Mobiles Bankkonto von O2? Das Rat Pack ist skeptisch.

von Maik Klotz am 13.Mai 2016 in FinTech, News, Trends & Analysen

2016_05_12_ o2 Banking – Home-Screen_mitKarte_rgbZusammen mit der Fidor Bank aus München wird Telefónica im Spätsommer ein eigenes Banking-Produkt namens „O2 Banking“ auf den Markt bringen. Erreichen möchte man mit dem Girokonto namens O2 Banking die 18- bis 35-jährigen mobilen Nutzer. Die Voranmeldung dazu ist ab sofort möglich.

Bei dem O2 Banking handelt es sich um ein White Label Konto der Fidor Bank. Faktisch eröffnet der Nutzer also ein Konto bei Fidor. Anders als bei Fidor kann man O2 Banking ausschließlich mit einer mobilen App nutzen. Die O2 Banking App soll es für Android und iOS geben. Ein Desktop-Client oder der Zugriff über eine Webseite ist nicht möglich. Der Mehrwert des O2 Bankings soll vor allem darin liegen, ein zusätzliches Datenvolumen für die mobile Internetnutzung zu erhalten sowie in Echtzeit Mini-Kredite aufnehmen zu können.

2016_05_12_ o2 Banking – Send Money OverlayZusätzliches Datenvolumen kann dabei auf unterschiedliche Arten generiert werden, z.B. wird Guthaben auf dem Konto mit zusätzlichem Datenvolumen „verzinst“. Auch eine intensive Nutzung des O2 Banking soll belohnt werden. Genaue Details dazu nannten Telefónica und Fidor gestern auf der gemeinsamen Pressekonferenz in Berlin aber nicht. Hier möchten sich die Unternehmen offenbar noch alle Optionen offen halten. Auch sollen Nutzer sogenannte „Instantkredite“ zwischen 100 Euro und 200 Euro aufnehmen können. Nutzer können Zahlungen an E-Mail-Adressen oder Handynummern schicken, der Empfänger muss dazu nicht O2 Banking-Kunde sein. O2 Banking ist für alle offen, kann also auch von Vodafone- oder Telekom-Kunden genutzt werden. Das Datenvolumen wird aber natürlich nur bei O2 gutgeschrieben, wozu Informationen über das Guthaben zwischen Fidor und Telefonica ausgetauscht werden müssen. Die Kontoumsätze sollen aber nicht analysiert werden. Zusammen mit dem O2 Banking bekommen Kunden eine kontaktlose Kombi-Karte, wie sie in der Form auch von Fidor selbst als Smartcard angeboten wird.

Die Möglichkeit, Bargeld z.B. über das Netzwerk von Barzahlen.de einzuzahlen, wie es bei Number26 möglich ist, gibt es beim Start erst einmal nicht. Auch verzichtet man auf einen Kontowechselservice oder eine Multi-Bankenfunktionalität. Dies steht zwar auf der Roadmap von O2 Banking, ist aber für den Start im Spätsommer 2016 noch nicht vorgesehen. Auch vom Mobile Payment will man zunächst die Finger lassen.

ratpacklogoDer Start von O2 Banking ist nicht der erste Versuch eines Mobilfunkproviders, ein mobiles Bankprodukt zu starten. Schon 2001 versuchte sich die Landesbank Baden-Würtemberg (LBBW) mit MobilCom an einer „mobile Bank“ – eine Initiative, die 2002 noch vor dem tatsächlichen Produkt-Launch eingestellt wurde. Mit 48,4 Mio Kunden hat Telefónica ein großes Kundenpotential, trotzdem stellt sich die Frage, ob es ein solches Produkt braucht. Die fünf Experten vom Fintech Rat Pack sind skeptisch:

André M. Bajorat

André M. Bajorat

Banking und Mobile sind inzwischen in weiten Teilen zu einer Welt geworden. Daher macht eine Zusammenarbeit zwischen Bank und Telko auf den ersten Blick Sinn. Entscheidend wird sein, welche Mehrwerte aus den eigentlichen Commodities Banking und Telko wirklich entstehen. Das Guthaben-Thema ist ein erster Ansatz, aber für die breite Masse sicher nicht ausreichend. Wenn es bei dem Angebot bleibt, wie es gerade ist, ist es sicher nur eine Nische in der Nische – wenn man es als ersten kleinen Schritt sieht, hat es Potential. Die entscheidende Frage wird sein, warum ich ein neues Konto eröffnen soll. Wäre es nur ein additives Konto mit den besagten wünschenswerten Mehrwerten und zudem habe ich die Wahl, auch das alte Konto zu connecten, wäre für mich noch mehr Chance vorhanden. Der Touchpoint Mobile ist da und Banking hat eine Hohe Alltagsrelevanz – beides zusammen ergibt eine gute Grundlage. Aber die Hürde, mein Konto zu wechseln, ist doch recht hoch.

