Interview: Alexander Trommen über 2 Jahre Appsfactory und aktuelle Trends im Mobile Business.

von Florian Treiß am 20.Oktober 2011 in Interviews

Appstores werden auch in Zeiten von HTML5 eine große Zukunft haben, weil sie das vorhandene Angebot verbrauchergerecht aufbereiten, meint Alexander Trommen, Geschäftsführender Gesellschafter der Appsfactory aus Leipzig. Die Appsfactory bzw. ihre Mutterfirma Smartrunner GmbH hat gerade ihren 2. Geburtstag gefeiert. Grund für mobilbranche.de, sich mit Trommen über die Entwicklung des Unternehmens und die Trends innerhalb des Mobile Business zu unterhalten. Trommen kennt sich in der Mobilbranche dabei bestens aus: Er baute ab 2000 die Minick-Gruppe auf, die er 2006 an Swisscom verkaufte und noch bis 2008 leitete, und blickt auf insgessamt zehn Jahre in Führungspositionen im Mobile Marketing und Mobile Content zurück.

mobilbranche.de: Die Appsfactory ist vor wenigen Tagen zwei Jahre alt geworden. Wie kam es dazu, dass Sie neben Ihrer eigenen App „Smartrunner“ auch Apps für andere Kunden entwickelt haben – und was waren in den vergangenen zwei Jahren Ihre größten Erfolge?

Alexander Trommen: Wir haben unser Unternehmen am im Oktober 2009 als Smartrunner GmbH gegründet. Meine Mitgründer und Partner Dr. Roman Belter und Rolf Kluge hatten die ersten GPS-Smartphone-Applikationen, damals noch als Studenten, bereits 2004 für Windows PDAs entwickelt. In 2007 und 2008 entstanden zahlreiche Nachahmer, die das Thema Sportstracking unternehmerisch und professionell aufzogen. Somit stellte sich die Frage, Smartrunner entweder groß zu machen oder GPS Sportstracking anderen zu überlassen. Smartrunner ist heute die größte deutsche GPS-Sportstracking-Community mit über 1 Million App-Downloads und über 300.000 aktiven Nutzern und neben Runkeeper, Runtastic, Endomondo und Imapmyrun einer der Top 5 Player weltweit, die das Thema treiben. Allerdings wurde uns relativ schnell klar dass der Ausbau entweder eine Finanzierungsrunde erfordert oder durch Dienstleistungen für Dritte finanziert werden muss.

Da wir mit Smartrunner sehr erfolgreiche Apps in allen wesentlichen Appstores hatten, kamen viele Anfragen, ob wir auch Apps für Dritte entwickeln können. Um die Kompetenz in der Appentwicklung besser herauszustellen, haben wir die Appsfactory als Agentur-Unit innerhalb der Smartrunner GmbH gegründet. Die Appsfactory hat sich deutlich besser entwickelt, als wir uns selbst erhofft hatten. Über 200 Apps wurden bisher in der Appsfactory entwickelt. Inzwischen vertrauen namhafte Kunden wie Samsung und Microsoft auf unsere Kompetenz. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor war hierbei sicherlich der kostengünstige Standort Leipzig, der es ermöglicht, hohe Qualität in der Appkonzeption und -programmierung zu deutlich günstigeren Preisen als die Konkurrenz anzubieten. Ein ganz besonderer Erfolg für einen Entwickler ist immer die iTunes App der Woche. Dass wir es in den letzten 15 Monaten mit der App für Johann Lafer und der Schuhbeck-App zweimal geschafft haben, waren sicherlich unsere persönlichen Highlights.

mobilbranche.de: Offiziell nennen Sie sich ja nun „Appsfactory – a divison of Smartrunner GmbH“. Was ist denn heute das wichtigere Feld – die eigene App oder das Agenturgeschäft? Wie ist die Verteilung des Umsatzes und der Mitarbeiter auf die jeweiligen Bereiche?

