„Nicht entdeckte Bugs in Apps können Millionenschäden anrichten“: Interview mit Ayk Odabasyan von Appmatics.

von Florian Treiß am 04.April 2018 in App Business, Interviews, News

„Unser Ziel ist es, ein Gütesiegel für digitale Produkte zu werden. Eine unabhängige Instanz, die Produkte testet und für deren Qualität steht“, sagt Ayk Odabasyan. Er ist Gründer und Geschäftsführer von Appmatics aus Köln. Das Unternehmen prüft mit Inhouse-Testing-Teams mobile Anwendungen auf Funktionalität, Usability und Performance. Wir haben mit Ayk Odabasyan über die Herausforderungen im App Testing gesprochen und darüber, wieso externe Tests für jeden App Publisher sinnvoll sind. „Früher haben die meisten Firmen, mit denen ich gesprochen habe, nicht verstanden, warum ihr Produkt jedes Mal getestet werden sollte – das würde doch schließlich der Entwickler bereits tun“, sagt Odabasyan. Doch mittlerweile hätten die meisten Unternehmen mitbekommen, dass „nicht entdeckte Bugs in Apps im schlimmsten Fall Millionenschäden anrichten können“ und regelmäßiges Testing daher sinnvoll sei.

mobilbranche.de: Ayk, Deine Firma hat sich auf App Testing spezialisiert. Was findest Du an dem Thema so reizvoll?

Ayk Odabasyan: Wir arbeiten mit vielen innovativen und in den jeweiligen Branchen führenden Unternehmen eng im gesamten Entwicklungsprozess zusammen. Für mich sind der ständige Wissenstransfer zwischen unserem Team und unseren Kunden sowie die Herausforderungen aus den immer komplexer werdenden Apps und der Gerätevielfalt die spannendsten Aspekte unserer Arbeit.

mobilbranche.de: Wie wichtig ist Testing heute für App Publisher?

Ayk Odabasyan: Für die meisten unserer Kunden sind wir ein fester Bestandteil im Entwicklungsprozess. Unsere Testmanager gehören für viele zum Team und sind auch regelmäßig Vorort. Das merkt man auch am Einfluss, den wir auf den Entwicklungsprozess nehmen: Erst wenn wir eine Version freigeben, geht diese Online.

mobilbranche.de: Welche Herausforderungen siehst du dabei für Euch und Eure Kunden?

Ayk Odabasyan: Zunächst einmal sind digitale Produkte, wie wir sie heute kennen, als Commodity sehr austauschbar geworden. Durch User-Bewertungen und die entsprechenden Store-Algorithmen entscheidet die Qualität dann immer häufiger über Erfolg oder Misserfolg dieser Produkte. Daneben ist zugleich die Komplexität der Anwendungen als auch die Gerätevielfallt immer weiter gestiegen. So steigt der Anspruch an die Qualitätssicherung immer stärker und stellt uns ständig vor neue Herausforderungen.

Und so machen auch wir hin und wieder Fehler und selbst kritische Fehler sind uns, wenn auch sehr selten, bereits durchgegangen. Hier tun wir natürlich alles, um das Problem so schnell wie möglich gemeinsam mit dem Auftraggeber zu lösen. Dabei war ich jedoch immer sehr froh zu sehen, dass sowas uns auch nachgesehen wird und nicht gleich mit der Kündigung gedroht wird. Denn jeder macht mal Fehler.

Auf der anderen Seite ist die Nachfrage nach Entwicklern größer als jemals zuvor. Sowohl Entwickler als auch alle anderen Produktverantwortlichen können neben dem Daily-Business nicht die nötige Zeit in das Testing stecken, wie es erforderlich ist. Ein externer QA-Dienstleister hat den entsprechenden Device-Pool und kann in den Testzyklen entsprechend mit Personalressourcen skalieren.

Apps sollten laufend Qualitätstests unterzogen werden. (Bild: Shutterstock)

mobilbranche.de: Auf was achtet Ihr beim App Testing?