André M. Bajorat ist Unternehmer, Berater, Speaker, Business-Angel und Mentor im deutschen Startup- und FinTech-Umfeld aktiv. Aktuell ist er als CEO bei figo.io, Partner bei KI-Finance sowie im Advisoryboard von FinLeap und Cringle aktiv. Twitter: @ambajorat

Maik Klotz

Maik Klotz

Maik Klotz

O2 hat erkannt, wie wichtig ein Ökosystem ist – und darum geht es schlussendlich. Banking ist alltagsrelevant und passt in ein solches System. O2 will von dieser Relevanz partizipieren, denn Mobilfunk an sich ist unsichtbar. Online-Banking hingegen ist ein sehr „sichtbares“ Produkt und eignet sich als Kundenschnittstelle. Die Frage nach dem „Warum“ bleibt aber aus Kundensicht unbeantwortet. Zinsen und Nutzung des O2 Banking sind kein echter Mehrwert. Dafür, das man ein Konto bei seinem Mobilfunkprovider eröffnet, ist das ein schwaches Argument. Andere Banken zahlen bis zu 250 Euro Prämie für eine Kontoeröffnung. Für das Geld kann man bei O2 ganz schön oft Datenvolumen dazu buchen. Das Thema Datenvolumen ist in Deutschland ohnehin ein Reizthema und die Logik, den Kunden bei Nutzung von O2 Banking zu belohnen, kann auch als Strafe für die anderen Kunden angesehen werden, die weiterhin auf ihren mageren Datenpaketen sitzen. Telefónica hätte Vorreiter bei diesem Thema sein und allen großzügige Datenpakete anbieten können, aber stattdessen bindet man das an Bedingungen.

O2 Banking ist einzig auf dem Smartphone nutzbar, auch das ist suboptimal. “Mobile first” ist schön und gut, aber es gibt heute nun mal mehr als einen Kanal. Eine Seamless User Experience ist eben nicht auf eine Plattform begrenzt – und die fehlt dem O2 Banking. Weitere Basics fehlen gänzlich. Es gibt zum Start keinen Kontowechselservice und keine Möglichkeit, Bargeld einzuzahlen.

Das Design der O2 Banking App, die Kombi-Karte (Smartcard) bestehend aus kontaktloser Maestro und Mastercard oder die Instantkredite sind allesamt nett. Aber wir wissen ja, von wem „nett“ die kleine Schwester ist.

Für Fidor ist die Zusammenarbeit mit Telefónica natürlich ein großer Erfolg. Die 130.000 Kunden könnten sich bei Fidor durch die Kooperation mit Telefónica am Ende vielleicht sogar verdoppeln. Das wäre dann des einen Freud und des anderen Leid. Telefónica reichen solche Zahlen nämlich sicher nicht.

Maik Klotz  ist Berater, Sprecher und Autor zu den Themen Banking, Payment und Retail. Seit vielen Jahren berät Maik Unternehmen zu kundenzentrierten Innovationsmethoden und der Fokussierung auf den Nutzer. Aktuell ist er als als Senior Consultant bei der KI-Finance GmbH aktiv. Er ist Organisator der Reinventing Workshops. Twitter: @klotzbrocken

kilian thalhammer

Kilian Thalhammer

Kilian Thalhammer

Ich denke der Deal hilft v.a. erstmal der Fidor Bank. Sie bekommt Kunden und einen echten relevanten Use Case für das „White Label Banking“. Ob die Konversion von realen O2 Kunden zu O2/Fidor Bankkunden gelingt, bleibt abzuwarten. Interessant wäre auch, ob über die Konvertierung der 130.000 Fidor-Kunden zu O2 nachgedacht wird.

