Interview mit Dr. Danny Fundinger von IBM: „Übertragungstechniken wie NFC oder BLE werden überbewertet.“

von Fritz Ramisch am 12.Mai 2014 in Interviews, Mobile Payment, News

Danny Fundinger, CIRQUENT„Die Übertragungstechnologie wird im Kontext Mobile Wallet/Payment meist überbewertet, und die anderen Faktoren zu stark vernachlässigt – zumal NFC als auch BLE ergänzende und keine konkurrierenden Technologien sind.“ Dr. Danny Fundinger misst dem Wettrennen der Übertragungsstandards weit weniger Bedeutung zu, als von einigen Medien und Experten suggeriert wird. „Bei einer Mobile Wallet ist für ein Unternehmen derzeit nicht entscheidend wie viele Kunden diese wie oft kurzfristig nutzen, sondern vielmehr die Frage wie sich das Unternehmen in einem Mobile-Wallet-Ökosystem in 5 Jahren erfolgreich positionieren kann, und welche Weichen dafür schon heute gestellt werden müssen“, beurteilt Dr. Danny Fundinger von IBM den Aspekt, dass Mobile Wallets sich in Deutschland noch nicht flächendeckend durchgesetzt haben. „Weichenstellungen mit Langzeitwirkung, wie der Umbau der Akzeptanzinfrastruktur, finden hinter den Kulissen schon heute statt, und wenn die Mobile Wallet dann auch beim Endkunden angekommen ist, wird der Zug für viele schon abgefahren sein“, so die Prognose des Mobile-Wallet-Experten. Als Management Berater ist Fundinger bei IBM im globalen Kompetenzzentrum Mobile für die Themen Mobile Strategy, Payments und Wallets verantwortlich. Neben Beratungsprojekten zu strategischen und konzeptionellen Fragestellungen in Europa und Asien engagiert er sich zu diesen Themen in verschiedenen Arbeitskreisen (Bitkom, GS1), und durch Publikationen in der nationalen und internationalen Fachpresse sowie im eigenen Blog (www.mobile-payments-blog.com). Dr. Fundinger wird auf der diesjährigen MCTA 2014 – 14. Konferenz Mobile Commerce – Technologien, Märkte, Anwendungen am 12.-13.05.2014 in Frankfurt einen Workshop zum Thema „Beacons, NFC, Trusted Service Manager etc. – Mobile Wallets von A bis Z“ durchführen. Wir haben Dr. Danny Fundinger im Vorfeld der MCTA 2014 zu NFC, Mobile Wallets und dem Internet of Things befragt.

mobilbranche.de: Wann haben Sie zuletzt privat mobil bezahlt oder NFC genutzt?

Dr. Danny Fundinger: NFC habe ich letzte Woche bei einem Museumsbesuch in Frankreich genutzt. Leider gibt es vergleichbare Angebote in Deutschland noch nicht. Mobil bezahlt habe ich meinen spontanen Einkauf gestern bei Amazon. Die letzte Bezahlung mit NFC liegt schon zwei Wochen zurück, da wir hier leider noch nicht über eine ausreichende Infrastruktur in Deutschland verfügen, um das regelmäßig nutzen zu können bzw. weil die eigentlich verfügbare kontaktlose Bezahlung von manchen Händlern in ihren Terminals noch nicht freigeschaltet ist.

mobilbranche.de: Sie führen im Rahmen der diesjährigen MCTA 2014 einen Workshop zum Thema „Beacons, NFC, Trusted Service Manager etc. – Mobile Wallets von A bis Z“ durch. Warum haben sich Mobile Wallets noch nicht flächendeckend durchgesetzt? Woran hapert es?

Dr. Danny Fundinger: An der Geduld, an der Infrastruktur und an einer branchenübergreifenden, gemeinsamen Vision. Mobile Wallet ist ein sehr komplexes Feld, das sowohl vom Einfluss vieler Stakeholder, wie Banken, Händlern und Telekommunikationsunternehmen abhängt, als auch vom Aufbau einer flächendeckenden Akzeptanzinfrastruktur. Dies ist ein großer Unterschied zu heute schon erfolgreichen Mobile- und Online-Angeboten. Ein Dienst wie z.B. Facebook ist nicht auf lokale Infrastruktur oder lokale Stakeholder angewiesen, sondern „nur“ auf die Akzeptanz der Anwender. Solche Dienste haben deshalb eine ganz andere Wachstumsdynamik als eine Mobile Wallet, und erfordern daher auch einen ganz anderen strategischen Ansatz und ein ganz anderes Wachstumsmodell. Bei einer Mobile Wallet ist für ein Unternehmen derzeit nicht entscheidend wie viele Kunden diese wie oft kurzfristig nutzen bis Ende 2014, sondern vielmehr die Frage wie das Unternehmen in einem Mobile Wallet Ökosystem in 5 Jahren erfolgreich positioniert ist, und welche Weichen dafür schon heute gestellt werden müssen. Denn diese Weichenstellungen mit Langzeitwirkung, wie der Umbau der Akzeptanzinfrastruktur, finden hinter den Kulissen schon heute statt, und wenn die Mobile Wallet dann auch beim Endkunden angekommen ist, wird der Zug für viele schon abgefahren sein.

mobilbranche.de: IBM engagiert sich zunehmend im Internet-of-Things-Markt. Zuletzt wurde mit Xtify, ein Anbieter von Cloud-basierten Mobile-Messaging Lösungen übernommen. Ist mit weiteren Übernahmen zu rechnen?

