Über die ungewisse Zukunft der Mobilfunkanbieter.

von Maik Klotz am 03.August 2015 in Netzbetreiber, News, Ökosysteme

shutterstock_243198172Update: Einem Bericht von Business Insider zufolge soll Apple mit diversen Mobilfunkanbietern aus den USA und Europa nicht nur über die Einführung der sogenannten eSIM verhandeln, sondern auch über die Nutzung deren Mobilfunknetze. Ziel sei es, einen eigenen virtuellen Mobilfunker zu starten. In den USA wird ein solcher Mobilfunkdienst intern angeblich bereits erprobt. Ob Apple aber tatsächlich in den Mobilfunkmarkt einsteigt und ob dieser auch in Europa starten wird, ist völlig offen.
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Vielleicht liegt es in der Natur der Sache, dass immer wieder erfolgreiche und große Unternehmen mit dem Wandel der Zeit nicht klar kommen und eine notwendige Neuausrichtung entweder erst gar nicht oder nur halbherzig angehen. Der Satz “Das haben wir schon immer so gemacht” wird zum Leitsatz und nicht Willens sich auf aktuelle Entwicklungen einzustellen, fährt man dann ungebremst auf den Abgrund zu. Dabei gibt es in der Geschichte immer wieder Beispiele von Unternehmen, die einst eine ganze Branche beherrscht haben und aufgrund mangelnder Anpassungsfähigkeit immer wieder Federn lassen mussten. Durch die Digitalisierung des Nutzers sind heute viele Branchen vom Aussterben bedroht – davon sind auch Mobilfunkanbieter wie Telekom, Vodafone oder O2 nicht ausgenommen. Es stellt sich die Frage, wozu brauchen wir eigentlich in Zukunft noch Mobilfunkanbieter?

SMS adé

Zum Telefonieren? Eben Nicht. Während sogenannte Over-The-Top-Dienste (OTT) wie Skype, Whatsapp, iMessage und Co. kontinuierlich zulegen, verlieren klassische Kommunikationsdienste wie Telefonie oder SMS immer mehr an Bedeutung. Die mobile Datennutzung lag 2014 laut Bundesnetzagentur im Monatsmittel bei 288 MB und damit viermal so hoch wie noch 2011. Mobil telefoniert haben wir Deutschen 2014 im Monat nur knapp 80 Minuten. Auch die SMS-Nutzung ist drastisch eingebrochen: von 60 Milliarden SMS im Jahr 2012 auf nur noch 22,5 Millarden in 2014.

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Joyn – der klägliche Messaging-Versuch der Mobilfunker

joynGanze vier Jahre hat beispielsweise die Deutsche Telekom abgewartet, bis sie 2013 den kläglichen Versuch unternahm, mit der App Joyn eine Alternative zu WhatsApp zu bieten. Schaut man sich das Ranking im Appstore und die Anzahl der Bewertungen an, kann man diesen Versuch getrost für gescheitert erklären. Statt sich neuen Diensten zu öffnen und in eigene Dienste zu investieren, herrscht eine Blockadehaltung. Immer wieder untersagen die Mobilfunkbetreiber in den AGBs ihren Kunden die Nutzung von Diensten wie P2P (Peer-to-Peer), Instant Messaging oder VoIP (Voice over IP). Auf der anderen Seite scheut man sich nicht Streaming-Dienste wie beispielsweise Spotify von der Berechnung des Datenvolumens auszuschließen. Mit Netzneutralität hat das nur noch wenig zu tun.

Mobilfunker nur noch Technologie-Provider?

