Interview: Holger Feistel von blau Mobilfunk über die Abschaffung der Roaming-Gebühren.

von Fritz Ramisch am 22.Oktober 2013 in Interviews

holger-feistel_mitSmartphone„In einem geeinten Europa ist es skurril, dass man das Überqueren von Ländergrenzen nicht mehr anhand von Grenzkontrollen bemerkt, sondern an der SMS-Mitteilung des Netzbetreibers, der uns freundlich darauf hinweist, dass mobile Telefonie ab sofort teuer wird“, sagt Holger Feistel, seit April 2013 Geschäftsführer der blau Mobilfunk GmbH. Mit einem 9-Cent-Tarif für Auslandsgespräche ist die E-Plus-Tochter derzeit Vorreiter auf dem deutschen Markt in puncto Roaming-Gebühren. Das wird sich trotz der geplanten Abschaffung der Roaming-Gebühren durch die EU so schnell auch nicht ändern. Holger Feistel ist sicher, „dass es in den nächsten Jahren eine politische Initiative bleiben wird.“ Ohnehin setzt blau Mobilfunk auf die Sprachtelefonie und will diese weiter forcieren und sich so auch in Zukunft gegen die sinkende SMS-Nutzung durch mobile Messenger behaupten. In einem Interview mit mobilbranche.de hat Holger Feistel seine Position zu Roaming-Gebühren deutlich gemacht und uns Einblicke in die Strategie des Mobilfunkdiscounters gegeben.

mobilbranche.de: Kamen Sie selbst im (Auslands-)Urlaub auf die Idee, die Roaming-Gebühren abzuschaffen?

Holger Feistel: Natürlich bin auch ich Mobilfunkkunde, reise leidenschaftlich gerne und bin beruflich viel unterwegs. Daher sind mir die teuren Roaming-Kosten, wie so vielen Nutzern, schon seit langem ein Dorn im Auge. Die aktuelle Situation im Ausland ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Mobile Kommunikation ist längst Teil unseres Alltags geworden. In einem geeinten Europa ist es skurril, dass man das Überqueren von Ländergrenzen nicht mehr anhand von Grenzkontrollen bemerkt, sondern an der SMS-Mitteilung des Netzbetreibers, der uns freundlich darauf hinweist, dass mobile Telefonie ab sofort teuer wird. Roaming-Gebühren verhindern nicht nur einen gemeinsamen Binnenmarkt, sondern stehen auch einem gesamteuropäischen Gefühl im Weg. Ich habe bereits früher versucht, diesen unnötigen und längst überfälligen Nachteil abzuschaffen. Mit blau Mobilfunk habe ich nun die richtigen Voraussetzungen und die richtige Kultur gefunden, meine Vision zu verfolgen. Darum haben wir bei blau unmittelbar nach meinem Start im April dieses Jahres angefangen, meine Idee anzupacken und in die Tat umzusetzen. Unserer Auffassung nach sollten sich Produkte stets am Kundenwunsch orientieren, also den Nutzern die Freiheit bieten, unbeschwert und sorgenfrei zu kommunizieren. Mit unserer Erweiterung des 9-Cent-Tarifs auf Gespräche aus dem EU-Ausland nach Deutschland haben wir das erfolgreich geschafft. Aber auch die Kosten für Gespräche aus Deutschland ins EU-Ausland waren mir wichtig. Geschäftlich wie auch privat telefoniere ich häufig international. Dass ich mir dort immer die Kosten vor Augen führen muss oder umständlich auf andere Dienste ausweichen soll, entspricht nicht mehr der modernen Nutzung. Unser Handy oder Smartphone ist längst zum ständigen Begleiter geworden. Es ist meiner Meinung nach nicht mehr einzusehen, dass wir unser Kommunikationsverhalten verändern müssen, sobald wir Freunde, Familienangehörige oder Geschäftspartner im europäischen Ausland anrufen möchten.

mobilbranche.de: Wie ist das Feedback Ihrer Kunden bzw. wie wird das Produkt angenommen?

Holger Feistel: Die Resonanz im Handel ist sehr gut und unsere Kunden freuen sich natürlich über unser Angebot. Eine Kostenreduzierung wird stets wohlwollend angenommen, denn die Kunden profitieren unmittelbar und haben keinerlei Nachteile. Sie verstehen das Produkt als kundenfreundliche, beste Lösung im Markt. Es wird aber noch eine Weile dauern bis die Re-Konditionierung der Verbraucher durch den niedrigen und einheitlichen Preispunkt flächendeckend abgeschlossen ist. Die Menschen haben es über Jahre hinweg gelernt, bei innereuropäischen Telefonaten zurückhaltender zu agieren. Mit dem Niederreißen der Grenzen durch blau kommt nun eine Veränderung im Mobilfunkmarkt auf uns zu, die langfristig dafür sorgen wird, dass mobile Kommunikation auch international so genutzt wird, wie wir es von zu Hause gewöhnt sind. Einfach, sorglos und ohne groß nachzudenken. Die Ergebnisse einer Umfrage, die wir gemeinsam mit forsa durchgeführt haben, wie auch die Äußerungen von Mobilfunkexperten lassen einen deutlichen Anstieg der Nutzung erwarten. Tatsächlich spüren wir ihn sogar schon jetzt. Mehr als die Hälfte der Deutschen gaben bei der von uns in Auftrag gegebenen Studie an, mehr zu telefonieren, wenn die teuren Roaming-Gebühren entfielen. Ganze 80 Prozent befürworteten deren Abschaffung. Und genau das entspricht auch dem Feedback der Kunden, nachdem wir den neuen Preispunkt von 9 Cent bekannt gegeben haben. Das war bislang mehr als zufriedenstellend.

mobilbranche.de: Bei den Roaming-Gebühren sind Sie Vorreiter. Nun will die EU die Gebühren sowieso bald abschaffen. Ist der Wettbewerbsvorteil also bald dahin?

