Mobile Selling: Wie der Flohmarkt auf das Smartphone kommt.

von Karsten Werner am 05.März 2013 in Trends

Mobile Commerce: Unter dieser Wortschöpfung wurde lange nur der Einkauf per Smartphone und Tablet verstanden. Das mobile Verkaufen (Mobile Selling) ist jedoch ebenfalls im Kommen. Hier trumpfen kleine Anbieter wie Stuffle und Shpock gegenüber den großen Portalen auf und schaffen eine Erlebniswelt, die den Online-Handel greifbarer macht. Durch Reduktion auf das Wesentliche und einen lokalen Bezug.

Wer kennt das nicht? Dachboden, Keller und Garage sind voll mit Dingen, die zum Wegwerfen zu schade sind, für die man sich aber nicht die Mühe machen will, sie bei eBay oder dem Amazon Marketplace einzustellen. Das funktioniert zwar auch mobil, über Apps von eBay selbst oder über die von Online-Ankaufservices wie rebuy, ist aber immer noch mit Aufwand verbunden.

Umstände für das Verpacken und Versenden sowie Gebühren oder feste Ankaufspreise schrecken jedoch auch ab. Am besten wäre es doch, wenn die Sachen jemand aus der näheren Umgebung abholen würde. Weniger Aufwand und ein besseres Verkaufserlebnis: Wenn jemand aus der Nachbarschaft ein Schnäppchen auf die eigenen Kosten macht, ist das angenehmer, als wenn man einen vergleichbaren Abschlag in Form von Gebühren hinnehmen muss. Aber wo soll man seine Waren anbieten? Für den klassischen Flohmarkt hat man keine Zeit und das Kleinanzeigen-Portal von eBay genießt keinen guten Ruf.

eBays Kleinanzeigenformat ist wenig ansprechend

Um seinen kostenpflichtigen Marktplatz nicht zu kannibalisieren, behandelt eBay seinen Kleinanzeigenmarkt eher stiefmütterlich und nutzt ihn als reine Werbefläche. Die Benutzeroberfläche ist wenig einladend und die Nutzer werden auf diesem Handelsplatz sich selbst überlassen. Eine Tatsache, die sich auch immer wieder Betrüger zunutze machen. Und wo man jede Offerte zunächst auf seine Seriosität hin überprüfen muss, da hält man sich nicht gern auf. Weder als Verkäufer noch als Käufer. Hier lockt nicht die Sicherheit durch Nachbarschaft, sondern schreckt eher die Angst vor Nepp vor einer Nutzung ab.

eBay hinterlässt im Markt der mobilen Kleinanzeigen eine Wohlfühllücke, die mittlerweile neue Anbieter im Mobile Selling auf den Plan ruft. Das Konzept ist simpel: Die „Generation Facebook“ möchte sich weder am Sonntagmorgen mit einem Tapeziertisch auf den Flohmarkt eines Supermarkt-Parkplatzes stellen, noch sich durch dröge oder vermeintlich unseriöse Kleinanzeigen-Portale im Listenformat quälen. Kisten packen und versenden will sie auch nicht.

Mobile Selling in der Nachbarschaft: Bilderwelten erleichtern den Einstieg und lassen Flohmarkt-Feeling aufkommen

Also sollte das Flohmarktgefühl irgendwie eingefangen und in einen Teil der eigenen Lebenswelt portiert werden können. Auf das Smartphone. Mit diesem checkt man via Location-based Services bereits gern die Nahumgebung aus. Warum diesen Ansatz nicht auch für mobile Kleinanzeigen nutzen? Neben Events und Gastro-Tipps ließe sich auch immer mal wieder ein Blick auf die „Restekiste“ in der Umgebung werfen. Vielleicht braucht man gerade etwas oder will selbst schnell etwas loswerden? Im deutschsprachigen Raum machten mit diesem Modell der mobile Flohmarkt Stuffle aus Hamburg sowie dessen österreichisches Pendant Shpock in der Vergangenheit auf sich aufmerksam. Beide sind jeweils kaum ein Jahr alt, aber bereits regelmäßig unter den Top 100 der deutschen iOS-App-Charts zu finden. Auch in Google Play sind beide Dienste bereits mit Apps für Android-Geräte präsent.

Als ein Mix aus Pinterest und klassischer Kleinanzeige lassen sich über die Applikationen dieser Anbieter Privatverkäufe in der näheren Umgebung durchführen: Foto schießen, Preis oder Verhandlungsspanne zum Feilschen festlegen, einstellen, fertig. Die Nutzung der Services ist zurzeit noch kostenlos. Anwender bekommen kein Listenformat, sondern digitale Bilderwände mit den jeweiligen Angeboten aus ihrer Umgebung präsentiert. Das Ganze wird kunterbunt aufbereitet, so dass jede Form eines vermeintlich spießigen Datenbank-Charakters in der Angebotspräsentation vermieden wird. Flohmarkt-Feeling.

