„Wir wollen die Nr. 1 im digitalen Food-Markt werden“: Kitchen-Stories-Gründerin Verena Hubertz im Interview.

von Kay Ulrike Treiß am 02.November 2016 in App Business, Interviews, News

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Verena Hubertz von Kitchen Stories beim 18. Mobilisten-Talk

Keinerlei Investition in App-Marketing, aber schon 12 Mio App-Downloads und Nutzer in 150 Ländern, vor allem in China und den USA: Kitchen Stories ist zweifelsfrei eine App-Erfolgsgeschichte, die nur schwer nachzumachen ist. Verena Hubertz hat zusammen mit Mengting Gao die Firma hinter der Koch-App vor knapp 3 Jahren gegründet und Kitchen Stories im Februar 2014 in Form einer iPad-App gelauncht. Danach folgten schnell auch Apps für iPhone und Android sowie eine Website mit den Kochrezepten. Der jüngste Meilenstein: Kitchen Stories ist einer der wenigen Launch-Partner von Amazon Echo in Deutschland. Über den sprachgesteuerten Assistenten können die Nutzer seit wenigen Tagen das Rezept des Tages von Kitchen Stories entdecken. mobilbranche.de hat mit der 28-jährigen Verena Hubertz gesprochen, die heute so erfolgreich ist mit ihrer App – und eigentlich nie einen konkreten Berufswunsch hatte.

mobilbranche.de: Wie kam die Idee zur „Kitchen Stories“-App?

Verena Hubertz: Die Idee zu Kitchen Stories kam meiner Mitgründerin Mengting und mir während unseres BWL-Studiums an der WHU in Vallendar. Wir haben immer gerne zusammen gekocht, haben allerdings nie das perfekte digitale Rezeptangebot gefunden. Mich haben vor allem die oftmals nutzergenerierten Textanleitungen irritiert und Mengting hat auf der anderen Seite immer gerne amerikanische, moderne Kochshows auf YouTube geschaut. Die Videos waren für Mengting zwar eine schöne Inspiration, allerdings konnte man die Rezepte während des Videos schlecht nachkochen. So kam die Idee, mit Kitchen Stories ein perfektes mobiles Kocherlebnis zu schaffen. Wir glauben stark daran, dass Videos lediglich als Inspiration dienen und Rezepte im Anschluss mit schrittbasierter Fotoanleitung nachgekocht werden. Mit der Idee sind wir dann im Sommer 2013 nach Berlin gezogen, um Kitchen Stories in Form einer iPad-App mit 100 videobasierten Rezepten ins Leben zu rufen.

mobilbranche.de: Habt Ihr Euer Hobby zum Beruf gemacht?

Verena Hubertz: Auf jeden Fall! Mengting und ich sind beide Foodies, wobei ich ehrlicherweise auch der Use Case von Kitchen Stories bin. Ich war auf Chefkoch und Co immer etwas verloren und freue mich jetzt jedes Mal, wenn mir dank Kitchen Stories die Rezepte auch gelingen.

mobilbranche.de: Wie waren die Anfänge? Wer hat gekocht, wer gedreht?

Verena Hubertz: Wir mussten ohne Investment starten. Entsprechend kreativ sind wir beim Rezeptshoot geworden. Wir haben die ersten Rezepte in einem Ferienhaus in Brandenburg gedreht, da wir uns keine Showküche in Berlin leisten konnten. An der Rezeptentwicklung haben wir allerdings damals nicht gespart. Unsere Rezepte wurden früher genauso wie heute von Profiköchen entwickelt und von Hobbyköchen auf Alltagstauglichkeit getestet. Die Köche stehen dann auch vor der Kamera und werden von einem Kamerateam perfekt in Szene gesetzt. Was sich allerdings geändert hat, ist Mengtings und mein Zutun innerhalb der Produktion. Ganz am Anfang habe ich die ganze Zeit nur gespült und Mengtings Hände haben als Handmodel innerhalb der Schrittbilder gedient.

mobilbranche.de: Was war das erste Rezept?

Der Manhattan Cheesecake ist eines der ältesten und beliebtesten Rezepte bei Kitchen Stories

Der Manhattan Cheesecake ist eines der beliebtesten Rezepte bei Kitchen Stories

Verena Hubertz: Wir sind mit 100 Rezepten in der Erstversion gestartet. Unser erstes entwickeltes Rezept war der Manhattan Cheesecake.

mobilbranche.de: Wer war zu Beginn das Team? Und wer ist es heute?