Die Frage, wozu man die Mobilfunkanbieter überhaupt noch braucht, kann man auf ein Thema reduzieren: als Technologie-Provider. Das Frontend zum Kunden geht mehr und mehr verloren. Im Prinzip reduzieren sich schon heute die Unterscheidungsmerkmale zwischen den Mobilfunkprovidern auf Preis, Datenvolumen und Netzabdeckung. Alle anderen Zusatzdienste, die früher den Nutzern vielleicht noch wichtig waren, sind obsolet geworden. Wozu braucht man in Zeiten von Whatsapp oder iMessage noch teure SMS Pakete? Auch die Telefonie wird immer unwichtiger. Was vor allem zählt, ist der Breitbandzugang und den lassen sich die Mobilfunkanbieter vergolden. In kaum einem anderen Land sind die Kosten für mobiles Internet so hoch wie in Deutschland. Während in Finnland ein Inklusivvolumen von 50 Gigabyte üblich ist, steht Deutschland mit einem Gigabyte hinter Italien, Tschechien oder Spanien und nur knapp vor Ungarn. Zum Leidwesen der Nutzer und das schlägt sich auch in der Kundenzufriedenheit nieder. Laut dem Marktforschungsinstitut für Servicequalität ist das Gesamturteil für die Mobilfunkbranche nur befriedigend. An erster Stelle stehen bei der Kundenzufriedenheit die Mobilfunkdiscounter, während die Netzbetreiber O2, Telekom, Vodafone Schlusslicht sind.

Die eSIM kommt

shutterstock_76493299Die Zeichen stehen schlecht. Samsung und Apple verhandeln gemeinsam mit der GSM Association, dem Verband der Mobilfunknetzbetreiber, über die Einführung der sogenannte eSIM. Dabei handelt es sich um eine fest verbaute SIM-Karte, auf die jeder Mobilfunkbetreiber aufgeschaltet werden kann. Der Nutzer muss also in Zukunft keine SIM-Karte mehr in sein Smartphone stecken, sondern kann sofort loslegen. Der Wechsel zwischen den Mobilfunkprovidern wird damit natürlich vereinfacht, da der lästige Wechsel der SIM-Karte entfällt. Die Hoheit der eSIM liegt beim Hardware-Hersteller, also bei Apple und Samsung. Das bedeutet, dass beide beliebige Mobilfunkanbieter anbieten oder ausschließen können. So könnten Mobilfunkanbieter, die besonders restriktiv gegenüber bestimmten Onlinediensten sind, einfach seitens der Smartphone-Hersteller ausgeschlossen werden. Mit der eSIM geht ein weiterer Baustein in der Kundenbeziehung für die Mobilfunkanbieter verloren. Nicht nur die eSIM dürfte den Mobilfunkbetreibern Kopfzerbrechen bereiten, sondern auch Projekte wie Googles Loon. Google Loon ist die Bestrebung von Google, die Welt mit Internet auszustatten. Sri Lanka bekommt als erstes Land mit Hilfe von Google Loon einen landesweiten universellen Internetzugang über WLAN – wozu braucht es dann noch einen Mobilfunkanbieter? Sri Lanka ist eine Insel und nicht Europa und trotzdem zeigt es, wohin die Reise bei Google geht.

Bye Bye Mobilfunkkunde?

Solche Entwicklungen zeigen, wie schnell das Frontend zum Kunden verloren gehen kann – und damit langfristig der Kunde selbst. Die Frage, wem der Kunde gehört, wird in Zukunft wichtiger denn je. Demeinhergehend ist es essentiell, Kunden ein Ökosystem zu bieten um Kunden zu binden. Apple, Google oder Facebook haben das erkannt und bieten genau das: einzelne Lösungen aus einer Hand für unterschiedliche Anwendungsfälle mit Fokussierung auf den Nutzer. Im Mobilfunk wird das vernachlässigt. Dort fehlen innovative Ideen und Lösungen. Gleichzeitig werden Themen zu spät und nicht nutzerzentriert angegangen, wie man an den Bestrebungen der Mobilfunkbetreiber im Bereich Mobile Payment sehen kann. Anstatt sich mit den Kundenbedürfnissen zu beschäftigen, hat man vor allem den Profit vor Augen. Das Ende vom Lied ist, dass keine der von den Mobilfunkanbietern bereitgestellte Mobile-Payment-Lösung von den Nutzern angenommen wurde. Apple Pay und Android Pay stehen mehr oder weniger vor der Tür, was im Grunde dazu führt, das die Mobile-Payment-Lösungen der Mobilfunkbetreiber mittelfristig beerdigt werden. Es wäre nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. Am Ende bleibt noch die Rolle des Technologie-Anbieters. Das ist aus Kundensicht etwa so spannend wie ein Energieversorger. Nämlich gar nicht. (Beitragsbild: shutterstock.com, shutterstock.com)


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