Interview: Thomas Walter von der Uni St. Gallen über die Studie „Mobile Business Solutions 2012“.

von Florian Treiß am 25.April 2012 in Enterprise Mobility, Interviews

T-Systems Multimedia Solutions und die Universität St. Gallen werden in Kürze ihre gemeinsame Studie „Mobile Business Solutions 2012“ veröffentlichen, die auch im Mittelpunkt des Mobile Business Forum in St. Gallen am 8. Mai 2012 stehen wird. mobilbranche.de hat vorab mit dem Projektleiter der Studie gesprochen: Thomas Walter vom Competence Center Mobile Business (CCMB) der Universität St. Gallen gibt einen ersten Ausblick auf die Ergebnisse, die u.a. besagen, dass Mobile Business Solutions bislang nur in den wenigsten Unternehmen strategisch verankert sind. „Die Rolle des Chief MBS Officers oder Chief Mobility Officer haben wir jedenfalls noch nicht kennengelernt“, sagt Thomas Walter. Bislang dominieren in den Unternehmen noch Insellösungen, die oft keinen klaren Business Case haben.

mobilbranche.de: Ist das Thema „Mobile Business Solutions“ (MBS) schon fest in den Köpfen der Entscheider in deutschen Unternehmen verankert?

Thomas Walter: Das Thema als Trend an sich ist definitiv verankert. Jeder hat verstanden, dass man um Mobile nur schwer herumkommt. In den zahlreichen Gesprächen, die wir im Rahmen der Studie geführt haben, haben wir jedoch auch festgestellt, dass das Thema trotz alle dem nicht strategisch verankert wird, also selten standardisierte Prozesse für Mobile-Projekte oder gar eigens für Mobile Business verantwortliche Organisationseinheiten geschaffenen werden.

mobilbranche.de: Wo liegen derzeit die größten Hürden bei den Mobile Business Solutions?

Thomas Walter: Wie eben bereits erwähnt nicht zwingend im technischen Bereich. Gerade in den von uns fokussierten großen Unternehmen, also notierten Konzernen im DAX, SMI und ATX, treten im Bereich Mobile leider altbekannte Probleme erneut auf. Unternehmen, die schnell zur ersten MBS gesprintet sind, sind nicht zwingend damit unzufrieden. Im Gegenteil: Viele dieser Lösungen sind durchdacht und zeigen gute Usability. Allerdings fällt im gleichen Zug auf, dass duch Folgeprojekte, in denen man es natürlich noch besser machen will, oder durch Projekte einer anderen Business Unit im Endeffekt Insellösungen entstehen. Über die Folgekosten ist heute noch wenig bekannt, da oft nur in Projekten gerechnet wird.

mobilbranche.de: In wieweit verfolgen Unternehmen bei den Mobile Business Solutions schon ganzheitliche Ansätze bzw. haben eine mobile Gesamtstrategie? Oder werden zunächst nur Lösungen von Fall zu Fall entwickelt?

Thomas Walter: Sicherlich ist heute letzteres eher der Fall. Das ist auch einer unserer grössten Diskussionspunkte. Die Rolle des Chief MBS Officers, oder Chief Mobility Officer, wie die „Financial Times“ kürzlich getitelt hat, haben wir jedenfalls noch nicht kennengelernt. Das Thema gehört natürlich immer zum erweiterten Tätigkeitsfeld des CIO, allerdings sind darüber hinaus verschiedenartigste Abteilungen involviert, oft Marketing oder Corporate Communications, oft das Produktmanagement, natürlich auch das Controlling und die IT. Eine Barriere, die wir festgestellt haben, ist dass der Bedarf oft gar nicht bottom-up angemeldet wird. Der Außendienst schreit also nicht zwingend nach einer iPad-Lösung, bekommt aber oft trotzdem eine. Das ist natürlich eine Luxussituation. Wenn das unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten mit den Mobile-Projekten von vor 10 Jahren verglichen wird, also z.B. mit den zahlreichen Field-Service-Lösungen, die auf Basis von Windows Mobile CE entwickelt wurden, sehen die neuen Lösungen zwar viel schicker aus, aber im Business Case liegen die bekannten Lösungen noch vorn.

mobilbranche.de: Welche mobilen Funktionen und Lösungen wünschen sich die Mitarbeiter von ihren Unternehmen am häufigsten?

Thomas Walter: Über E-Mail und Kalender braucht man heute sicherlich nicht mehr zu diskutieren. Ein sich abzeichnender Trend ist derzeit, Mitarbeiter mit Kundenkontakt spezifisch zu unterstützen. Das können Sales-Mitarbeiter sein, aber auch Berater oder Installationstechniker. Der Funktionsumfang der MBS ist oft vergleichbar. Es geht zunächst schlicht darum, mehr Informationen vor Ort direkt verfügbar zu haben und gar nicht so oft darum, den Prozess über das mobile Endgerät direkt abzuwickeln. Ein einfaches Beispiel: Der Sales-Mitarbeiter schaut Kundendaten im CRM nach, kann dem Kunden im Gespräch Produktbroschüren zeigen, etc., der Vertragsabschluss findet aber häufig nachgelagert über die bekannten Kanäle statt. Ein zweiter Trend, der in eine ähnliche Richtung läuft, sind Dashboard-Lösungen für die Führungsetage, also Zugriff auf Quartalsberichte oder ähnliches, allerdings über schönere UIs als auf Laptop oder Desk.

mobilbranche.de: Gibt es einen Unterschied je nach Position im Unternehmen, z.B. zwischen Außendienstlern und der Geschäftsführung, was diese mobil überhaupt erledigen wollen?