Verena Hubertz: Da wir am Anfang keine Investoren für die Idee gewinnen konnten, haben wir mit eigenem Ersparten losgelegt. Dementsprechend waren wir zunächst auf ein motiviertes Team aus Freelancern angewiesen. Unsere iPad-Version hat damals z.B. ein studentischer iOS-Entwickler programmiert. Mittlerweile haben wir das Team ausgebaut und beschäftigen 27 Mitarbeiter. Das Team ist in drei Bereiche aufgeteilt. Auf der einen Seite ein Entwicklerteam aus iOS-, Android-, Web- und Backend-Programmierern. Der zweite große Bereich stellt unsere Food-Redaktion dar, welche sich um die Produktion und Entwicklung unserer crossmedialen Inhalte und Rezepte kümmert. Zum Schluss braucht natürlich jedes Unternehmen auch kaufmännische Mitarbeiter. Hierzu zählen dann die Bereiche HR, Business Intelligence, Finance und Sales.

mobilbranche.de: Woher hattet Ihr das Geld, um die App an den Start zu bringen?

Verena Hubertz: Wir haben auf die klassische „FFF-Runde“ zurückgegriffen: Friends, Family, Fools. Also alle, die nicht an die Idee, sondern an uns glauben mussten. Zudem hat meine Mitgründerin ihr Auto verkauft und in die GmbH eingebracht.

mobilbranche.de: Was sagen Deine Eltern zu dem, was Du machst?

Verena Hubertz: Meine Eltern haben mich von Anfang an unterstützt und sind große Nutzer von Kitchen Stories. Ohne die Unterstützung unserer Eltern hätten Mengting und ich Kitchen Stories damals in jedem Fall nicht starten können.

mobilbranche.de: Die Videos sind gut produziert. Wer von Euch legt Wert darauf?

Verena Hubertz: Wir beiden legen größten Wert auf perfekte Rezeptvideos und darauf, dass diese stetig weiter entwickelt werden. Als BWLer sind wir natürlich auch keine Videoexperten, so dass wir hier auf unser Team und dessen Expertise setzen. Die Videoproduktion verantwortet unser Art Director Ole, der immer wieder neue Videotrends und Impulse aufgreift und umsetzt.

mobilbranche.de: Ihr habt bisher über 12 Mio Downloads. Wie habt Ihr das geschafft? Gutes Marketing?

Verena Hubertz: Wir haben alle unsere Installs organisch erzielt und bisher 0 Euro in App-Marketing gesteckt. Möglich war dies nur, da wir großen Fokus auf das perfekte Produkt legen und hierfür regelmäßig von Apple und Google ausgezeichnet und gefeatured werden.

mobilbranche.de: Wieso seid Ihr so erfolgreich in China und den USA?

Verena Hubertz: Wir glauben stark an einen globalen Food-Markt und daran, dass nicht jedes Land eine nationale Plattform braucht. So sind zum Beispiel italienische, amerikanische und französische Rezepte weltweit gleichsam beliebt. Wir bieten Kitchen Stories in 12 Sprachen an und hatten durch den Apple App Store eine perfekte Plattform, schnell zu internationalisieren. Mittlerweile ist China unser stärkstes Land, gefolgt von Deutschland und den USA. Wir sind in China so erfolgreich, da es dort keine westliche Rezeptplattform gibt. Dazu kommt, dass sich Chinesen zunehmend für den westlichen Lifestyle interessieren und sich z.B. einen Backofen kaufen. Allerdings kennen sie die Pizza nur von Pizza Hut oder den Cheesecake von Starbucks und wissen gar nicht, wie diese zuhause zubereitet werden können. Unsere Videos und schrittbasierten Rezepte, welche wir komplett ins Chinesische lokalisieren, bieten hier die perfekte, gelingsichere Anleitung – getreu unserem Motto „anyone can cook“. Dass wir in den USA ebenfalls sehr gut performen, zeigt dass ein wirkliches gutes Produkt auch in einem starken besetzten Markt wie Amerika einen Platz finden kann.

mobilbranche.de: Wer entscheidet, welche Rezepte Ihr aufnehmt?

Verena Hubertz: Wir entwickeln 80 Prozent unserer Rezepte dateninformiert und 20 Prozent trendbasiert. Wir analysieren die beliebtesten Rezepte, Kombinationen und Suchbegriffe sowohl innerhalb unserer App als auch im digitalen Food-Markt. Mit den Erkenntnissen gehen wir dann auf unsere Köche zu, die das Thema dann mit Leben füllen und entsprechende Rezepte entwickeln. Wir wollen allerdings auch Trends mitgestalten, weswegen wir den internationalen Food-Market immer im Blick haben und unzählige Blogs und Magazine scouten. So stellen wir sicher, dass wir die neusten Rezepttrends ebenfalls bei Kitchen Stories vorstellen.