Die Incentivierung über Datenvolumen ist “nett” und differenziert etwas. Ob es langfristig die Kunden bindet, glaube ich nicht. Zumal die “guten” Flatratekunden damit außen vor sind. Die Grundfrage bleibt: Payment im Telco Kontext hat nicht funktioniert, warum soll Banking funktionieren? Und warum Mobile Payment außen vor ist, erklärt sich für mich nicht. Da wäre aus Endkundensicht eine logische Brücke zwischen Telco und Banking. Aber womöglich stellt die Nutzung der Fidor Smartcard via NFC (im Telefon) eine mögliche Erweiterung dar. Auch Abrechnungsmodelle könnte man im Hintergrund „zusammenführen“ bzw. die Bezahlung automatisch über das Fidorkonto oder die Karte abwickeln.

Ich bin auf die Traction gespannt. Und der Versuch von O2, sich beim Kunden neu zu positionieren, ist auf jeden Fall besser als sich zum „Netzbereitsteller“ reduzieren zu lassen. Ob ein komplexes Produkt wie Banking die Stickyness der Kunden erhöht, ist eine interessante Frage.

Kilian Thalhammer ist seit mehr als 10 Jahren im Bereich Payment/ FinTech/ eCommerce & Loyalty unterwegs. Nach seiner Rolle als Director Solutions für die Schweizerische Post, war CPO bei RatePay (Otto Gruppe) und Geschäftsführer bei PAYMILL (Rocket Internet). Im Moment ist er im FinTech Umfeld als Berater und Business Angel aktiv. Twitter: @kilian2002

Rafael Otero

Rafael Otero

Rafael Otero

Ich habe einige Zweifel an einem kombinierten Telko-/Banking-Produkt. Der Mehrwert für den Endkunden ist insgesamt zweifelhaft. Die Aktivität oder Nutzung des Banking mit Guthaben auf der Mobilfunkseite zu kombinieren ist zwar eine interessante Idee, aber ob das die “richtigen” Kunden anzieht?

Die weiteren Features – Peer-to-Peer Payment und Micro-Lending – fühlen sich ein wenig „draufgesetzt“ an. Offensichtlich war der Druck groß, jetzt schnell etwas vorzustellen und nicht auf ein abgerundetes Angebot inkl. „O2 Pay“ und Einzahlung mittels Barzahlen zu warten. Es bleibt abzuwarten, ob Peer-to-Peer Payment tatsächlich von den Kunden angenommen wird, gerade wenn man sich anschaut, wie lange es bei Venmo in den USA gedauert hat, bis man mit einem reinen P2P-Produkt Netzwerkeffekte erreicht hat (der Hockeystick-Effekt ist erst in diesem Jahr zu sehen).

Das Mikro-Lending-Feature ruft bei mir umgehend Assoziationen zu dem analogen Produkt von Wonga in UK auf. Hier wurden Kunden zu “cleveren” Zeitpunkten (kurz vor dem Wochenende) mit aggressiven und z.T. moralisch bedenklichen Marketingkampagnen zum Abschluss solcher Mikro-Kredite verleitet. Es bleibt zu hoffen, dass dies beim O2 Banking nicht passiert. Insgesamt positiv ist der Verzicht auf eine künstliche Beschränkung auf O2-Kunden.

Für die Fidor Bank ist die Kooperation in zweifacher Hinsicht vorteilhaft. Mit O2 gewinnt man einen Leutturm-Partner und etabliert sich damit gegen Wirecard, welches der Kooperationspartner bei der O2 Wallet war. Zusätzlich hat man nun noch das Cross-Sell-Potential für die eigenen Kunden. Daher ist die Fidor der klare „Gewinner“ dieser Kooperation.

