Interview: Georg Dahm und Denis Dilba wollen mit dem Wissenschaftsmagazin „Substanz“ Qualitätsjournalismus mobil machen.

von Fritz Ramisch am 27.Februar 2014 in Interviews, News, Trends

fail better media substanz

„Unser wichtigster Kanal, das Tablet, steht eher für kurze Aufmerksamkeitsspannen. Wenn du auf diesem Medium Leseruhe erzeugen und die Leute an eine Geschichte fesseln willst, wirst du nichts mit Bildergalerien, Filmchen oder Animationsklamauk reißen“, sind sich Denis Dilba (36, im Bild links) und Georg Dahm (42, im Bild rechts) der Herausforderungen bewusst, die ein rein digitales journalistisches Produkt mit sich bringt. Die beiden Journalisten wollen mit „Substanz“ ein digitales Wissenschaftsmagazin herausgeben – einen Qualitätstitel fürs Tablet. Keine leichte Aufgabe, die sich die ehemaligen „Financial Times“-Journalisten vorgenommen haben. Tendenziell werden immer mehr Inhalte auf Mobilgeräten konsumiert, was dazu führt, dass sich klassische Mediengattungen wie Print neu erfinden müssen. Damit tun sich viele Medienunternehmen schwer, ein Patentrezept ist längst nicht gefunden. Doch der Medienwandel bringt auch viele Chancen mit sich. Das haben Dilba und Dahm erkannt: „Es ist mehr Hektik und Emotionalität im Geschäft: Newssites sehen sich unter dem Druck, ständig neue Häppchen in ihre Apps einzuspielen, und sie bewerten die Relevanz von Meldungen für mobile Plattformen anders. Wir wollen uns nicht auf Häppchen reduzieren – wir glauben, dass lange Geschichten auch digital funktionieren. Man muss eben ganz anders denken als im Print. Auf dem Tablet wird aus dem ‚wo‘ ein ‚wann‘, eine ganz andere Dramaturgie.“ Derzeit sammelt das Team der Fail Better Media fleißig Geld über die Crowdfunding-Plattform Startnext ein, um bereits im 1. Halbjahr dieses Jahres die erste Ausgabe zu starten. Die soll – im Gegensatz zum Großteil der Inhalte im Netz – kostenpflichtig sein und sich durch „Monatsabonnements und den Verkauf von Einzelausgaben“ sowie durch den Verkauf „dezenter Werbung“ finanzieren.

mobilbranche.de: Ihr habt zwei Print-Pleiten selbst mit erlebt und baut jetzt auf ein rein digitales Magazin – Zielgruppe Mobile User. Welche Anforderungen und Potenziale bringt die veränderte Mediennutzung für ein Wissenschaftsmagazin wie „Substanz“ mit sich ?

Georg Dahm: Die größte Herausforderung: Wir wenden uns an ein Publikum, das mehr und mehr visuell geprägt ist; vor allem die Jüngeren suchen zu Fachthemen inzwischen eher Youtube-Videos als Wikipedia-Einträge. Und unser wichtigster Kanal, das Tablet, steht eher für kurze Aufmerksamkeitsspannen. Wenn du auf diesem Medium Leseruhe erzeugen und die Leute an eine Geschichte fesseln willst, wirst du nichts mit Bildergalerien, Filmchen oder Animationsklamauk. Darum denken wir jede Geschichte von Anfang an als digitale Gesamtinszenierung: Wie können wir das Thema auf dem Bildschirm besser erzählen als auf dem Papier? Wie können Text und Grafik eine sinnvolle Einheit bilden, wie kann sich der Text den Bedürfnissen des Lesers anpassen? Das ist eine wahnsinnig spannende Arbeit, in die wir unsere Energie viel lieber investieren als in das aufreibende Kiosk-Geschäft.

mobilbranche.de: Wie wollt ihr inhaltlich und in Bezug auf die Aufbereitung der Inhalte der steigenden mobilen Nutzung gerecht werden?

Denis Dilba: Auf jeden Fall nicht, indem wir uns auf Häppchen reduzieren – wir glauben, dass lange Geschichten auch digital funktionieren. Man muss eben ganz anders denken als im Print. Da hast du eine Doppelseite und die gibt dir vor, wo Texte, Grafiken und Infokästen stehen müssen, damit das ganze harmonisch aussieht. Auf dem Tablet wird aus dem “wo” ein “wann”: Wann braucht der Leser eine Verständnishilfe, wann sollten zum Beispiel eine Erklärgrafik neben dem Text erscheinen? Wann ist eine Bild eine Abwechslung und wann eine Ablenkung? Und kann ich dem Leser die Kontrolle darüber geben, wann er welche Elemente sieht? Das ist eine ganz andere Dramaturgie.

mobilbranche.de: Wie verändert sich der Journalismus insgesamt durch die steigende mobile Nutzung?