Viel Charme, aber noch keine kritische Masse und kein Erlösmodell

Noch ist der „Handel aus der Hosentasche“ über diese Dienste jedoch ein zartes Pflänzchen und ein Erfolg keinesfalls garantiert. Die Idee ist nicht neu und die US-Vorlage eggdrop musste im Oktober 2012 bereits nach nur 17 Monaten wieder ihre Pforten schließen. Trotz 500.000 App-Downloads und einem Handelsvolumen von 8 Mio Dollar in diesem Zeitraum fand man keinen Investor für eine Anschlussfinanzierung. Ein tragfähiges Erlösmodell war nicht in Sicht, so dass ein Kapitaleinsatz an anderer Stelle aussichtsreicher erschien. Auch die hiesigen Anbieter dieser Hosentaschen-Flohmärkte kranken noch an dem Mangel eines Erlösmodells. Transaktionsgebühren? Das würde sich schwierig gestalten: Wenn es um Geld geht, könnte die Einfachheit und der knuddelige Charme schnell wieder in den Hintergrund geraten und sich Verkäufer wieder den trockenen, aber kostenlosen Lösungen der Konkurrenz zuwenden. Hier sind die Chancen für künftige Einnahmequellen wohl eher im Bereich der lokalen Werbung zusuchen. Dafür fehlt es jedoch noch an Reichweite, also Nutzermasse.

Nahumgebung als Chance, Einfachheit als Risiko

Eine Zukunftswette, die jedoch aufgehen kann: Smartphones sind in unseren Breiten längst ein Massengut und Location-based Services machen aus diesen Mobilgeräten ein Schweizer Messer für die Nahumgebung. Je mehr sich LBS durchsetzt, desto attraktiver wird es auch für die Nutzer, ihren Umkreis wieder gezielter zu erkunden, wodurch auch automatisch auch wieder die Nahversorgung präsenter wird. Und erreicht diese Entwicklung den Werbemarkt, könnten auch die Anbieter mobiler Flohmärkte davon profitieren.

Das einfache Konzept und der simple Aufbau der Anwendungen sind ideale Voraussetzungen für eine weitere Traktion, bergen aber auch Risiken. Eine technische Innovation ist hinter diesem Modell nicht zu erkennen und bei dementsprechend geringen Markteintrittsbarrieren werden weitere Nachahmer auf diesen Markt drängen. Nachdem die Technik nun steht und sowohl Stuffle als auch Shpock jetzt in Apples AppStore und in Google Play vertreten sind, geht es darum, die Masse zu erreichen. In das Marketing zu investieren. In den App Stores hervorgehoben zu werden und eine wohlwollende Startup-Presse reichen nicht  aus, um den Massenmarkt zu erobern und seine Position als First Mover in diesem neuen Segment des Kleinanzeigenmarktes auch zielgerichtet ausbauen zu können.

Mobile Flohmärkte machen Transaktionen erlebbarer. Und den Kopf schneller frei

Ein Dilemma im modernen E-Commerce ist seit jeher der Dissens zwischen dem Wunsch nach Bequemlichkeit durch die Möglichkeiten die das Internet bietet und dem Bedürfnis, Einkaufserlebnis und Ware mit „allen Sinnen“ wahrnehmen zu können. Dabei sollen sich Transaktionen über digitale Kanäle bestenfalls auch noch „nah und echt“ anfühlen.

Lässt man die aktuellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen außen vor und beurteilt die genannten Dienste allein auf der Basis dieser Prämissen und ihres entsprechenden Mehrwerts gegenüber anderen Formaten im Onlinehandel, dann fällt das Urteil positiv aus: Stuffle und Shpock präsentieren sich als echte Hingucker, sind selbsterklärend, portieren das Flohmarktfeeling sympathisch auf den Smartphone-Bildschirm, erzeugen durch ihren lokalen Ansatz ein Gefühl von Nähe. Das Einstellen geht zudem deutlich schneller von der Hand als über die mobilen eBay-Apps oder die der Online-Ankaufsservices: Keine Kategoriesuche, keine Wahl des Versenders, keine Angaben zur Rücknahme.

Wer also beim nächsten Frühjahrsputz über überflüssige Dinge stolpert, sollte sein Smartphone griffbereit halten: Die Möglichkeit, Dinge derart schnell zum Verkauf anbieten zu können, lässt einen nicht lange ins Grübeln geraten, sondern motiviert, sich der Dinge in dem Moment zu entledigen, in dem man sie in die Hand nimmt. Sehen, entscheiden, zum Smartphone greifen, knipsen, senden. Allein das Einstellen macht zwar noch nicht das Regal, aber den Kopf frei, was sich positiv auf die Motivation auswirkt, sich konzentriert weiter durch seine Regalwände und Kisten zu arbeiten. Insofern lässt sich hier ein weiterer positiver Trigger ausmachen.

Ob sich daraus insgesamt für die beiden Dienste ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickeln lässt, bleibt zunächst unklar, die Idee selbst hat jedoch derart viel Potenzial, dass sie in irgendeiner Form erhalten bleiben wird.

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Foto oben verwendet unter Lizenz CC BY 2.0 von Flickr-Nutzer ph_en


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