Dieses Leipziger Startup arbeitet an der Zukunft der Onlinebewerbung.

von Markus Gärtner am 24.August 2017 in App Business, News

Was für ein Stress bei der Job- und Bewerbersuche: Die Anwärter müssen neue Bewerbungsbilder machen lassen, ein knackiges Layout für den Lebenslauf erstellen und dazu noch ein auf jedes Unternehmen abgestimmtes Anschreiben fabulieren. Für Bewerber ist die Stellensuche harte Arbeit – die sich nicht immer auszahlt. Aber auch für Unternehmen ist das Recruiting kein Wellnessprogramm: Sie müssen zig geschönte Vitas sichten und mehr oder weniger flüssige Dialoge mit Bewerbern führen – nur um im schlechtesten Fall festzustellen, dass Suchende/r und Sucher bei den geforderten Fähigkeiten nicht zusammenpassen.

Das Leipziger Startup innovailably will helfen, Firmen und Fachkräfte schneller und besser zusammenzuführen und auch Bewerber vermitteln, die vielleicht vom Berufs- oder Bildungsabschluss nicht auf die Stelle passen. Der Firmenname innovailably setzt sich dabei zusammen aus „innovation“, „available“ und „easily“. Bis September will das erst im März gestartete Unternehmen seine Online-Plattform vor allem für mobile Geräte optimieren. Nach dem Relaunch wird die Oberfläche „whyapply“ heißen. Auch eine eigene App soll kommen.

Anstelle der klassischen Bewerbung setzt Innovailably bei seiner Online-Plattform auf das Lösen von Aufgaben – sogenannten Challenges. Die teilnehmenden Unternehmen kreieren dafür echte oder ausgedachte Aufgaben aus dem jeweiligen Arbeitsumfeld, die die fachlichen Kompetenzen der Bewerber fordern und zeigen sollen. Der Bewerber erhält so einen authentischen Einblick in seine mögliche, spätere Arbeit und kann sich mit jeder weiteren gelösten Challenge einen „Lebenslauf der Kompetenzen“ zulegen, wie es heißt. „So sehen Personaler direkt, was die Leute auf dem Kasten haben. Das erkennt man bei einem Lebenslauf nicht“, erklärt Susanne Reinhardt von innovailably. „Jemand mit einem Einser-Abschluss ist vielleicht theoretisch super aufgestellt – weiß dann aber im Büro nicht, was er machen soll.“

Im Fokus: Moderne Branchen wie Smart City und Aerospace

Ein Beispiel für eine Challenge: Das Unternehmen Stadt.Land.Netz. versucht den Schulalltag besser zu digitalisieren und fragt die User, wie sich Daten besser nutzen und vernetzen lassen, um z. B. den Vertretungsplan digital zugänglich zu machen. Noch sind erst zwölf Firmen registriert, dabei sind bisher u. a. der Energiedienstleister enviaM und die Ostsächsische Sparkasse Dresden. Die Arbeitsbereiche reichen dabei von modernen Branchen wie Smart City und Aerospace bis zu Klassikern wie Culture & Art.

Jobsucher können auf der Seite ein Profil erstellen und dann unter der Challenge ihren Vorschlag posten. Außerdem können alle Nutzer auch andere Vorschläge kommentieren, bewerten und so nach oben ranken – ob hier beim Kampf um den Job die Wertschätzung fremder Ideen über dem Konkurrenzgedanken steht, könnte man anzweifeln. Doch die Nutzer erhalten nicht nur für ihre Antworten Punkte, sondern auch für die Votes der Vorschläge der Mitbewerber. Die fleißigsten zehn Nutzer erscheinen in einer Bestenliste auf der Startseite – gut sichtbar für die Firmen. Top-Benutzerin ist aber derzeit noch Susanne Reinhardt, die Marketing-Chefin von innovailably. Die Nutzerzahlen sind noch recht überschaubar, genaue Zahlen wurden nicht genannt. Die Firmen sollen nach dem Relaunch zunächst eine anonymisierte Form der Lösungen erhalten und in einem zweiten Schritt den Zugriff auf das Profil – auch um Diskriminierung vorzubeugen.

Foto: Ronald Scholz, Susanne Reinhardt, Gründer Michael Benz, Pouyan Rafieifard (v.l.n.r)

Das aus nur fünf Mitarbeitern bestehende Leipziger Startup erhält für ein Jahr 88.800 Euro aus dem EXIST-Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie sowie des Europäischen Sozialfonds. Für die Nutzer ist das neuartige Online-Bewerbungsverfahren kostenlos. Innovailably will sein Geld mit Gebühren der Firmen verdienen: Je nach Zahl der Mitarbeiter zahlen die Unternehmen einen Festbetrag und können dann so viele Challenges einstellen, wie sie wollen. Aber birgt das nicht die Gefahr, dass Firmen quasi billig Arbeit outsourcen? „Die Challenges bzw. die Lösungen bestehen nur aus kurzen Inputs, die Firmen müssen dann selbst weiterdenken. Das können die Bewerber nebenbei in der Bahn auf dem Weg zum Jobcenter machen“, meint Reinhardt.

Die Idee, das klassische Bewerbungsverfahren umzukrempeln, stammt von Michael Benz, der eigentlich Islamwissenschaftler ist, später ins Management wechselte und selbst immer wieder für eigentlich passende Stellen abgelehnt wurde. „Normalerweise schaut ein Personaler nur auf den Abschluss – und dann ist man im Zweifelsfall raus“, weiß auch PR-Frau Susanne Reinhardt, die selbst Kunstgeschichte und Religionswissenschaft studiert hat. Das nächste Ziel für die Bewerbungsrevolutionäre ist der Aufbau eines festen Firmen- und Nutzerstammes und der Einstieg in ein Inkubator-Programm. „Wenn wir einen Investor finden, wehren wir uns auch nicht dagegen“, hofft Reinhardt. Wie es geeignete Kandidaten dafür findet, müsste das Unternehmen ja wissen.


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