Interview: Achim Himmelreich über Mobile Payment.

von Florian Treiß am 26.April 2012 in Interviews

Das Smartphone ist auf dem Weg zur digitalen Geldbörse, auch wenn das tatsächliche Bezahlen mit dem Handy im Laden bislang noch eine “zu vernachlässigende Ausnahme” ist, wie Achim Himmelreich im Interview mit mobilbranche.de sagt. Im Vorfeld von PAYMENT 2012, einem Kongress für Zahlungssysteme und Zahlungsprozesse am 7. und 8. Mai in Frankfurt, haben wir mit Himmelreich über die aktuellen Entwicklungen beim mobilen und kontaktlosen Bezahlen gesprochen. “Die Etablierung von NFC ist ein schwieriger Prozess, so dass genug Spielraum für Übergangslösungen wie etwa QR-Code-basierte Zahlung bleibt”, sagt Himmelreich, der Partner der Managementberatung Mücke, Sturm & Company ist.

mobilbranche.de: Wie oft und was haben Sie mit Ihrem Handy bezahlt?

Achim Himmelreich: Mehrmals wöchentlich ist mein Handy im “Bezahl-Einsatz”. Neben dem “normalen” Bestellen in Online-Shops beschränkt sich das “echte” Bezahlen allerdings sehr stark auf den Travel-Bereich, also Bahn, ÖPNV… Leider gibt es in Deutschland (noch!) nicht so viele Einsatzmöglichkeit wie anderswo.

mobilbranche.de: Sind Sie persönlich mit Mobile Payment eher Außenseiter oder Trendsetter? Also: wie viele Deutsche zahlen bereits per Handy?

Achim Himmelreich: Ich bin qua Beruf Trendsetter. Allerdings ist das echte Bezahlen mit dem Handy am Point of Sale in Deutschland noch eine zu vernachlässigende Ausnahme. Das Bestellen und Bezahlen in Online-Shops im Sinne von Mobile Commerce nutzen allerdings schon ein Viertel der Deutschen – Tendenz steigend.

mobilbranche.de: Verleitet der bargeldlose Einkauf zu einem Kaufrausch beim Konsumenten? Er muss schließlich nicht im Portemonnaie nachschauen, wie viel Geld er dabei hat. Und das Handy ist schnell gezückt…

Achim Himmelreich: Nicht in zusätzlichem Maße, denn diese Gefahr besteht ja schon durch die Debit- und vor allen Dingen Kreditkarten. Das Bezahlen per Handy ist da völlig analog. Mit anderen Worten: Die Gefahr besteht natürlich, aber nicht in höherem Maße als ohnehin schon.

mobilbranche.de: Besteht für den Handel die Gefahr, dass Kunden etwas per Handy kaufen, was sie sich vielleicht gar nicht leisten können?

Achim Himmelreich: Nein, denn erstens wird das Haupteinsatzgebiet Micro-Payment sein – und das führt per Definition nicht im Falle einer einzelnen Transaktion zu finanziellen Problemen. Darüber hinaus werden in der Mobile Wallet ja in erster Linie die etablierten Bezahlverfahren verfügbar sein, also Lastschrift, Kreditkarten, Mobilfunkrechnung, Kreditkarte, Paypal… Und da greifen dann natürlich weiterhin die schon etablierten Sicherheitsmechanismen. Aber: Natürlich besteht die Gefahr des “Überkonsums” immer – das ist hier nicht anders. Und es ist letztlich kein Problem der Technik, sondern der finanziellen Bildung.

mobilbranche.de: Was ist Ihrer Meinung nach ideal zu bezahlen mit dem Handy?

Achim Himmelreich: Ideal sind zwei Dinge: Erstens der Ersatz der lästigen Münzen etwa im ÖPNV oder am Cola-Automaten. Und zweitens überall dort, wo man das Bezahlen mit Kundenkarten wie z.B. Payback in einer Transaktion verbinden kann; also an der Kasse im Verbrauchermarkt.

mobilbranche.de: Und wo gibt es Grenzen? Kann man zum Beispiel sagen, dass etwas zu teuer ist, um per Handy bezahlt zu werden (z.B. ein Auto, eine Wohnung o.A.)?

Achim Himmelreich: Das Handy wird sich als Bezahlverfahren für die schnelle, mobile Situation etablieren. Kaufprozesse, die zeit- und rechercheintensiv sind – wie der Kauf von Immobilien – werden nicht vom Mobile Payment erfasst werden, da dies einerseits keinen Mehrwert bringt und zweitens die Höhe der Beträge in der Regel mit komplexen Finanzierungsfragen einher geht, die durch Mobile Payment nicht gewährleistet werden können.

mobilbranche.de: Wo haben die Mobile Wallets, also die digitalen Geldbörsen auf dem Smartphone, jenseits der Zahlungsabwicklung selbst noch ihre Reize?

Achim Himmelreich: Interessant ist natürlich auch der Peer-2-Peer-Versand von Geld, wenn z.B. die Eltern den Kindern in bestimmten Situationen Geld schicken können. Reizvoll ist zudem das Sammeln von Loyalty-Punkten, die auch in Guthaben umgewandelt werden können. Und letztlich darf man nicht vergessen, dass das Smartphone ja auch die Abspielfunktion für jegliche Medien ist – und da kann man sich folgendes Szenario vorstellen: Man hört ein Musikstück auf dem Smartphone eines Bekannten, das einem gefällt. Daher schickt der Bekannte einem das Lied, das 1€ kostet, dieser Betrag wird auf dem Smartphone abgebucht und davon erhält der Bekannte 10 Cent Provision auf seinem Smartphone gutgeschrieben.

mobilbranche.de: Welche technischen Hürden gibt es noch zu überwinden? Wird Mobile Payment wirklich erst boomen, wenn sich Zahlungen per NFC durchgesetzt haben?

Achim Himmelreich: NFC ist natürlich die mittelfristige Lösung. Die Etablierung von NFC ist allerdings ein schwieriger Prozess, da einerseits alle Smartphones NFC-fähig sein und die Terminals am Point-of-Sale entsprechend technisch ausgerüstet werden müssen und andererseits sich ein allgemein anerkannter Standard durchsetzen muss. Dies wird einige Zeit dauern, so dass genug Spielraum für Übergangslösungen wie etwa QR-Code-basierte Zahlung bleibt.

mobilbranche.de: Vielen Dank für das Interview! Ein kleiner Hinweis noch: Achim Himmelreich hat im Januar das Whitepaper M-Payment – Die elektronische Geldbörse setzt sich durch (PDF-Datei) zu eben diesem Thema veröffentlicht.

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