Georg Dahm: Es ist mehr Hektik und Emotionalität im Geschäft: Newssites sehen sich unter dem Druck, ständig neue Häppchen in ihre Apps einzuspielen, und sie bewerten die Relevanz von Meldungen für mobile Plattformen anders. Reporter treten mit den Lesern unmittelbarer in Kontakt, zum Beispiel indem sie von einer Veranstaltung twittern – und die Leser können sich laufend zwischen Schreibtisch, Klo und U-Bahn mehr oder weniger überlegt dazu äußern. Das muss sich noch vieles zurechtruckeln.

mobilbranche.de: Ihr sammelt über eine Crowdfunding-Kampagne Geld um „Substanz“ zu realisieren, wollt selbst Kredite aufnehmen. Habt ihr keine Investoren für euer Projekt gefunden? Falls ja woran liegt das eurer Meinung nach?

Denis Dilba: Das Crowdfunding ist ja nur ein Baustein unserer Finanzierung, die Starthilfe, mit der wir Substanz aus der Garage fahren können – und gleichzeitig unsere erste PR-Kampagne. Außerdem erhöhen wir damit unsere Eigenkapitalquote, was die Banken ganz schön finden. Natürlich sprechen wir auch mit Investoren, aber so etwas braucht Zeit. „Substanz“ ist unser Herzensprojekt, da muss es auch menschlich passen. Darum beschnuppern wir uns lieber erstmal ganz in Ruhe. Dazu kommt: Die redaktionelle Unabhängigkeit ist uns heilig, da gibt es keine Diskussionen. Das muss ein Investor auch erstmal akzeptieren.

mobilbranche.de: Wie differenziert ihr euch von der Vielzahl der einschlägigen, deutschsprachigen Tech-Portale?

Georg Dahm: „Substanz“ wird ja kein Portal, „Substanz“ wird ein Digital-Magazin. Das ist ein ganz wichtiger Unterschied. Auf einem Portal hüpfst du durch die aktuellen Gratis-Geschichten und erzeugst so die nötigen Klicks für die Anzeigenkunden. Unser Magazin „Substanz“ wird große Geschichten erzählen und eigene Themen setzen. Das nimmst du ganz bewusst zur Hand, auf dem Sofa, in der Bahn, im Flugzeug. Unseren Geschichten wirst du anmerken: Die Autoren waren vor Ort, haben die Protagonisten getroffen und ausgefragt. Und dann haben sie eine ausgeruhte Geschichte geschrieben, die von einem professionellen Team mit viel Hingabe und Aufwand produziert wird. Klassischer Magazinjournalismus eben – aber in einer originär digitalen Darreichungsform.

mobilbranche.de: An wen adressiert ihr euer Wissenschaftsmagazin? Welche Rolle sollen mobile Business-Themen wie Mobile Marketing, Mobile Advertising oder Mobile Commerce spielen?

Denis Dilba: An alle, die sich für unterhaltsamen, niveauvollen Wissenschaftsjournalismus interessieren – und den zunehmend im Gewühl des Internets suchen. Das können Oberstufenschüler sein und ihre Eltern, Studenten und ihre Profs, Berufstätige und Rentner. Wobei wir glauben, dass wir in der Altersgruppe zwischen 16 bis 40 Jahren am schnellsten wachsen können. Da sehen wir eine eklatante Marktlücke: Bei Jugendheften wie Geolino oder Zeit Leo ist mit 15 Schluss, bei Spektrum oder Bild der Wissenschaft werden die Mediadaten erst ab 40 Jahren richtig lecker. Dazu kommt, dass die Jüngeren selbstverständlicher auf Tablets lesen. Was die Werbung angeht, sind wir eher konservativ: „Substanz“ wird nur Anzeigen enthalten, die dezent ins Layout eingebunden sind. Aggressive Banner-Attacken wird es bei uns nicht geben.

mobilbranche.de: Wie ist das Geschäftsmodell von „Substanz“ ?

Denis Dilba: Substanz soll sich durch Monatsabonnements und den Verkauf von Einzelausgaben tragen, außerdem durch dezente Werbung. Das funktioniert natürlich nur, wenn wir Geschichten bieten, die unsere Leser so nirgendwo anders finden, und schon gar nicht auf Gratis-Portalen. Aber darum machen wir uns keine Sorgen: In unseren Geschichten wird enorm viel Arbeit und noch mehr Liebe stecken. Und das werden die Leser merken.

mobilbranche.de: Vielen Dank für das Interview.

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