Minitel: War das französische BTX-Pendant ein Vorbild für den App Store?

von Ansgar Warner am 25.Juli 2017 in News, Ökosysteme, Trends & Analysen

Minitel 1, Baujahr 1982. (CC-Bild von „im awesome“)

„Le Minitel est mort, vive le Web!“ — Im Juni 2012 zelebrierten die Franzosen mit einem weinenden, einem lachenden Auge das Ende einer Ära – nach ziemlich genau 30 Jahren schaltete France Télécom Orange den Minitel-Service ab, Frankreichs lange Zeit äußerst populäres Bildschirmtext-System.

Minitel ist Legende, soviel steht fest. Doch was genau war Minitel? Nur eine skurrile Form von Schwarz-Weiß-Videotext mit Rückkanal? Ein archaisches Festnetz-Smartphone für textbasierte Online-Apps? BTX à la Francaise, aufgepeppt mit erotischen Chats?

In ihrer Studie „Minitel: Welcome to the Internet“ lassen die US-Forscher Julien Mailland und Kevin Driscoll die Geschichte und Auswirkungen des „médium interactif par numérisation d’information telephonique“ Revue passieren – als Teil einer Reihe zu „Platform Studies“, die bereits Bände zum Atari VCS 2600, Nintendos Wii oder zum BBC Micro hervorgebracht hat.

Das Buch wagt nicht nur technisch versierte und kulturell interessierte Einblicke in eine versunkene Medienwelt, sondern stellt auch die Frage: sind die Erfahrungen mit dem Telefon-Terminal auf andere Plattformen übertragbar? In den USA wird Minitel mittlerweile gerne als Negativbeispiel für staatliche gelenkte Netzwerke angeführt, das Internet dagegen als marktwirtschatliches Positivbeispiel.

Tatsächlich, so zeigen Mailland und Driscoll, ist Minitel auf technischer Seite ein klassisches Beispiel für die „grands projets“ in zentralstaatlichen Tradition. So wurde der gesamte „Traffic“ über ein von der Post kontrolliertes Netzwerk (PAVI/Transpac) geleitet, Direktverbindungen zwischen privaten Servern waren nicht erlaubt. Auch zum staatlichen Abrechnungssystem („Le Kiosque“) gab es keine Alternative.

Doch Minitel bot weitaus mehr als nur ein elektronisches Telefonbuch – da eine Million verschenkter Terminals schon Mitte der Achtziger Jahre eine Million potentieller Kunden bedeuteten, investierten Startup-Unternehmer in Online-Dienste, trainiert und ko-finanziert vom französischen Staat. Das war so gewollt: „Anders als die Videotext- und Bildschirmtext-Systeme im restlichen Europa förderte das Minitel-Konzept die Entwicklung von privatwirtschaftlichen Drittanbietern“, schreiben Mailland und Driscoll.

Allerdings war das „Web“ damals wirklich noch Neuland. Und so ließen sich die Anbieter bei der Entwicklung neuer Angebote von den Wünschen der Nutzer leiten – so stand am Anfang des Chat-Manie im Minitel-Netzwerk ein „Hack“ einer „Webseite“ der „Dernières Nouvelles D’Alsace“.

Ausgerechnet erotische Chats – animiert und zugleich überwacht von Profi-Chattern – sollen zur Minitel-Boomzeit 50 Prozent des Umsatzes erzeugt haben. Was dem französischen Staat zwar offiziell peinlich war, inoffiziell aber hochwillkommen, denn dem Gatekeeper winkte jeder dritte Franc als Wegezoll (Schäme sich, wer hier an Apples 30 Prozent im App Store denkt…). „Minitel Rose“ war im Frankreich der Achtziger und frühen Neunziger Jahre auch offline unübersehbar, eindeutig bebilderte Großplakate im öffentlichen Raum waren für Miniteldienste wie 3615 ULLA, 3615 SEXOFIL, 3615 ENCORE etc. Dieses Video hier gibt einen Einblick, wie der erotische Dienst 3615 ULLA aussah:

Beliebt war Minitel aber vor allem wegen vieler praktischer Anwendungen, die vom Online-Banking über das Buchen von Theaterkarten („Billetel“) oder Fahrkarten bis hin zu Online-Lieferdiensten für Lebensmittel reichten. Ausgestattet mit einem „LECAM“ Smart Card-Reader wurde Minitel als Bezahlterminal in der Gastronomie eingesetzt, unter dem Label „Domotique“ entwickelten Drittanbieter „Smart Home“-ähnliche Erweiterungen.

Letzlich war Minitel weder rein zentralistisch noch rein marktwirtschaftlich organisiert, sondern eine hybride Mischung beider Elemente. Was zum Teil weit vorausweist: „Die Payment-Struktur kommerziell erfolgreicher Plattformen wie dem Apple App Store ähnelt stärker Minitel als dem historisch stark dezentralisierten Internet“, meinen Mailland und Driscoll. Mit einem Unterschied: Wurde Content abgelehnt, stand im Fall von Minitel immerhin der Rechtsweg offen.

Für die Autoren macht der Fall Minitel klar, dass Netzneutralität und damit den freien Wettbewerb am Ende immer nur der Staat garantieren könne: „Die Vorherschaft von Plattformen wie dem App Store legt nahe, dass gezielter staatlicher Einfluss Wettbewerb und Offenheit überall dort wiederherstellen könnte, wo private und öffentliche Interessen zu weit auseinanderklaffen.“

Bleibt die Frage: Wie wird das Web, so wie wir es kennen, an seinem 30. Geburtstag aussehen, also ungefähr Mitte der 2020er Jahre? Setzen wir den Machtgelüsten der globalen Konzerne nichts entgegen, prophezeien Mailland und Driscoll eine besonders düstere Zukunft: das Web entwickelt sich zu einer Art Multimedia-Bildschirmtext, nach Gutdünken verwaltet von Big Business.

Weitere Infos über Minitel zeigt folgendes YouTube-Video, in dem Studienautor Julien Mailland die wichtigsten Thesen des Buches präsentiert:


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