Kritik an den Kritikern. Warum Apple keine Copycat ist, sondern es schon immer war.

von Maik Klotz am 15.September 2015 in App Business, Geräte, News, Trends & Analysen

ipod2001Es war ein enttäuschender Auftritt, den Apple am 9. September hingelegt hat. Statt der erhofften revolutionären Entwicklungen gab es nur eine weiterentwickelte Produktpalette. Die einzige Überraschung an diesem Abend war, der Microsoft-Auftritt auf der Apple-Keynote – ich glaub die Hölle friert zu. Alles andere kam erwartungsgemäß: neues iPhone, neues iPad und neues Apple TV – kein “one more thing” in Form von einem selbstfahrenden Auto, eines Laserschwerts oder eines Hoverboards. So weit so langweilig. Es dauerte nicht lange bis die ersten Expertenmeinungen entsprechend nüchtern ausfielen und manch einer gar wenn nicht das Ende von Apple dann zumindest das Ende der Innovationen prophezeite.

Qualität statt Innovation

T-Sinus Pad 2001

T-Sinus Pad 2001

Schaut man allerdings etwas genauer hin, macht Apple das, was es schon immer getan hat: gute Produkte. Apples Anspruch ist nicht jedes Jahr ein neues Produkt aus dem Hut zu zaubern. Apples Anspruch ist es, das beste Produkt einer Klasse zu haben. Das erste iPhone 2007 war eine konsequente Weiterentwicklung, der zu dem Zeitpunkt verfügbaren Featurephones und PDAs. Lange vor dem iPhone gab es Mobiltelefone mit Touchscreen wie den Nokia Comminicator oder PDAs und Pocket-PCs von Sony, Dell und vor allem von Palm. Herkömmliche Mobiltelefone hatten einen Leistungsumfang, der durchaus mit den Fähigkeiten eines iPhones mithalten konnte oder in manchen Bereichen dem iPhone weit überlegen war. Was Apple tat, war eine auf den Kunden ausgerichtete Veredelung der Geräte. Die Bedienung des iPhones wurde auf ein Minimum reduziert und maximal optimiert. Das iPhone brauchte keinen überflüssigen Stylus wie man ihn von PDAs oder Pocket-PCs kannte und war eine reduzierte und konsequente Weiterentwicklung der vorhandenen Mobiltelefone und PDAs. Revolutionär war Apples Einstieg in eine bis dahin fremde Branche und die Simplifizierung und Emotionalisierung einer Gerätekategorie. Das gleiche machte Apple Jahre zuvor 2001 mit dem iPod, zu einem Zeitpunkt wo es hunderte Hersteller von MP3-Playern gab. Auch hier war der iPod eine konsequente Weiterentwicklung bestehender Technologien. Die Bedienung des iPods war einfach und der Speicherplatz enorm. Als Steve Jobs im Jahr 2010 das iPad vorstellte und die Post-PC-Ära einläutete, waren wieder alle aus dem Häuschen. Niemand dachte daran, dass Siemens bereits 2001 ein Tablet auf den Markt gebracht hatte. Die Telekom vermarktete das Gerät in Deutschland als T-Sinus Pad – wenig erfolgreich. Erst mit dem iPad wurden Tablet-PCs bedienbar – wieder “nur” eine logische Weiterentwicklung bestehender Gerätekategorien.

iPhone6sApple erfindet das Rad nicht neu, sondern verbessert es

Apple hat nicht den zwingenden Anspruch mit einer Technologie als erster auf dem Markt zu sein, sondern bei Veröffentlichung die beste Lösung und User Experience zu bieten. Ein schönes Beispiel dafür ist das Thema Mobile Payment. Bevor Apple Pay vor nicht einmal 12 Monaten angekündigt wurde, gab es schon eine Vielzahl mobiler Bezahlverfahren auf dem Markt. Apple hat, wie so oft, sich auf die Bedürfnisse der Anwender konzentriert. Apple stellt Themen, die den Konsumenten wichtig sind, wie ein einfaches Onboarding, den Schutz der Daten und eine einfache Bedienbarkeit in den Fokus. Wie erfolgreich Apple Pay am Ende sein wird, muss sich noch zeigen. Die Hausaufgaben hat Apple jedoch wie so oft gemacht.