Ayk Odabasyan: Grundsätzlich soll alles so funktionieren, wie es die Use-Cases im Testplan vorsehen. Daneben muss aber auch die Usability Markt- bzw. Plattform-Konform sein. Gerade bei UI/UX ist die Erfahrung der Tester und Testmanager aus anderen Projekten immer auch Grundlage von Verbesserungsvorschlägen. Beim Testing mitzudenken und mögliche Fehlerquellen vorherzusehen ist für uns im explorativen Testing essentiell.

mobilbranche.de: Was für Kunden hat Appmatics?

Ayk Odabasyan: Wir testen regelmäßig für weit über 100 namhafte Kunden aus Deutschland, Österreich und Schweiz. Zum Beispiel Chefkoch, Kicker oder Wetter-Online.

„Häufig wird das erste Geld nicht ins Testing gesteckt, sondern in Produktentwicklung und Marketing.“

mobilbranche.de: Wie früh denken App-Macher denn an externe Tests?

Ayk Odabasyan: Die meisten unserer Auftraggeber sind bereits sehr erfolgreich mit ihren Apps am Markt – und schalten uns oft erst zu einem späteren Zeitpunkt ein, wenn konkrete Probleme auftauchen und diese für die Zukunft verhindert werden sollen. Häufig wird nicht unbedingt das Geld als erstes ins Testing gesteckt, sondern erstmal in die interne Produktentwicklung und das Marketing. Zugleich merken wir, dass das Bewusstsein für ein externes Testing bei immer mehr Firmen nun schon früher einsetzt. Unsere Kunden überzeugen wir natürlich am ehesten, wenn nichts schief geht. Zum Glück schätzen unsere Kunden aber auch, dass wir so schnell sehr nah am Produkt sind. Häufig kennen wir die Apps nach kurzer Zeit besser als unsere Kunden selbst. Wir bzw. unsere Testmanager fühlen sich für die Apps mit verantwortlich und das macht unsere Dienstleistung erst so wertvoll für unsere Kunden.

mobilbranche.de: Sind die Vorteile des externen App Testings mittlerweile bei allen Publishern angekommen? Oder denkst Du Dir manchmal: Mensch, diese App hier ist offenkundig noch nie getestet worden?

Ayk Odabasyan: Als wir vor vier Jahren gestartet sind, habe ich natürlich sehr häufig den Hörer in die Hand nehmen müssen, um unsere Leistung zu verkaufen. Das war damals noch eine andere Welt und die meisten, mit denen ich gesprochen habe, haben nicht verstanden, warum ihr Produkt jedes Mal getestet werden sollte – das würde doch schließlich der Entwickler bereits tun. Das sieht heute zum Glück anders aus. Tatsächlich ist dieser Fortschritt auch sehr Branchenabhängig. Je digitaler eine Branche ist, desto selbstverständlicher wird das Testing der Apps oder Webseiten angesehen. Einige Branchen haben sich da recht unterschiedlich entwickelt. Zu Beginn waren es die Unternehmen, deren Geschäftsmodell rein Online stattfand. Die Verlage haben schnell aufgeholt, wohl sicher auch der schweren Lage in den klassischen Medien geschuldet. Luftfahrt, Automobil und die ganzen Mobilitäts-Lösungen sind natürlich auch schon angekommen. Banken und Versicherungen sind heute erst soweit. Öffentliche bzw. staatliche Güter werden wohl die letzten sein. Aber davon kann man sich auch sehr schnell ein Bild in den Bewertungen der Appstores machen.

mobilbranche.de: Kannst Du ein konkretes Beispiel nennen, wie Euer Testing eine bestimmte App erfolgreicher gemacht hat?

