Was bedeutet PSD2 für FinTechs?

von Gastautor am 17.August 2017 in FinTech, Mobile Insiders, News

Von Nicolaus Beraudo (Managing Director, EMEA, bei App Annie)

In weniger als 6 Monaten tritt in Europa die viel diskutierte PSD2-Gesetzgebung (zweite Payment Services Directive) in Kraft. Mit Beginn der Umsetzung im Januar 2018 wird PSD2 die europäische Consumer-Finance-Branche nachhaltig umkrempeln – und bietet FinTechs neue Chancen.

PSD2 sieht vor, dass Privatkundenbanken und Anbieter von Zahlungsdiensten es Drittanbietern erlauben müssen, auf Konto- und Zahlungsdaten sicher und in Echtzeit zuzugreifen, sofern sie dafür die Erlaubnis des Eigentümers haben. Dies bedeutet beispielsweise, dass eine Privatkundenbank wie Barclays zukünftig autorisierte Benutzerkontodaten mit einer Dritt-App wie Revolut teilen muss. Für Startups aus dem Bereich FinTech, die sich bisher oft auf nur einen Bereich spezialisiert haben und somit als Einheit das Dienstleistungsportfolio von Privatkundenbanken in Frage gestellt haben, ist diese Entwicklung äußerst erfreulich. Der zusätzliche Zugang dank PSD2 ermöglicht es diesen Unternehmen, ihre angebotenen Dienstleistungen zu verbessern und auszubauen sowie ihre Beziehung mit den Kunden herkömmlicher Banken weiter zu vertiefen.

FinTech wird auch in Zukunft das Geschäft von Privatkundenbanken verändern

Die Folge ist ein massiver Umbruch der Wertschöpfungskette herkömmlicher Privatkundenbanken. Auch wenn momentan noch der größte Teil direkter Kundeninteraktionen auf das Konto von Banken geht, ermöglicht PSD2 es FinTech-Unternehmen, ihren Wirkungskreis in diesem Bereich deutlich auszuweiten.

Die Voraussetzungen dafür sind hervorragend. FinTech-Unternehmen sind oft mobile Experten. In einer Welt, in der Mobile zunehmend unser Kanal der Wahl wird, ist das ein klarer Vorteil. Dank ihrer Apps sind FinTech-Unternehmen schon jetzt in der Lage, ein komfortables, optimiertes Nutzererlebnis zu bieten und Dienste wie Kontoaggregation, Zahlungen und Vermögensverwaltung anzubieten – alles Bereiche in denen herkömmliche Banken Nachholbedarf haben. In vielerlei Hinsicht haben FinTech-Apps bereits jetzt unsere Erwartungen an die Verwaltung unserer Finanzen verändert.

Als Einheit bieten Fintech-Unternehmen bereits jetzt die gesamte Palette an Dienstleistungen von Direktkundenbanken an.

Zwar haben sie klein angefangen, aber FinTech-Unternehmen konnten ihre Technologien, Prozesse und Produktangebote kontinuierlich ohne die Beschränkungen vorhandener Systeme verbessern. Sie wurden gegründet mit dem Ziel, für die neue Mobile First Welt ideal ausgerüstet zu sein.

Das bedeutet, dass FinTech-Unternehmen mit der Zeit ihre Rolle als Bindeglied zwischen Kunden und deren Bankkonten ausbauen werden. Da Verbraucher mittlerweile aus einer Reihe einzelner Dienstleistungen auswählen können, dominieren Banken nicht mehr die komplette Wertschöpfungskette von Privatkundenbanken. Dies birgt das echte Risiko, dass einige herkömmliche Banken darauf beschränkt werden könnten, Back-End-Dienstleistungen (Kontenverwaltung) anzubieten, die nicht nur vom Kunden wenig wahrgenommen werden, sondern auch geringe Loyalität mit sich bringen.

