Mehr Marketing. Verkauft sich die deutsche Gründerszene unter Wert?

von Fritz Ramisch am 10.März 2013 in Trends

Quelle: wsj.de

„Reinvestieren, mehr richtig als falsch machen und mehr Marketing betreiben.“ Zwar kein Patentrezept, aber der 3-Punkte-Plan des  Xing-Gründers und Chefs der Beteiligungsfirma Hackfwd Lars Hinrichs legt Probleme der deutschen Gründerszene offen. Im Rahmen des WSJ TechCafés, einer Veranstaltung des „Wall Street Journals“ zum Thema „Trends & Zukunft Digital Business: Gründergeist Berlin – Vorbild für Europa und die Welt“, diskutierten am 6. März im KaffeeMitte in Berlin die Berliner Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer, Xing-Gründer Lars Hinrichs, ResearchGate-Gründer Ijad Madisch und Stephan Jacquemot, Leiter der Microsoft Gründer-Initiative BizSpark, darüber, wie es um die deutsche Gründerszene bestellt ist.

Deutschland muss sich als Gründerland keineswegs verstecken. Berlin als Gründerhauptstadt boomt, während Karlsruhe als Technologiestandort Top-Programmierer hervorbringt, deren „Routinen sogar bei Facebook eingesetzt werden“. Und trotzdem ist Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, wie Großbritannien oder Skandinavien noch Entwicklungsland. Vor allem London als Gründerstandort hat in den letzten Jahren durch staatliche Unterstützung eine führende Rolle in Europa einnehmen können. Die Tech City, ein Technologiezentrum im Osten Londons, zog bis heute mehr als 300 IT-Unternehmen nach London. Neben finanziellen Unterstützungen hat die britische Regierung durch besondere Visa für Investoren und einer deutlich niedrigeren Körperschaftssteuer die so häufig in Deutschland fehlende „Willkommenskultur“ geschaffen. Zwar hätte Großbritannien 2012 doppelt so viel Risikokapital einsammeln können wie Deutschland, doch Ben Rooney, WSJ-Tech-Redakteur Europa, sieht staatliche Förderungen gespalten. Immer wieder wird der Politik vorgeworfen zu wenig für die Gründerszene zu tun. Für Lars Hinrichs, Chef der Beteiligungsfirma Hackfwd, ist klar, dass staatliche Förderprogramme nicht die Lösung der Probleme sind. Vielmehr müssten Gründer „zum Geld gehen und nicht darauf warten, bis es zu ihnen kommt“ und meint dabei vor allem bei der Investorensuche über den Tellerrand zu schauen und sich auch außerhalb Deutschlands und Europas z. B. im „Silicon Valley“ nach Investoren umzuschauen.

Allerdings kann es auch in die umgekehrte Richtung gehen. Zum Beispiel von Boston nach Berlin. So zumindest hat es der Gründer des Wissenschaftsnetzwerks ResearchGate Ijad Madisch gemacht und dabei zwar davon profitiert, dass „die Konkurrenz für weltverändernde Ideen hier nicht so groß“ ist und es einfacher ist „an gute Leute zu kommen“ aber auch die Erfahrung machen müssen, dass Unternehmertum hier in Deutschland einen ganz anderen Stellenwert, als in den USA hat. Um sowohl die Gründung von Researchgate, als auch die wissenschaftliche Tätigkeit an einer deutschen Uni besser unter einen Hut zu bekommen, wollte der studierte Arzt Madisch statt Vollzeit lieber Teilzeit arbeiten. Das Ende der Geschichte war Madischs Rückkehr nach Boston, wo er letztendlich trotz Teilzeitstelle fast ausschließlich an seinem Gründungsprojekt arbeiten konnte. Auch die Finanzierung hatte Madisch in den USA bekommen und resümiert rückblickend: „Ein Glück war kein deutscher Venture Capitalist dabei“, die wollten „nach drei Folien schon wissen, wie ich mit der Idee Geld mache“. Dabei fehle es den Deutschen an „Fantasie“. Auch Hinrichs ist sicher, die „Deutschen müssten lernen größer zu denken“.

Stephan Jacquemot, Leiter der Microsoft Gründerinitiative BizSpark, sieht vor allem die Zweitfinanzierung mangels ausreichend VCs in Deutschland als Problem und Grund dafür, dass viele Startups (noch) nicht zu Big Playern geworden sind. Es sei „schade für eine führende Wirtschaftsnation“, dass es zwar „eine sehr ausgeprägte Frühphasenfinanzierung, zum Beispiel durch Business Angels“ gebe, „aber  die nächste Ticketgröße“, sprich eine Anschlussfinanzierung, in der Regel im Ausland zu suchen sei.

Berlins Wirtschaftssenatorin Caroline Yzer sieht die Politik zwar in der Pflicht Bürokratien abzubauen und den Gründungsstandort Deutschland, insbesondere Berlin weiter zu stärken, doch warnt: „Begeben Sie sich nicht in die Hände von Politikern, lassen sie sich allenfalls flankieren“. Auch hält sie das einst von Berlins Oberbürgermeister Klaus Wowereit ausgerufene Motto „Berlin – arm aber sexy“ für antiquiert und fügt hinzu: „niemand möchte in Loser investieren“. In einem sind sich alle einiAuch Berlin müsse wieder mehr als Referenzstadt für erfolgreiche Gründungen

In einem waren sich alle 4 Talkgäste einig: In Deutschland müssten IT-Unternehmen und Gründer sich mehr in Szene setzen, mehr über sich selbst sprechen und sich nicht unter Wert verkaufen. Das gilt auch für den Standort Berlin. So erklärt Yzer: „Made in Berlin“ ist ein Gütesiegel und Berlin müsse wieder als „Referenzstadt“ für innovative digitale Startups gesehen werden. Mehr Marketing eben.

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