Interview: Matthias Häsel über Mobile Commerce bei OTTO.

von Florian Treiß am 13.Juni 2012 in Interviews

„Die mobile Nachfrage betrug für die OTTO Einzelgesellschaft bereits im vergangenen Weihnachtsgeschäft rund 5 Mio Euro. Außerdem verzeichnen wir ein sehr dynamisches Wachstum in diesem Bereich. Allein im vergangenen halben Jahr hat es sich mehr als verdoppelt. M-Commerce hat deshalb für uns definitiv schon eine relevante Größe erreicht“, sagt Dr. Matthias Häsel, Leiter des E-Commerce Innovation Centers bei OTTO. Im Vorfeld des Mobile Gipfel 2012 am 26. und 27. Juni in Düsseldorf, wo Matthias Häsel über die Mobile-Strategie von OTTO referieren wird, haben wir mit ihm über den Online-Handel in einer Multi-Device-Welt gesprochen. Matthias Häsel betont dabei, dass Shopping-Lösungen nicht nur für das jeweilige Endgerät optimiert werden müssen, sondern auch auf den individuellen Nutzungskontext des jeweiligen Kunden.

mobilbranche.de: Welche Unterschiede erkennen Sie zwischen der Nutzung von Smartphones, Tablets und PCs beim E-Commerce?

Matthias Häsel: Die wesentlichen Unterschiede liegen in den Nutzungskontexten der verschiedenen Endgeräte. Smartphones zum Beispiel betrachten wir als „echte“ mobile Geräte, da unsere Kunden sie unterwegs immer dabei haben. Dadurch werden sie zu sehr persönlichen Endgeräten, die stark an eine Person gebunden sind. Tablets hingegen werden vor allem zu Hause genutzt und dort oftmals auch von mehreren Personen. Der Nutzungskontext ist deshalb eher mit dem eines Laptops vergleichbar, wobei sich durch die Möglichkeit der „Lean Back“-Nutzung, die „Instant-on“-Eigenschaft und den Touchscreen aber auch zahlreiche neue Möglichkeiten ergeben. „Echter“ M-Commerce findet für uns heute jedoch im Wesentlichen auf dem Smartphone statt. Für unsere Kunden erhält jedes Endgerät durch seinen ganz spezifischen Nutzungskontext und die daraus resultierenden Vor- und Nachteile auch eine Relevanz im Hinblick auf den E-Commerce.

mobilbranche.de: Wie wichtig ist es für Shopbetreiber, den Nutzungskontext ihrer potentiellen Kunden zu kennen?

Matthias Häsel: Das ist für uns sehr wichtig, da die Nutzung des Internets zunehmend in verschiedensten Situationen stattfindet. So wird E-Commerce immer mehr zum Everywhere Commerce: Durch die steigende Marktdurchdringung insbesondere von Smartphones nutzen Verbraucher das Internet verstärkt an dem Ort, an dem sie es nutzen wollen. Als Shopbetreiber müssen wir diesen Ort nicht nur kennen, sondern die konkreten Bedürfnisse unserer Kunden an diesem Ort verstehen. Auf dem Sofa habe ich als Kunde andere Bedürfnisse an einen Shop als beim Samstagsnachmittags-Shopping in der Stadt, in der U-Bahn habe ich andere Bedürfnisse als am Schreibtisch. Wir wollen unsere Shopping-Lösungen daher nicht nur für das jeweilige Endgerät optimieren, sondern unseren Kunden gleichzeitig auch zu ihrem individuellen Nutzungskontext passende Funktionalitäten und Angebote bieten.

mobilbranche.de: Holen Sie die Kunden lieber mit Apps ab oder auf mobilen Websites?

Matthias Häsel: Für OTTO ist das keine Entweder-Oder-Frage. Es ist in jedem Fall sinnvoll, dem Kunden auf seinem Smartphone sowohl einen webbasierten Shop als auch eine App anzubieten. Im mobilen Shop m.otto.de holen wir Nutzer ab, die ohne Umwege in unser mobiles Angebot einsteigen wollen oder über Suchmaschinen zu uns kommen. Entscheidet sich der Nutzer für unsere App, sind wir auf dem Homescreen schneller für ihn verfügbar und können zudem kontextspezifische Features wie Push-Benachrichtigungen zur Sendungsauskunft oder 2D-Code-Reader anbieten. Außerdem kann der Nutzer in der App zum Beispiel Merkzettel und Warenkorb auf eine einfachere Art und Weise speichern.

