Interview: Martje Abeldt von App Annie über Mobile-Only, den ökonomischen Wert von Apps und die Rolle von Chatbots.

von Anika Reker am 14.März 2017 in App Business, Interviews, News

Martje Abeldt

Martje Abeldt

Spielepublisher verbuchen in den App-Stores zwar die höchsten Umsätze, stellen in der gesamten App-Ökonomie aber lange nicht die größten Player dar, sagt Martje Abeldt von App Annie. Laut dem Gebietsleiter für Mitteleuropa und GUS der App-Analysefirma machen Spiele tatsächlich nur einen kleinen Anteil am ökonomischen Wert des Mobilsektors aus, wenn Anzeigen, E-Commerce und mobile Zahlungen berücksichtigt werden. „Die Fähigkeiten künstlicher Intelligenz werden nicht ausreichen, um schon 2017 vollständige Kundendienstdialoge führen zu können“, sagt Abeldt außerdem im Interview und positioniert sich damit eher skeptisch gegenüber der Theorie, dass Chatbots und Sprachassistenten in naher Zukunft zum Aussterben der klassischen Apps führen werden.

mobilbranche.de: Was denken Sie über das Schlagwort „Mobile-First“? Ist dies angesichts sinkender Desktopnutzung nicht bereits ein veralteter Begriff?

Martje Abeldt: „Die Antwort auf diese Frage hängt von der Branche ab. Für native Internetunternehmen kann man wohl sagen, dass „Mobile-First“ überholt ist und der passendere Begriff eher „Mobile-Only“ lautet. Viele Onlinedienste, die heute an den Start gehen, haben keinerlei Interneterfahrung, einschließlich Uber und Snapchat. Andererseits sind sich Unternehmen aus traditionelleren Branchen erst kürzlich der Möglichkeiten durch den Mobilsektor bewusst geworden, und für diese Unternehmen ist „Mobile-First“ noch immer ein gutes Mantra bei der Entwicklung neuer Features.“

mobilbranche.de: Betrachtet man die Daten von App Annie, scheint es, als hätten hauptsächlich Spielepublisher ein rentables App-Geschäft. Wie relevant sind Apps für andere Branchen?

Martje Abeldt: „Das stimmt so nicht ganz. Es trifft zu, dass Spielepublisher einen überdurchschnittlich hohen Anteil an den Umsätzen in den App Stores haben. Doch obwohl abonnementbasierte Umsatzmodelle (für Dating-, Nachrichten- und Medienstreaming-Apps) an Fahrt aufnehmen, deckt der Zahlungskanal im App Store selbst nur einen kleinen Anteil der ökonomischen Aktivitäten im App-Ökosystem ab. Anzeigen, E-Commerce und mobile Zahlungen werden außerhalb dieses Kanals verarbeitet und weisen erheblich höhere Volumina auf. Wenn man dies berücksichtigt, haben Spiele tatsächlich nur einen kleinen Anteil am ökonomischen Wert des Mobilsektors.

Unter anderem generiert Facebook mehr als 80 % seiner Anzeigenumsätze über Mobilgeräte (2016 ca. 27 Mrd. USD). Selbst traditionelle Branchen wie die Gastronomie wurden durch den Mobilsektor verändert. Beispielsweise laufen heute 8% aller Starbucks-Transaktionen in den USA über „Mobile Order & Pay“ (in den größten Filialen zur Rush-Hour sogar 20 %).“

mobilbranche.de: Welche der alten Branchen schlägt sich heute schon gut auf dem App-Markt?

Martje Abeldt: „Die Gastronomie zählt hier eindeutig zu den Spitzenreitern. Zusätzlich zu Mobile Order & Pay erfolgt ein noch größerer Anteil der Ladentransaktionen bei Starbucks über deren eigene mobile Zahlungsoption an der Kasse. Andere Unternehmen haben Mobile Order & Pay bereits implementiert oder sind gerade dabei.“

mobilbranche.de: Was ist heute für App-Publisher die größte Herausforderung: Immer noch die Nutzerakquise oder eher der Ausbau der Interaktionen und der Bindung bestehender App-Nutzer?

Martje Abeldt: „Auch hier hängt es wieder von der Branche ab. Für Spieleunternehmen ist die Nutzerakquise und -bindung mit Sicherheit die größte Herausforderung. Für Unternehmen in vielen traditionellen Branchen liegt die größte Herausforderung aber möglicherweise darin, eine effektive Mobil-Strategie zu entwickeln, die eng in ihre Geschäftsmodelle eingebunden ist. Unternehmen, denen dies gelingt, werden in den kommenden Jahren zu den großen Gewinnern zählen. Wem dies jedoch nicht gelingt, der könnte in Schwierigkeiten geraten.“

mobilbranche.de: Messenger, Chatbots und Sprachassistenten sind im Vormarsch und bilden ihre eigenem Ökosysteme. Was halten Sie von der Theorie, dass die Apps, wie wir sie kennen, aussterben?

Martje Abeldt: „Im Jahr 2016 drehten sich die meisten Diskussionen über Chatbots um das Konzept des dialogorientierten Handels. Das Gegenargument hierzu ist die bloße Existenz der On-Demand-Wirtschaft. Lieferservice- und Mitfahr-Apps existieren, weil sie Hindernisse abbauen – der Dialog wird durch eine grafische Benutzeroberfläche (GUI) ersetzt. Die Macht des Messagings dagegen liegt darin, dass es bestehende Dialoge effizienter macht, beispielsweise im Kundendienst oder im After-Sales-Service. Facebook wird hierzu im Jahr 2017 mit der zunehmenden Integration von Facebook-Seiten in Messaging-Apps wie Facebook Messenger und WhatsApp wohl hauptverantwortlich beitragen. Chatbots werden zwar eine Rolle spielen, aber die Fähigkeiten künstlicher Intelligenz werden nicht ausreichen, um schon 2017 vollständige Kundendienstdialoge führen zu können. Die Einsatzfelder von Chatbots bleiben eher auf Benachrichtigungen und die Weiterleitung von Nutzern an die passenden menschlichen Kontakte beschränkt.

Google präsentierte mit der Vorstellung von Google Assistant eine kühne Vision einer sprachbasierten Zukunft. Auch wenn wir glauben, dass dies zu einem Anstieg der sprachbasierten Suchanfragen auf Mobilgeräten führen wird, rechnen wir nicht mit einer nennenswerten Verschiebung in den Nutzungsmustern. Wir haben geschätzt, dass Sprachinteraktionen auf Android Phones im August 2016 etwa 1,2 % der Smartphone-Sitzungen insgesamt ausmachten. Trotz einigen Wachstums bei der sprachbasierten Suche rechnen wir damit, dass der Anteil von Sprachinteraktionen bei den Smartphone-Sitzungen insgesamt weiterhin deutlich unter 2 % bleiben wird. Dies liegt daran, dass die bestehenden auf Tippen basierten Interaktionen tief im Verhalten verwurzelt sind und sich dies in der jetzigen Phase der Marktreife auch nicht verschieben wird. Gleichwohl werden Bildschirmvorschläge, die auf derselben AI fußen, weiter an Fahrt gewinnen.“

mobilbranche.de: Vielen Dank für das Interview!


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