Rafael Otero ist Unternehmer, Business-Angel und Mentor im Startup- und FinTech-Umfeld. Rafael schaut zurück auf über 10 Jahre Erfahrung im Payment Bereich in denen er in Führungspositionen oder als Co-Founder aktiv war. Aktuell ist er Co-Founder bei payleven der globalen Kartenakzeptanz-Lösung für KMUs. Twitter: @rotero 

Jochen Siegert

Jochen Siegert

Jochen Siegert

Initiativen zwischen Mobilfunkanbietern und Finanzdienstleistern sind ja nicht neu: Die Mobil-Bank der LBBW mit MobilCom (heute Freenet); das Projekt “Südbrücke”, das in Bonn T-Mobile mit der Postbank über den Rhein verbindet; die HappyDigits-Kreditkarte der Deutschen Telekom und der KarstadtQuelle Bank; die vielen Initiativen der Mobilfunkanbieter im Payment – mpass, mywallet, click&buy, t-pay und vieles mehr. Bislang wartet(e) jegliches dieser Produkte, auch bei O2 selbst mit mpass und der O2-Kreditkarte von Barclaycard, auf einen wirklichen nachhaltigen Erfolg – gemessen an nennenswerten Kunden auf den Produkten. Alleine die Historie betrachtet, steht die Kooperation zwischen Fidor und O2 also unter keinem guten Stern.

Grundsätzlich fraglich ist jedoch das “warum”: Warum ausgerechnet ein Bankkonto eines Mobilfunkanbieters? Ein Konto ist ein Low-Interest-Produkt – und warum dann von einem Anbieter (Mobilfunker), der traditionell deutlich weniger Vertrauen als eine (Direkt-)Bank genießt? Nur damit ich ein paar mehr Megabyte Daten-Kick-Back erhalte, die ich bei einem „normalen“ Anbieter- oder Vertragswechsel auch bekomme? Nett, aber ist DAS ein Grund für einen Wechsel? Ich habe leider mehr Fragezeichen als Ausrufezeichen im Kopf – insbesondere wenn man zurückschaut und identische Kooperationen in der Vergangenheit auch nie “flogen”. Und wenn schon Banking, warum dann nicht “richtig”, also voll integriert ins Betriebssystem des Smartphones, voll mit APIs für ein Ökosystem ausgestattet, damit ich per z.B. eMail eingehende PDF-Rechungen per 1-Click automatisch überweisen kann? DAS ist es, was ich mir unter einer sinnvollen Kombination zwischen Finanzprodukt und Mobilfunkwelt vorstelle, und nicht ein zusätzliches Datenpaket, was am Ende des Monats ggfs ohnehin verfällt.

Wie groß ist denn das Marktpotential? O2/Telefonica hat laut eigenen Angaben 48 Millionen Kunden – beachtlich! Reduziert man dies um Partnermarken (z.B. Blau, Aldi, Base bis hin zu 1&1, Freenet und Co), um die wechselhaften 55,7% Prepaid-Anschlüsse bei O2 und die Business-Kunden, ist alleine das Vertriebspotential bereits sehr stark zusammen geschmolzen wie Eis in der prallen Sonne. Dann noch Kunden für das Verfahren begeistern, Marketing-Streuverluste, Conversionverluste im Antragsprozess und Co – und schon kommen wir auf ein wirklich sehr sehr kleines realistisches Potential von vermittelten Bankkonten für die Fidor Bank.

Schafft O2 ein vergleichsweise „komplexes“ Produkt wie ein Bankkonto zu vermarkten, was bei „einfachen“ Produkten im Payment (mpass und O2-Kreditkarte) schon nicht klappte? Alleine aufgrund der Vertriebsprovisionen sind Finanzprodukte deutlich weniger attraktiv als ein neuer Smartphone- oder DSL-Vertrag und daher wenig interessant für O2-Vertriebsmitarbeiter.

Last but not least kann man Mobilfunkanbietern wahrlich keine Kompetenz bei Finanzprodukten attestieren. Der ehemalige CEO von O2 Deutschland hatte im Januar 2012 den „Tod der Kreditkarte“ innerhalb von 5 Jahren vorhergesagt. Wird also die O2-Barclaycard-Kreditkarte und die Kombikarte des O2-Fidorkontos automatisch im Januar 2017 eingestellt…?

Jochen Siegert ist Unternehmer, Speaker, Podcaster und Mentor im FinTech- und Payment-Umfeld. Er schaut zurück auf 15 Jahre Erfahrung und Führungspositionen im Zahlungsverkehr (MasterCard, PayPal, Bigpoint und KarstadtQuelleBank). Aktuell ist der Vorstand/COO der Traxpay AG sowie im Advisoryboard bei Figo, FinLeap und Savedroid aktiv. Twitter: @jochensiegert

LESETIPP

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