Technisch setzen wir übrigens auf hybride Apps, die die gleichzeitige Bedienung mehrerer Betriebssysteme durch die Wiederverwendung von Web-Elementen aus unserem mobilen Shop ermöglichen. Dies hat den Vorteil, dass wiederkehrende Elemente wie Suchergebnislisten oder Detailseiten nur einmal entwickelt werden müssen. Gleichzeitig muss der Kunde nicht bei jeder Neuerung ein Update seiner App durchführen. Zusätzliche native Elemente ermöglichen plattformspezifische Features sowie ein Look & Feel, das unsere Kunden von ihrem Android, iOS oder Windows 7-Smartphone gewohnt sind. Hier haben wir uns bewusst gegen einen „One size fits all“-Ansatz entschieden, sondern wollen, dass der Kunde sich von Anfang an durch eine bekannte User Experience heimisch fühlt.

mobilbranche.de: Generiert das Mobile Web für OTTO im Jahr 2012 schon nennenswerte Umsätze?

Matthias Häsel: Die mobile Nachfrage über m.otto.de und die OTTO-Smartphone-Apps betrug für die OTTO Einzelgesellschaft bereits im vergangenen Weihnachtsgeschäft rund fünf Millionen Euro. Außerdem verzeichnen wir ein sehr dynamisches Wachstum in diesem Bereich. Allein im vergangenen halben Jahr hat es sich mehr als verdoppelt. M-Commerce hat deshalb für uns definitiv schon eine relevante Größe erreicht.

mobilbranche.de: Welche Unterschiede gibt es dabei zwischen den verschiedenen Marken der Otto Group?

Matthias Häsel: Abhängig von Sortiment und Zielgruppe verlaufen die Entwicklungen im M-Commerce in den einzelnen Konzernfirmen natürlich unterschiedlich. Die zunehmende Bedeutung des Mobile Commerce lässt sich aber auch bei anderen Handelsunternehmen des Konzerns erkennen, wenn auch in unterschiedlicher Intensität.

mobilbranche.de: Welche Bedeutung haben Smartphones heute und in Zukunft am Point-of-Sale?

Matthias Häsel: Wie schon gesagt ermöglicht das Smartphone die Nutzung zusätzlicher Features wie beispielsweise Push-Benachrichtigungen oder 2D-Code-Reader, welche insbesondere auch am PoS Relevanz erhalten können. Diese ergänzen vor allem unterwegs sinnvoll das Nutzererlebnis. Im M-Commerce handelt der Kunde meist aus einem Impuls heraus, aus dem ein konkretes Informations- oder Kaufbedürfnis resultiert. Dieser Impuls kann einerseits vom Kunden selbst ausgehen, andererseits aber zum Beispiel auch am PoS extern erzeugt werden. Beispielszenarien sind etwa ein Preisvergleich am PoS oder das Bestellen von am PoS nicht vorhandenen Größen über das Smartphone. Im Nutzungskontext des PoS können Smartphones damit sowohl der Kaufanbahnung, als auch der Kaufdurchführung dienen. Für Stationärhändler gilt es, das Zusammenspiel des PoS mit dem eigenen mobilen Angebot zu optimieren. Für uns als Distanzhändler ergeben sich durch die mobile Präsenz am PoS des Wettbewerbers neue Chancen.

mobilbranche.de: Welche mobilen Innovationen haben Sie in den vergangenen 12 Monaten am meisten beeindruckt?

Matthias Häsel: Mich beeindruckt vor allem die unglaubliche Geschwindigkeit, mit der sich das mobile Web in den letzten zwölf Monaten entwickelt hat. Das iPhone als Wegbereiter des mobilen Web hat die Masse der Bevölkerung erreicht. Gleiches gilt für Android und die zahlreichen neuen Android-Smartphones, die den Markt erobern. Diese Phase, in der aus einer Innovation ein sich rasant am Markt etablierendes Produkt wird, halte ich für besonders spannend – nicht zuletzt, da sie für uns als Handelsunternehmen die Basis für zahlreiche weitere Innovationen bilden wird. Denken Sie beispielsweise an die erwähnten 2D-Code-Reader und Location-Based-Services, die es uns erstmalig erlauben, auch unterwegs im öffentlichen Raum als Versandhändler präsent zu sein. Gleiches gilt für die mobile Nutzung von Sozialen Netzwerken wie Facebook, die aktuell durch die Decke zu gehen scheint.

mobilbranche.de: Vielen Dank für das Interview!

Wollen Sie über die Entwicklungen im Mobile Business auf dem Laufenden bleiben? Dann abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter von mobilbranche.de oben rechts im gelben Kästchen oder per E-Mail an abo@mobilbranche.de.


Sichern Sie sich jetzt Ihren Wissensvorsprung in Mobile Marketing und Mobile Business und abonnieren Sie die Meldungen von mobilbranche.de ganz bequem per E-Mail. Unser Newsletter erscheint täglich um 13 Uhr und ist kostenlos.


Facebook Kommentare:

Kommentare