Holger Feistel: Die Frage, ob und wie die Roaming-Gebühren tatsächlich seitens der EU weiter reguliert oder gar abgeschafft werden, ist noch lange nicht geklärt. Es hat bereits und wird noch weiterhin erhebliche Wiederstände geben – von den Netzbetreibern aber auch von Politikern auf nationaler und internationaler Ebene. Daher gehe ich davon aus, dass es in den nächsten Jahren eine politische Initiative bleiben wird. Natürlich wollen wir diesen Wettbewerbsvorteil nutzen, hier noch zu wachsen und entsprechendes Steigerungspotential bei unseren Umsätzen zu erschließen. Allerdings gehen wir einen eigenen Weg und konzentrieren uns darauf, unseren Kunden passgenaue Tarifangebote zu schneidern. Ob und wie die Wettbewerber nachziehen werden, bleibt abzuwarten. Meines Erachtens ist ein Wettbewerb für die Kunden immer von Vorteil. blau Mobilfunk hat bei der Entwicklung neuer Produkte traditionell die Kundenperspektive im Fokus, und wir werden uns auch weiterhin daran orientieren. Die EU vereint die wichtigsten und am häufigsten bereisten Urlaubs-Destinationen der Deutschen. Ein Produkt anzubieten, was den reisefrohen Bundesbürgern geradezu auf den Leib geschnitten ist, zeigt genau diese Kundenorientierung.

mobilbranche.de: Ein Wort zur Konkurrenz: Wie stark merken Sie den Boom von mobilen Messengern wie WhatsApp in Ihrem SMS-Geschäft?

Holger Feistel: Die so genannten Over-The-Top-Dienste haben in der Vergangenheit eindeutig gezeigt, dass die Mobilfunkprovider nicht nur an ihren Margen festhalten sollten, sondern angemessene Tarife anbieten müssen. Ansonsten erobern alternative Angebote einen Teil des Marktes für sich. Folglich sehen wir eine Verschiebung der mobilen Kurznachrichten in Richtung IP-basierter Angebote. Das gilt nicht nur für den deutschen Markt, sondern auch international. Noch können wir zwar keinen Abfall der SMS-Nutzung verzeichnen, das enorme Wachstum der SMS aus den vergangenen Jahren wurde jedoch deutlich gebremst. Wir bei blau Mobilfunk setzen allerdings auf die Sprachtelefonie als Kerndienst und richten unsere Produkte dahingehend aus. Auch ein Grund dafür, dass wir unseren 9-Cent-Tarif für Gespräche ins EU-Ausland bzw. vom EU-Ausland nach Deutschland ausgedehnt haben. Wir wollten einen Preispunkt setzen, der unseren Nutzern sorgenfreie Mobiltelefonie ermöglicht und das Wechseln zu OTT-Services unnötig macht.

mobilbranche.de: Zum Thema mobile Internetnutzung: Welche Trends sehen Sie als Netzbetreiber?

Holger Feistel: blau Mobilfunk ist ja ein MVNO und daher an der technischen Seite nicht beteiligt. Datenkommunikation ist natürlich ein immer stärker werdendes Bedürfnis aufgrund der vielfältigen Angebote, die uns Smartphones heutzutage bieten. Davon profitieren wir alle. Gerade für Geschäftsleute sind E-Mail-Services beispielsweise unabdinglich. Allerdings ist die Sprachtelefonie, wie bereits erwähnt, der mit Abstand wichtigste Dienst im Bereich der mobilen Kommunikation. Daran wird sich auch so schnell nichts ändern. Zwar besitzen heute bereits viele Menschen ein Smartphone, doch die Nutzung des mobilen Internets ist noch recht beschaulich, wenn man es mit dem klassischen Anruf vergleicht. Aus diesem Grund fokussieren wir uns auf Angebote, die dieser Situation genüge tragen und von all unseren Kunden gleichermaßen wahrgenommen werden können. Natürlich hat auch blau Mobilfunk passende Angebote für Smartphone-Nutzer. Allerdings denke ich, dass es noch eine Weile dauern wird, bis die Datenkommunikation bei uns einen so elementaren Stellenwert einnimmt, wie es das mobile Telefonat heutzutage hat.

mobilbranche.de: Mit welchen Themen wollen Sie in Zukunft von sich reden machen?

Holger Feistel: Wir werden weiterhin alles daran setzen, kundenorientierte Tarife und Angebote zu schaffen, die den Menschen Verlässlichkeit und Sorgenfreiheit bieten. Dazu zählt auch ein hervorragender Kundenservice, der aus meiner Sicht bei vielen Anbietern immer mehr außen vor bleibt. Konkrete Vorhersagen, in welche Richtung es in den kommenden Jahren gehen wird, sind schwer zu treffen. Der Mobilfunkmarkt ist sehr volatil. Wir werden uns aber weiterhin am Kundenwunsch orientieren. Konkret heißt das: Wir werden weiter den Freiheitsgedanken verfolgen und vornehmlich auf Tarife und Angebote setzen, die unseren Kunden eine zur größtmöglichen individuellen Freiheit und Flexibilität verhelfen. Prepaid-Angebote, die sich meinen ständig verändernden Bedürfnisse anpassen lassen und mich nicht in ein Korsett zwängen, das mir nur ungefähr passt.

mobilbranche.de: Vielen Dank für das Interview.

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