Apple und der Überraschungsmoment

Der Grund, warum Apple in der Vergangenheit innovativer erschien als es war, lag im Überraschungsmoment. Musste Apple 2007 noch 21.000 potentielle Geheimnisträger bändigen, sind es heute schon knapp 100.000. So viele Mitarbeiter hat Apple, die mehr oder weniger über die Pläne des Unternehmens bescheid wissen – von den Zulieferern mal ganz abgesehen. Vor allem steht Apple anders als noch vor 10 Jahren unter akribischer Beobachtung. Jedes kleinste Detail wird analysiert und man versucht im Vorfeld Rückschlüsse für kommende Produkte zu ziehen. Apple kann keinen Pups lassen ohne, dass ein Journalist daraus eine Windmaschine rekonstruiert. Das führt automatisch zu mehr oder weniger verlässlichen Leaks, die dann den Überraschungsmoment einer Keynote versauen. So gesehen ist auch das iPhone 6s nichts Neues. Und natürlich ist der Abstand zu anderen Smartphone-Herstellern nicht mehr so groß, wie er 2007 war. Damals gab es ja auch nichts Vergleichbares. Und ja, die neuen Features des iPhone 6s haben wir schon woanders gesehen. 3D Touch gibt es schon beim Sony Xperia Z3 und das iPad Pro sieht aus wie das Surface von Microsoft. Am Ende des Tages spielt keine Rolle welcher Prozessor, RAM oder sonstige Hardware in einem Smartphone steckt oder wer zu erst auf dem Markt war. Entscheident ist, wie eine neue Technologie dem Kunden zugänglich gemacht wird und wie sie in der Hand liegt. Die Glühbirne wurde genau so wenig von Thomas Edison erfunden wie die Dampfmaschine von James Watt – beide wussten nur die Technik zu verbessern.

Der Apple-Stift

Apple PencilAuch wird sich Steve Jobs sicher nicht im Grabe rumdrehen, weil Apple nun mit dem Apple Pencil, den Stylus eingeführt hat oder weil das iPhone inzwischen deutlich größer geworden ist als noch zu Jobs Zeiten. Menschen ändern sich, Konsumenten ändern sich und Apple reagiert auf solche Veränderungen. Genau deshalb gibt es ein iPad Pro und einen entsprechenden Stylus und deshalb wurde das iPhone über die Jahre größer. Unterschiedliche Einsatzgebiete benötigen unterschiedliche Geräte und unterschiedliche Bedienphilosophien – neben der Tatsache, dass der Apple Pencil nicht als Eingabegerät gedacht ist, sondern als Stift – deshalb heißt das Ding vermutlich auch Pencil.

Nicht alles was Apple anfasst ist automatisch gut oder richtig

Beim Musik-Streaming hat Apple sicher noch Nachholfbedarf und man kann zurecht sagen, dass Apple viel zu spät in diesen Markt eingetreten ist – von Flops wie zum Beispiel dem Apple Mail-Dienst “MobileMe” mal ganz abgesehen. Das Apple die Verkaufszahlen der Apple Watch erneut unter Tisch gekehrt hat, kann sicher als Indiz dafür gesehen werden, dass es beim Thema Wearables für Apple vielleicht nicht ganz so toll läuft. Die Geschichte zeigt auch, dass selbst Konzerne nicht sicher davor sind, in die Bedeutungslosigkeit zu rutschen – oder hätte vor 10 Jahren jemand geglaubt, Nokia würde jemals seine Handysparte verlieren? Damals fehlte es Nokia am Verständnis und den passenden Antworten auf die Bedürfnisse der Nutzer. Was der evolutionären Weiterentwicklung des Handys den Weg ebnete – dem iPhone.

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