Jodel, Tinder und Alexa: Diese Apps und Skills helfen im Wahlkampf.

von Samuel Held am 07.September 2017 in Chatbots, News, Social Media, Trends & Analysen, Voice

Die Bundestagswahl 2017 ist der erste echte digitale Wahlkampf im Lande. Doch wie mobil gehen die Parteien wirklich auf Stimmenfang? Welche Kanäle nutzen sie? Und wer ist dabei erfolgreich? Wir von mobilbranche.de beleuchten die wichtigsten Aspekte des mobilen Wahlkampfs in einer Serie. Nach Facebook, Twitter, Instagram und Snapchat sowie den Apps der Parteien geht es heute in Teil 5 um: Neue Wege.

Jung und frisch wollen sich die Parteien ihren jungen Wählern präsentieren. Scheu vor neuen Kanälen ist da fehl am Platz. Politiker tummeln sich auf Dating-Portalen,  jodeln in die Welt oder beantworten Fragen auf Alexa. Sie erreichen so zwar nicht die Massen, können aber auf Aufmerksamkeit in den klassischen Medien hoffen. Wir haben einige Beispiele gefunden. Vor allem die FDP testet unkonventionelle Wege.

Swipe statt Kreuz

Im Sommer 2015 tauchte Aline Trede auf einmal bei einigen schweizerischen Nutzern im Tinderprofil auf. Gab es ein Match, folgte sofort die Einladung zum „Bier mit mir“. Was Tinder-Nutzer normalerweise freut, hatte hier einen kleinen Beigeschmack. Aline Trende war Nationalratskandidatin der Grünen.

Kurze Zeit später dann Wahlen in Wien. Immer mehr Tindernutzer sehen Personen mit pinken Slogans der Partei NEOS. Die Jugendorganisation der Partei hatte Tinder für den Wahlkampf entdeckt.

Dies probieren nun auch in Deutschland die ersten Parteien. Bei der Berlinwahl im vergangenen Jahr fanden sich Alexander Freier von der SPD und Florian Nöll von der CDU im Dating-Portal.

Wahlwerbung auf Tinder ist eine rechtliche Grauzone. Kommerzielle Werbung im privaten Profil ist auf Tinder eigentlich verboten. Eine einheitliche Linie gibt es aber nicht. Während Aline Trende nach einer Stunde gesperrt wurde, war die Berlin-Werbung offenbar in Ordnung. Bei anderen Datingportalen sind die Regeln da klarer. Gayromeo verbietet Wahlwerbung ausdrücklich.

„Swipe statt Kreuz“ könnte ein Modell für die Zukunft sein. Vielleicht wählen wir ja bald ähnlich wie in der App WahlSwiper und zeigen so, welche Partei wir gut finden.

Diskussion mit #JodelWahl

Kurze, spaßige anonyme Kurznachrichten verbreitet die App Jodel seit 2014. Die Reichweite der Beiträge ist auf gerade einmal 10 Kilometer beschränkt. Das Konzept klingt erstmal nicht nach Massenwahlkampf.

Bettina Stark-Watziger von der FDP wollte es trotzdem einmal ausprobieren und präsentierte sich im Juli den Frankfurter Wählern. Schnell bekam der Post einiges an Aufmerksamkeit. Viele Wähler stellten Fragen oder machten sich über den Post lustig.

Den Jodel-Betreibern hat die Aktion offenbar gefallen. Am Dienstag startete das Projekt #JodelWahl. Bis zur Wahl am 24. September sollen Politiker aller Parteien Fragen der Wähler beantworten. Zum Start kam Christian Lindner von der FDP zwar zu spät, beantwortete dann aber Fragen zu Themen wie Wohnungsbau, GroKo und Bildung und bekam Tausende Interaktionen. Nicht nur die FDP, sondern alle Parteien schicken ihr Spitzenpersonal auf Jodel. Angekündigt sind u. a. Cem Özdemir (Grüne), Sahra Wagenknecht (Linkspartei) und der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. Am Mittwochabend stellte sich bereits Andreas Scheuer von der CSU. Ob die Politiker wirklich selbst Jodeln, oder nur einmal ihren Kopf in die Kamera halten, ist allerdings unklar.

Parteiprogramm im Skill

Auch bei Amazons Alexa ist die FDP als erste dabei. Stolz präsentierte Christian Lindner vergangenen Monat einen eigenen FDP-Skill. Alexa beantwortet seitdem beispielsweise, was eine Berufsausbildungsvorbereitungsbescheinigungsverordnung ist.

Der Skill „Freie Demokraten“ ist im Grunde genommen eine Weiterentwicklung der Chatbots, die bei Parteien immer wichtiger werden. Bei Alexa funktioniert das Konzept ganz einfach mit Sprache.

Ausgereift ist die Funktion allerdings noch lange nicht. Wirklich viele Fragen beantwortet Alexa dem Wähler nicht. Es handelt sich wohl eher um einen PR-Gag, der zeigen soll, dass die FDP auf jedem digitalen Kanal präsent ist.

Das bringen Alexa und Co

Alexa als Wahlkampfhelfer einzusetzen ist wohl eher noch eine Idee in den Kinderschuhen. Der ein oder andere Nutzer wird die Funktion vielleicht zum Spaß ausprobieren. Kaum einer wird so aber direkt überzeugt werden. Langfristig können solche Skills aber sicher einen Mehrwert bieten. Ob wir in vier Jahren Alexa nach unserer Wahlentscheidung fragen, hängt wohl auch vom generellen Erfolg der Sprachassistenten ab.

Jodel ist das einzige Netzwerk, das sich von sich aus für den Wahlkampf öffnet. Gründer Alessio Borgmeyer will den Usern die Chance geben, sich zu informieren und direkt Fragen zu stellen. Erste Versuche mit Christian Lindner und Bettina Stark-Watzinger waren erfolgreich. Dass alle Parteien Spitzenpersonal auf Jodel schicken, zeigt, dass sich die App für den Wahlkampf eignet. Jodel gewinnt an Beliebtheit und die Parteien wollen den Sprung nicht verpassen.

Im Gegensatz zu Jodel ist Wahlwerbung auf Tinder nicht gerne gesehen. Eigentlich suchen die Nutzer hier ja nach der großen Liebe oder neuen Kontakten. Für Politiker, die sich auf Tinder probieren, ist derKontakt sehr persönlich. Über die Chatfunktion können Matches auch direkt angeschrieben werden. Die Reichweite ist allerdings stark begrenzt. Wahlkampf auf Tinder ist bisher ein reiner PR-Gag für Aufmerksamkeit in klassischen Medien.

Fazit

Parteien, die auf Jodel und Tinder aktiv sind, dürfte es  nicht primär um die App selbst gehen. Viel wichtiger ist die Resonanz in den klassischen Medien. Dort erhalten Kontosperrungen auf Tinder oder Skills bei Alexa teilweise so einiges an Aufmerksamkeit. Einzig die Jodel-Wahl richtet sich auch tatsächlich an ein größeres Publikum direkt in der App. Auch dort zeigen die Politiker den Wählern aber vor allem, dass sie offen sind für Neues und bei der Digitalisierung vorne mit dabei sein möchten.

Der Wahlkampf wird wohl eher auf Facebook und Twitter entschieden. Reichweite und Bekanntheit von Tinder, Jodel und Alexa sind zu gering, um die Massen zu begeistern. Aber ausprobieren kostet ja nichts und wir dürfen gespannt sein, was den Parteien in den kommenden Wochen noch einfallen wird.


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