Ayk Odabasyan: Das ist natürlich schwer. Am Ende kann man nie sagen, welche Auswirkungen ein Bug für einen Kunden hat. Aber wenn man Buchungen nicht abschließen kann oder die Registrierungen nicht in der Datenbank ankommen, könnten die Einnahmenausfälle solcher Fehler für unsere Kunden bis zur Entdeckung und dem Hotfix teilweise in die Millionen gehen.

„Crowd-Testing ist eine schöne Idee. Aber wir sind lieber noch näher am Produkt dran mit eigenen Teams.“

mobilbranche.de: Wettbewerber wie etwa Applause setzen auf ein Crowd-Testing-Modell, Ihr testet die Apps hingegen selbst für Eure Kunden. Wieso?

Ayk Odabasyan: Crowd-Testing ist ein tolles, skalierbares Modell welches definitiv auch seine spezifischen Vorzüge hat. In der Realität jedoch ist es wichtig so nah wie möglich am Produkt zu stehen und sich damit auseinander zu setzen. Wir haben auch immer häufiger Fälle wo wir uns bspw. per VPN an Testumgebungen anbinden müssen oder Peripherie mittesten. Das könnte ich mir mit einer Crowd nicht vorstellen.

Tatsächlich waren wir früher selbst nicht abgeneigt eine Crowd aufzubauen. Heute sind wir wieder weit davon entfernt, nicht nur aus den oben genannten Gründen. Auch sträuben wir uns gegen Bezahlung unserer Tester nach gefundenen Bugs, weil aus unserer Erfahrung dann die Anzahl irrelevanter Tickets unverhältnismäßig steigt.

mobilbranche.de: Kannst Du aus Deinen Testing-Erfahrungen heraus fünf Punkte nennen, auf welche App Publisher auf jeden Fall achten sollten, damit Ihre App erfolgreich wird?

Ayk Odabasyan: Zunächst sollten sich viele fragen, ob man überhaupt eine App braucht. Ein App macht Sinn, wenn man auch die Mehrwerte von Apps wie Vermarktung bzw. Reichweite der Stores nutzt oder aber auch die technischen Vorteile wie: Speicherung von Daten, regelmäßige Zugriffe auf persönliche Daten etc. Denn eine App zu betreiben ist definitiv aufwendig. Zu den Punkten würde ich aufzählen:

  • Regelmäßige Weiterentwicklung inkl Testing 😉
  • Austausch mit den Usern über den AppStore und auch über einen Support pflegen
  • Stets auf aktuelle Technologien setzen
  • Gute AppStore-Auftritte (ASO)
  • Regelmäßige Anpassung der UI/UX an Markt- und Plattformspezifische Anforderungen

mobilbranche.de: Ihr bietet neben App Testing auch App Store Optimization an. Wie passen diese beiden Themen zusammen?

Ayk Odabasyan: Beim Sicherstellen der Qualität ist uns die Endkunden-Zufriedenheit und damit auch die Bewertung einer App sehr wichtig. Wenn aber der AppStore-Auftritt die eierlegende Wollmilch-Sau verspricht und das Produkt dies jedoch nicht bietet, kann die Qualität noch so gut sein. Die Kunden werden unzufrieden sein und schlechte Bewertungen abgeben. Außerdem haben wir die Erfahrung gemacht, dass sich in dem ganzen Konstrukt von Entwicklern und Product-Ownern keiner so recht verantwortlich für den AppStore-Auftritt fühlt. Er wird somit sehr häufig stiefmütterlich behandelt. Die Kosten sind hier sehr niedrig und die Auswirkungen verblüffend.

mobilbranche.de: Wo willst Du in den nächsten Jahren mit Appmatics hin?

Ayk Odabasyan: Natürlich möchten wir weiterhin wachsen und mit unseren Kunden ein Innovationsfaktor im App- und auch IOT-Bereich sein. Unser zugegebenermaßen nicht bescheidenes Ziel war es immer, ein Gütesiegel für digitale Produkte zu werden. Eine unabhängige Instanz, die Produkte testet und für deren Qualität steht.

mobilbranche.de: Vielen Dank für das Interview!


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