Mobile Payment: Der König ist tot. Lang lebe der König.

von Maik Klotz am 26.Mai 2014 in Mobile Payment, News

shutterstock_191760554Der von der Branche erhoffte Durchbruch beim Mobile Payment lässt noch immer auf sich warten und Händler wie Anwender sind gleichermaßen verunsichert. Während die Anwender beim mobilen Bezahlen mit dem Smartphone aus unterschiedlichen Gründen zurückhaltend sind, hat der stationäre Handel zwar die Befürchtung den Anschluss zu verlieren, befindet sich aber trotzdem in einer Art Schockstarre und weiß nicht so wirklich was zu tun ist. Mobile Payment in Deutschland will nicht so recht durchstarten und nun kommt die Branche mit dem nächsten Thema, der Mobile Wallet. Die Mobile Wallet soll das schaffen, was dem Mobile Payment bisher verwehrt blieb, den Durchbruch beim Bezahlen mit dem Smartphone zu schaffen. Der Unterschied zum Mobile Payment: Mobiles Bezahlen mit dem Smartphone ist nur noch eine Funktion von vielen.

Die Sache mit dem Anwendungsfall

Der Zahlungsverkehr hier in Deutschland ist so eine Sache für sich. Wir Deutschen lieben Bargeld und bezahlen, anders als bei unseren Nachbarn, immer noch häufiger bar als mit EC- oder Kreditkarte. 55 Prozent der Zahlungen sind Barzahlungen, dahinter mit 45 Prozent unbare Zahlungsarten wie zum Beispiel die Zahlung mit EC- oder Kreditkarte. Neue Bezahlverfahren, wie Mobile Payment, haben es erst einmal schwer. Vor allem dann, wenn ein konkreter Anwendungsfall fehlt. Beim Bezahlen am POS haben Anwender per se keine Schwierigkeiten. Mobile Payment löst also kein Problem, sondern schafft unter Umständen neue. Das haben auch die Anwender erkannt und sind entsprechend zögerlich. Auch ist der Markt im Moment stark fragmentiert. Schaut man sich die Situation heute in Deutschland an, dann gibt es mehr als 30 Anbieter von mobilen Bezahlverfahren. Viele setzen auf eigene proprietäre Lösungen, die nur bei einer begrenzten Auswahl von Händlern funktionieren. Erschwerend hinzu kommt eine nicht enden wollende Technologiediskussion, die an einen Glaubenskrieg erinnert. Während man auf der einen Seite NFC (Near Field Communication) als Technologie bevorzugt, setzen gerade kleinere Anbieter auf das QR-Code-Verfahren. Manch einer hält BLE (Bluetooth Low Energy) und damit zusammenhängend sogenannte Beacons für den Heilsbringer. Einigkeit gibt es nicht. Dass diese Diskussion nicht zielführend ist, meint auch Danny Fundinger von IBM im mobilbranche.de-Interview. In der Tat ist die Technologie-Diskussion kontraproduktiv und schadet mehr als sie nützt. Für den Anwender darf sie ohnehin keine Rolle spielen, denn ein Bezahlverfahren sollte immer und überall funktionieren, egal ob nun der Anwender mit seinem iPhone, seinem Android-Smartphone, seinem Windows Phone oder mit seiner kontaktlosen Kreditkarte zahlen möchte. Und trotzdem halten die Anbieter mobiler Bezahlverfahren meist sklavisch an einer Technologie fest, statt sich auch anderen zu öffnen. Allen voran die Mobilfunkbetreiber, die völlig engstirnig auf NFC setzen und für Smartphones ohne eigene NFC-Funktion lieber NFC-Sticker verteilen, wie zum Beispiel für Apple Geräte, als weitere technische Möglichkeiten zu integrieren.
Bei dieser ganzen Diskussion ist der Kundennutzen außen vor und man hat scheinbar vergessen zu überlegen, warum denn der Anwender überhaupt ein Interesse daran haben könnte, mit dem Smartphone zu zahlen. Die Argumentation beim Thema Mobile Payment oder Mobile Wallet beschränkt sich auf Geschwindigkeit, Komfort und Innovation.