Während die Vor-PSD2-Wertschöpfungskette größtenteils noch durch Privatkundenbanken kontrolliert wird, ermöglicht PSD2 eine Entbündelung finanzieller Dienstleistungen (oft im Besitz von FinTech-Unternehmen) zwischen Kunden und deren Konten.

In dieser Hinsicht stellen Service-Aggregatoren wie Centralway, Numbers und N26 (ebenfalls eine mobile Bank) eine besonders große Bedrohung für Privatkundenbanken dar. Mit dem Potenzial, die komplette Palette von Dienstleistungen der Direktkundenbanken anzubieten, und somit letztendlich als Marktplatz für andere Anbieter zu agieren, sind sie ideal positioniert, um sich zukünftigen Finanzkunden als erste Anlaufstelle anzubieten. Dies wird bald geschehen. N26 macht kein Geheimnis aus seinen Plänen, eine Finanzplattform aufzubauen, und hat bereits damit begonnen, Partner mit an Bord zu nehmen.

FinTech besitzt bereits ein erstes Standbein

Es ist klar, dass PSD2 die bereits jetzt schon starke Position von FinTech-Unternehmen weiter verbessern wird. Noch bevor die Gesetzgebung überhaupt in Kraft getreten ist, wachsen diese bereits rasant. Im vergangenen Jahr beschrieben wir bereits das anhaltende Wachstum von FinTech-Apps. Daran hat sich nichts geändert – im Gegenteil.

Wir beobachten rasantes Wachstum in der Anzahl der Interaktionen mit FinTech Apps.

Gleichzeitig beschäftigen die Nutzer von Privatkundenbanken sich schon mit FinTech-Apps. FinTech-Unternehmen haben eine direkte Beziehung mit vielen Bankkunden.

4 von 5 Apps der Kategorie Finanzen, die von den Kunden dieser FinTech-Unternehmen am häufigsten genutzt werden, kommen von Privatkundenbanken.

Was ist also zu tun?

Trotz der guten Möglichkeiten, die die Zukunft bietet, Privatkundenbanken sind weiterhin gut aufgestellt. Sie haben eine große Kundenbasis, starke, vertrauenswürdige Marken, und viele, seit langem bestehende Kundenbeziehungen. Selbst im Bereich Mobile sind ihnen FinTech-Unternehmen noch nicht ebenbürtig.

Auch weiterhin ist der Großteil der Kundeninteraktionen über Apps auf Privatkundenbanken zurückzuführen.

Dieser Unterschied macht es jedoch auch schwierig für große Banken, zeitnah zu reagieren. Einer kleineren (wenn auch rasant wachsenden) Chance den Vortritt vor laufenden, größeren Geschäftsaktivitäten zu geben, ist schwierig. Selbst wenn dies eine erhebliche Gefahr für die Zukunft darstellt.

Einfach abwarten ist jedoch keine Option. FinTech-Unternehmen haben bereits jetzt die Erwartungen von Kunden verändert. Sie verbessern ständig ihre Produkte/Prozesse und gewinnen rasend schnell neue Nutzer. Letztendlich werden die durch FinTech-Unternehmen angebotenen Produkte zur Norm werden und es wird für langsam agierende Privatkundenbanken unmöglich, noch aufzuholen.

Für die Banken jedoch, die rechtzeitig reagieren, gibt es noch Möglichkeiten, einen Platz an der Seite der FinTech-Anbieter ganz oben an der Spitze der neuen Privatkunden-Banking-Wertschöpfungskette zu sichern. Zumindest aber werden sie ihre großen Nutzerbasen und ihr Markenerbe nutzen müssen, um mobile bewährte Vorgehensweisen anzuwenden und sicherzustellen, dass die eigenen Apps ein wettbewerbsfähiges Serviceniveau anbieten.

Die jüngste Veröffentlichung des Privatkundenbanken-Zahlungsdienstes Zelle in den Vereinigten Staaten ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Bankenbranche zurückschlägt. Die kommenden Jahre im Retailfinanzmarkt werden auf jeden Fall spannend.

Berichts-Methodik und Aktualisierungen finden Sie hier.


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