Thomas Walter: Das werden die Betroffenen selbst selten direkt so zugeben, aber im Rahmen der Online-Umfrage haben wir festgestellt, dass alleine der Aspekt des Vorhandenseins, also die Frage: „Gehört zu meiner Jobbeschreibung die Ausstattung mit einem Tablet?“ für viele wichtiger ist als eine unternehmenseigenen MBS, welche die eigene Produktivität erhöhen könnte. Wenn Führungspersonen heute ein iPad wünschen, wird Ihnen dieser Wunsch in der Regel erfüllt. Der Fokus liegt wie gesagt meist auf Informationsprozessen, also der Bereitstellung oder dem Zugriff. Bei Aussendienstlern ist das ähnlich: Das Gerät und der sichere Zugriff auf Unternehmensdaten ist heute vielen bereits genug. Technisch könnte es jedoch bereits weiter gehen. Wir haben das in der Studie in sogenannte Unterstützungsprozesse und Ausführprozesse unterteilt. Die Situation ist etwas Paradox: Prozessausführung wird in den älteren Lösungen oft geboten, aber von den Mitarbeitern für neue MBS nicht gefordert.

mobilbranche.de: Wie steht es um die Sicherheitsaspekte mobiler Lösungen, gerade auch in Zeiten von „Bring your own device“?

Thomas Walter: Zum einen ist das eine Frage, die ohne enge Abgrenzung des Begriffs der MBS nicht pauschal beantwortet werden kann. Alle Unternehmen, mit denen wir gesprochen haben, haben sich in diesem Bereich bereits eine gute Expertise aufgebaut. Oft werden heute drei Basiskonzepte in der Kombination ausgewählt. Der Login, die Verwaltung der Geräte-UDDIs mittels Mobile Device Management (MDM) sowie die Ausführung der MBS im Sandbox-Verfahren innerhalb eines Secure Container (SC). Zum zweiten Teil der Frage, inwiefern hier BYOD eine Rolle spielt, haben wir ebenfalls festgestellt, dass sich hiermit bereits sehr viele Unternehmen auseinandersetzen. Sicherheitstechnisch steht man hier vor exakt der selben Problematik, daher werden oft die selben Sicherheitskonzepte verwendet. Die Problematik begründet sich aber auch bei BYOD eher im Strategischen. Es fehlen einheitliche Guidelines für BYOD. Gerade das Konzept eigener Enterprise App Stores und App-Portfolios, welche an spezifische Mitarbeiterprofile gekoppelt sind, birgt hier noch Potential. Bei BYOD wird oft schlicht die UDDI eines Endgerätes, das einem Mitarbeiter gehört, in die MDM-Software eingetragen oder die Unternehmens-E-Mail in einem SC auf das Gerät gelegt. Das ist wie gesagt schon relativ sicher und für die Mitarbeiter komfortabel, das Konzept des BYOD hat aber insgesamt noch mehr Potential.

mobilbranche.de: Welche Faktoren sind entscheidend dafür, Mobile Business Solutions künftig schnell an Bedeutung gewinnen?

Thomas Walter: Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Technisch geben die Hardware-Hersteller die Möglichkeiten vor. Für Unternehmen lohnt es sich daher, die Entwicklungen im Endkundenbereich zu beobachten, gerade um die Standards, auf die man setzt, zu kennen. Die Faktoren sind darüber hinaus altbekannte: Der Hauptpunkt ist der Projektsponsor. Hier bleibt es spannend zu beobachten, wer diese Rolle zukünftig übernimmt, wenn MBS-Projekte nicht mehr so häufig aus dem Innovationsbudget bespeist werden. Auf Prozessebene sind bekannte Best Practices aus der gleichen Branche sicher ein Faktor. Hier liegt es auch an Fachmedien und Wissenschaft, diese kritisch zu beleuchten. Auf technischer Ebene ist ein grosser Faktor die Kompetenzen und Voraussetzungen der eigenen IT in MBS-Entwicklung zu stärken. Das ist heute nicht für alle mobilen Betriebssysteme gegeben. Unter der ökonomischen Sicht, die wir hier an der Universität vertreten, ist diese Frage bereits beantwortet. Ein Thema mit den vorhanden Wachstumsraten und gleichzeitiger Marktmacht im Endkundenbereich braucht eigentlich keine weiteren Massnahmen um Befürworter zu gewinnen. Der Bandwagon ist also quasi bereits im rollen.

mobilbranche.de: Vielen Dank für das Interview!

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