Selbst wenn man der Argumentation der Anbieter mobiler Bezahlverfahren folgt und mobiles Bezahlen schneller ist als zum Beispiel die EC-Kartenzahlung oder Barzahlung, muss man feststellen, dass es an der Kasse für den Anwender kein Zeitproblem gibt. Beobachtet man die Situation an der Kasse, dann wird meist noch die Ware eingeräumt während die Bezahlung längst abgeschlossen ist. Ein Zeitproblem haben die Kunden in der Schlange, nicht aber der Kunde, der gerade zahlt. Die zeitliche Ersparnis ist, wenn denn vorhanden, auch nur wenige Sekunden. Je nach technischem Verfahren kann es beim Mobile Payment auch deutlich länger dauern. Ob mobiles Bezahlen komfortabel ist, liegt ja vor allen Dingen daran, wie umkomfortabel die etablierten Bezahlverfahren sind. Zahlungen mit EC- und Kreditkarten sind nicht wirklich komplex und Barzahlungen schon mal gar nicht. Dementsprechend müssen alternative Bezahlverfahren sehr viel komfortabler sein, was offenbar nicht der Fall ist, denn nicht jeder Anwender ist ein Digital Native und benutzt das Smartphone als dritte Hand. Im Gegenteil, der Joe-Sixpack-User tut sich oft schon schwer mit dem Installieren von Apps. Statt sich mit dem Anwendungsfall und dem Anwender zu beschäftigen, kommt man nun also mit dem nächsten Thema, der Mobile Wallet. Man fügt einem nicht vorhandenen Anwendungsfall einfach weitere, nicht vorhandene Anwendungsfälle hinzu. Mehrwertdienste sollen zur gewünschten Verbreitung führen, weil mobiles Bezahlen allein zu wenig Mehrwert bietet.

Händler in der Schockstarre

shutterstock_189924722Die Anwender und auch der Einzelhandel scheinen das alles nicht zu verstehen. Es gibt schon jetzt eine Vielzahl von Lösungsanbietern mobiler Bezahlverfahren, die allesamt den Einzelhandel und Anwender umgarnen und schon wird die nächste Sau durch das Dorf getrieben. Sprach man gestern noch über Mobile Payment, ist es nun die Mobile Wallet. Ein Ende der Verwirrung ist indes nicht abzusehen. Die Verunsicherung der Anwender spürt auch der stationäre Einzelhandel, was zu einem zusätzlichen Problem führt: damit ein Bezahlverfahren erfolgreich ist, muss es möglichst breit verfügbar sein. Auf Seiten der Händler bedeutet aber ein neues Bezahlverfahren einen Integrationsaufwand. Da es eine Vielzahl von Lösungen und Technologien gibt, stellt sich für den Händler die Frage, auf welches Pferd er denn nun setzen sollte. Und so wartet man lieber ab. Ein Teufelskreis. Ohne gute Lösungen keine Anwender, ohne Anwender keine Händler, die Mobile Payment akzeptieren, ohne Händler wieder keine Anwender. Dazu kommt, dass der stationäre Handel an vielen Fronten zu kämpfen hat. Gerade die Entwicklung im E-Commerce und damit einhergehend der Rückgang stationärer Einkäufe schmerzt und erfordert neue Strategien, um den Kunden bei Laune zu halten. Ein schlecht funktionierendes mobiles Bezahlverfahren ist dabei wenig hilfreich.