Dr. Danny Fundinger: IBM spekuliert nicht über künftige potentielle Geschäftsentwicklungen.

mobilbranche.de: Wie will sich IBM im IoT-Markt künftig positionieren?

Dr. Danny Fundinger: IoT ist eine Technologie-Evolution bei der Objekte in der Lage sind mit anderen Objekten zu interagieren. Krankenhäuser können Herzschrittmacher über große Distanzen überwachen und regulieren, Fabriken können automatisch die Produktionslinien modifizieren, und Hotels können Zimmertemperatur und Lichtverhältnisse an die individuellen Kundenwünsche anpassen, um nur einige Beispiele zu nennen. Im Weiteren, da die Anzahl der mit dem Internet verbundenen Geräte exponentiell zunimmt, werden die Möglichkeiten von Unternehmen zur Interaktion mit verbundenen Geräten generell stark zunehmen.

Die Lösungen von IBM unterstützen Unternehmen in IoT dabei, die folgenden Fähigkeiten zu erlangen:

– Verbindung von Millionen von Objekten und Aktionen.
– Auswertung von Informationen in komplexen Datensystemen.
– Unterstützung und Einführung neuer Systeme zur Interaktion von Personen, mobilen Geräten, Sensoren, Maschinen und   Applikationen.
– Virtualisierung von Geschäftsvorfällen, überall und jederzeit, mit beinahe jedem Gerät
– Empfang und Versand von Aktionen nahezu in Echtzeit

mobilbranche.de: Bei der Vernetzung geht es immer auch um Übertragungstechnologien. Bei mobilen Bezahllösungen hat sich noch kein Standard flächendeckend durchgesetzt. Bluetooth-Low-Energy und der iBeacon-Lösung wird großes Potenzial nachgesagt. Sie glauben aber an die Zukunft von NFC. Welche Vorteile hat NFC gegenüber anderen Übertragungsstandards?

Dr. Danny Fundinger: Die Übertragungstechnologie ist nur ein kleiner Baustein im Gesamtmodell einer Mobile Payments/Wallets-Lösung. Anmelde- und Bezahlprozesse, Gebührenmodell, Regulatorien, Zertifizierung/ Standardisierung, Abdeckung von Bezahlszenarien, Nutzenbalance zwischen Kunde und Händler als auch Balance zwischen Convenience und Sicherheit sind nur einige der weiteren Faktoren, die eine Rolle spielen. Die Übertragungstechnologie wird in dem Kontext meist überbewertet, und die anderen Faktoren zu stark vernachlässigt, zumal NFC als auch BLE ergänzende und keine konkurrierenden Technologien sind. Mit NFC kann eine kontextuelle/situative Aktion ausgeführt werden, und mit BLE ein Check-In und Distanzerkennung in einem größeren Raum. Beides kann im Rahmen eines Zahlprozesses ganz unterschiedlich verwendet und auch sinnvoll kombiniert werden.

Zu ergänzen wäre auch, dass NFC in Sachen Standardisierung schon einige Hürden genommen hat, und gerade im Bereich Bezahlung durch alle relevanten Institutionen weitestgehend standardisiert ist (EMVCo (inkl. VISA & Mastercard), GlobalPlatform, ETSI, GSMA; ein Nachzügler ist in der Hinsicht noch das deutsche girocard Verfahren) und Lösungen schon relativ einfach zertifiziert werden können. Für BLE/Beacon steht dies erst noch an.

mobilbranche.de: Wearables sind einer der Top-Trends in der Mobilbranche. Wie glauben Sie können Wearables im Business-Kontext in ein paar Jahren genutzt werden?

Dr. Danny Fundinger: Eine Vielzahl der Funktionen, die die derzeit noch dominanten mobilen Geräte Smart Phone und Tablets ausführen, werden sich künftig auf verschiedene Typen von Wearables verteilen. Und zwar immer dann, wenn das Wearable Gerät die Funktion vereinfacht oder verbessert. Dazu werden insbesondere Mobile Wallet und Payments gehören, denn mit einer Smart Watch oder Glasses kann bezahlt werden, ohne erst das Smart Phone aus der Tasche ziehen zu müssen. Wearables sind somit nach den Phones und Tablets die dritte Generation an mobilen Geräten, die das Ökosystem bereichern und uns das Leben erleichtern werden. Ebenso wie bei Smart Phones wird sich das Anwendungsfeld vom originären Nutzungskontext lösen und sehr stark verbreitern, es werden auch ganz neue Anwendungsszenarien hinzukommen, die man sich heute noch gar nicht vorstellen kann.

mobilbranche.de: Vielen Dank für das Interview.

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