So lange es keinen Schaden gibt, bemerkt der Kunde seine Versicherungen maximal auf seinem Kontoauszug. Bis dahin verschwindet der Vertrag mehr oder weniger griffbereit in einem Ordner. Anders ausgedrückt: Versicherungen bieten bis heute einen sehr analogen Service. Auch im Leistungsfall macht sich das bemerkbar: Unfallhergänge müssen auf Fragebögen ausgefüllt oder erstattungsfähige Rechnungen im Original per Post verschickt werden. Stand heute hat nicht einmal jede Versicherung eine mobil-optimierte Webseite, wie man es zum Beispiel eindrucksvoll bei der Gothaer oder der HDI Versicherung demonstriert bekommt. Mobile Apps erfüllen, wenn sie überhaupt von den Versicherungen angeboten werden, viel zu oft keinen Kundennutzen. Es sei denn ein Stress Coach (Allianz) oder eine App über Reise-Medizin (HUK) ist das, was die Kunden von Ihrer Versicherung als App erwarten. Bei vielen verfügbaren Lösungen scheint “Hauptsache eine App” das Leitmotiv zu sein. InsurTech-Startups bieten aber genau das, digitale Lösungen für digitale Kunden.

Fazit

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Versicherungen: nicht im Alltag relevant (Photo credit: Moto@Club4AG via Visual Hunt / CC BY)

Die Versicherungsbranche ist eine der Branchen, die vor einem großen Umbruch stehen. Natürlich muss am Ende irgendwer die Versicherungsleistung erbringen, aber für das Frontend zum Kunden braucht es keinen Versicherungsmakler mehr. Haben Vergleichsportale in den letzten Jahren für die Vergleichbarkeit von neuen Versicherungen gesorgt, gehen InsurTech-Unternehmen einen Schritt weiter und bieten nicht nur Vergleichbarkeit sondern Transparenz, Simplizität oder gar eigene Versicherungsprodukte. So wie Number26 sicherlich auf dem Weg zu einer echten Bank ist, so wird es irgendwann InsurTech-Unternehmen geben, die ebenfalls eigene Versicherungsleistungen anbieten werden. Die traditionellen Versicherungsunternehmen täten sich gut daran, sich jetzt mit den jungen Unternehmen zusammen zu tun. Denn sonst passiert das, was wir im Einzelhandel, der Automobilindustrie oder in der Bankbranche erleben: Irgendwann kommt jemand und macht es besser. Und dann ist das Gejammer groß. Dieser Jemand muss nicht mal ein kleines InsurTech-Unternehmen sein. Große Unternehmen wie Apple und Google zeigen, dass sie auch nicht vor fremden Branchen zurückschrecken. Nur weil Google heute noch keine Versicherung anbietet, bedeutet das nicht, dass es das nicht morgen tut.


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