So sieht Kitchen Stories auf iOS aus

So sieht Kitchen Stories auf iOS aus

mobilbranche.de: Eure App-Nutzer kommen aus 150 Ländern – war das schon immer das Ziel oder hat sich das einfach ergeben?

Verena Hubertz: Nachdem wir nach dem iPad Launch unsere Seed-Finanzierungsrunde abgeschlossen haben, haben wir uns strategisch überlegt, in welche Richtung wir Kitchen Stories weiter entwickeln möchten. Wir sind bereits mit der iPad App bilingual gestartet (Deutsch und Englisch) und haben gesehen, dass Kitchen Stories auch international sehr gut funktioniert. Im Rahmen unserer ersten Finanzierungsrunde konnten wir erfahrene Business Angels wie Moritz Hohl und Verena Pausder gewinnen, die ihre Erfahrung bei der Internationalisierung von Apps mit uns geteilt haben. Mit ihnen haben wir dann an unserer konkreten Internationalisierungsstrategie gearbeitet.

mobilbranche.de: Die App ist ja kostenlos. Wie funktioniert die Finanzierung?

Verena Hubertz: Die App finanziert sich über native Advertisement und branded Content. Wir bieten Marken neben der Erstellung von videobasierten Content-Kampagnen ebenfalls die crossmediale Ausspielung an. In dem Kontext bauen wir gerade auch ein Influencer-Netzwerk auf, um zukünftig weitere Reichweiten zu erschließen.

mobilbranche.de: Könnt Ihr davon leben?

Verena Hubertz: Wir verfolgen mit Kitchen Stories derzeit eine Wachstumsstrategie und setzen daher nicht auf einen Break-Even. Bei unserer Expansion werden wir von unseren Investoren gestützt, so dass wir dadurch in das Team und den Produktausbau investieren können.

mobilbranche.de: Nutzt Du die App selbst? Also hast Du überhaupt noch Zeit zum Kochen?

Verena Hubertz: Ich nutze die App täglich um mich zu inspirieren und habe eine lange Liste an Rezepten, die ich nachkochen möchte. Die meisten Rezepte habe ich glücklicherweise bereits in unserem Office probiert, da alle Rezepte nach dem Shoot auch gegessen werden können, da wir nur mit natürlichen Materialien arbeiten. Zeit zum Selbstkochen bleibt mir in der Tat derzeit meistens nur am Wochenende.

mobilbranche.de: Hast Du ein Lieblingsrezept?

Verena Hubertz: Ich mag den Hähnchen-Couscous Salat mit Zucchini sehr gerne, weil er sich super als Lunchvariation eignet, aber auch total gut beim Grillabend ankommt. Ansonsten ist der Manhattan Cheesecake absolut zu empfehlen und seit Stunde 0 eines meiner absoluten Kitchen Stories Lieblingsrezepte.

mobilbranche.de: Was ist Deine Lieblings-App?

Verena Hubertz: Ich mag Timehop sehr gerne, da man so immer im Blick hat was vor 1,2 oder 3 Jahren passiert ist. Besonders seit Gründung von Kitchen Stories verfliegt die Zeit und dank Timehop kann ich mich immer noch mal gut in die Anfangsstunden zurückversetzen.

mobilbranche.de: Hast Du noch Lust auf Kitchen Stories oder träumst Du noch von etwas anderem?

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Verena Hubertz und ihre Mitgründerin Mengting Gao

Verena Hubertz: Wir haben auf jeden Fall mit Kitchen Stories noch sehr viel vor und große Lust nach einem erfolgreichen Mobile-First Launch, Kitchen Stories nun auch auf anderen Plattformen zu etablieren. Das Schöne an Kitchen Stories ist auch, dass wir unsere Leidenschaft zum Beruf gemacht haben und uns jeden Tag mit dem Thema Food beschäftigen dürfen. Zudem kommt ein großartiges Team und die Möglichkeit die Firmenkultur nachhaltig gemeinsam aufzubauen. Von daher wollen wir Kitchen Stories nicht eintauschen 😉

mobilbranche.de: Was ist Euer Ziel? Wo siehst Du Kitchen Stories in 5 Jahren?

Verena Hubertz: Wir möchten den Markt für digitale Food-Rezepte revolutionieren und mit dem besten Produkt unseren Nutzern individuelle Rezeptvorschläge bieten. In fünf Jahren haben wir ein nachhaltiges Business aufgebaut und sind die Nummer 1 am digitalen Food-Markt.

mobilbranche.de: Vielen Dank für das Interview!


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