Tabula Rasa

Mobile Payment braucht also niemand? Das wäre zu einfach und zu kurzfristig gedacht. In der jetzigen Form ist Mobile Payment aber kein Problemlöser und die nun von manchen Anbietern propagierte Wallet lediglich der verzweifelte Versuch, irgendwie das mobile Bezahlen in Deutschland salonfähig zu machen. Mobiles Bezahlen mit dem Smartphone soll alles einfacher machen, aus Sicht der Kunden stellt man sich nur die Frage, wie das gehen soll. Denn einfacher ist im Moment erst einmal gar nichts. Aufwändige und lange Registrierungsprozesse mit Kontenaktivierung, hin und her Überweisungen oder aufwändiges Aufladen der Wallet steht dem entgegen. Die Bedienung der Mobile-Payment-Apps ist oft völlig verwirrend und nicht zielführend. Endlose Dialoge, unzählige Navigationsebenen oder eine Vielzahl von Funktionen machen den angepriesenen einfachen Bezahlvorgang alles, nur nicht einfach. Was ein Filialfinder in einer Bezahl-App zu suchen hat, bleibt genauso unbeantwortet, wie warum man sich einen NFC-Aufkleber auf sein Smartphone kleben sollte. Der Erfolg mobiler Bezahlverfahren und der Mobile Wallet steht und fällt mit folgenden Punkten:

1) Es gibt für alles eine App, aber nicht eine App für Alles

Apps werden anwendungsfallbezogen benutzt. Es ist ein Irrglaube, eine All-In-One-Wonder-App würde dem Anwender helfen. Anwender nutzen heute eine App für einen Anwendungsfall, nicht eine App für X Anwendungsfälle. Die großen Anbieter wie Google und Facebook haben das erkannt und entfernen aus den Apps immer mehr Funktionen, um diese als singuläre App zu veröffentlichen. Mit Erfolg. Der Anwendungsfall sollte im Fokus stehen. Ist der Bezahlvorgang am POS ein guter Anwendungsfall, oder gibt es vielleicht andere, sinnvollere Anwendungsfälle um die Transaktion herum? Wie kann man das Bezahlen mit dem Smartphone gestallten damit die Nutzererfahrung begeistert und nicht zur Frustration führt? Fragen, die es zu beantworten gilt. Mobiles Bezahlen muss nicht verkehrt sein, es ist nur im Moment nur nicht zu Ende gedacht.

2) Ein System für Alles

Ein Lösung muss überall funktionieren. Eine Lösung nur für Händler A und eine andere für Händler B ist aus Anwendersicht schwierig. Anwender können heute auch mit der EC- oder Kreditkarte überall bezahlen. Warum also nicht auch beim Mobile Payment? Hier fehlt es an einer anbieterübergreifenden Schnittstelle, einer Mobile-Payment-API, die alle verfügbaren Verfahren für jeden Anwender nutzbar macht. So wie man bei der Online-Banking-App der Sparkasse auch andere Fremdkonten nutzen kann, so gilt das auch beim Mobile Payment. Beim Banking gibt es so etwas, sei es in Form von HBCI oder in veredelter Variante wie zum Beispiel figo.

3) Keine Mobile Wallet App, sondern ein System “Mobile Wallet”

Die Mobile Wallet als vollumfängliche App widerspricht der ureigenen App-Logik. Nicht eine Mobile Wallet als App ist gefragt, sondern ein „System” Mobile Wallet. Ein Systembaukasten, aus dem sich Anwender die für sich passenden Lösungen aussuchen können, die untereinander vernetzt sind. Wenn ein Anwender zum Beispiel keine Kundenkarten nutzt, installiert er sich die entsprechende App erst gar nicht. In einem solchen Wallet-System sind alle angeschlossenen Apps miteinander vernetzt. Der Anwender nutzt nur den Teil der Wallet, den er tatsächlich braucht.

Fazit

Der Durchbruch steht und fällt mit Lösungen, die begeistern. Diese scheint es im Moment noch nicht zu geben. Dabei drängt die Zeit, denn es ist davon auszugehen, dass die ganz Großen wie Apple, Amazon, Google & Co. an Lösungen arbeiten und sehr stark auf den Kundennutzen schauen, was sich in simplifizierten Prozessen und guter User-Experience niederschlagen wird. Auch werden solche Lösungen dann vernetzt sein und ineinander greifen. Dumm nur, dass es dann wieder keine Lösung aus Deutschland ist, sondern diese wie so oft aus den USA kommt. Eine Mobile-Payment-API könnte Abhilfe schaffen und mobiles Bezahlen in Deutschland vorantreiben. (Foto: shutterstock.com und shutterstock.com)


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