Alexander Trommen: Der größere und schneller wachsende Geschäftsbereich ist eindeutig der Agenturbereich. Die Gesellschaft beschäftigt heute 22 Mitarbeiter, davon sind rund 80 Prozent in der Appsfactory tätig. Was die Umsätze angeht, ist die Verteilung sogar noch eindeutiger. Über 90 Prozent der Umsätze kommen aus dem Agenturgeschäft. Allerdings werden wir in den nächsten Monaten auch Smartrunner wieder verstärken, das sicherlich etwas unter dem Erfolg des Agenturgeschäftes in den Hintergrund gedrängt wurde.

mobilbranche.de: Sie haben schon einige Apps in die Top-Downloadcharts des AppStores gebracht. Was sind hier heute die Herausforderungen angesichts von einer halben Mio Apps – wie werden neue Apps überhaupt noch wahrgenommen?

Alexander Trommen: Die Unternehmensberatung Deloitte hat in einer Untersuchung festgestellt, dass 80 Prozent der Apps von Brands im Appstore scheitern, sprich weniger als 1000 Downloads aufweisen. Die Marke alleine ist also kein Erfolgsgarant wie viele Marketeers denken. Als Marke müssen Sie mit ihrer App in die Charts kommen, sonst können Sie sich den Aufwand sparen.

In den letzten 12 Monaten hatten wir 11 Nummer eins Hits in den jeweiligen Kategorien, in denen die Apps veröffentlicht wurden, und zwei Apps der Woche. Das heißt jede vierte unserer iPhone-Apps war eine Nummer eins. Diese außergewöhnlich hohe Erfolgsquote ist unserer Meinung nach auf zwei Erfolgsfaktoren zurückzuführen: Erstens enge Zusammenarbeit mit den Partnern in der Konzeptionsphase. Wir analysieren das Wettbewerbsumfeld sehr genau und sind, aufbauend auf den daraus gewonnenen Erkenntnissen, stets bemüht mit den Auftraggebern innovative Features zu entwerfen, die noch keine App hat und die die Nutzung der App verbessern. Ein schönes Beispiel dafür ist die Einladungsfunktion bei der Schuhbeck-App, die es ermöglicht, seine Freunde direkt aus seiner Koch-App heraus mit bebildertem Menü per Mail einzuladen. Dieses Feature hatte vorher keine andere Rezepte-App. Ein anderes Beispiel ist das Austauschen von Rezepten im Diätplan bei der Brigitte Diät-App, falls man ein bestimmtes Gericht nicht mag. Wichtig ist es hierbei, sich intensiv mit der Nutzungssituation zu beschäftigen und daraus sinnvolle Features abzuleiten. Die Schüttelfunktion ist übrigens schon sehr abgedroschen… Der zweite Erfolgsfaktor ist unsere Guerilla-Marketing-Unterstützung für unsere Kunden in der Startphase. Suchmaschinenoptimierung im Appstore, Positionierung der App in Blogs, virales Marketing, performancebasiertes Mobile Advertising etc. sind hier die vielversprechendsten Ansatzpunkte.


mobilbranche.de: Manche führende Köpfe des Mobile Business sagen Apps den Tod voraus, während manche Marktforscher weiter mit gigantischen Wachstumszahlen marktschreien. Wer hat recht?

Alexander Trommen: Aus meiner Sicht werden hier zwei Fragen vermischt. Erstens Appstores als Methode, um Inhalte und Programme zu vermarkten. Hier werden Appstores weiterhin eine große Zukunft haben. Sie suchen ja auch bei Amazon nach Büchern oder Unterhaltungselektronik, obwohl sie diese auch bei den Herstellern direkt beziehen könnten. Der Handel per se hat ja eine Funktion für den Konsumenten – vor allem die Auswahl des Sortiments und übersichtliche Präsentation. Der Appstore, beispielsweise von Apple, erfüllt diese Aufgaben ebenfalls. Die rigorose Qualitätssicherung bei der Einstellung gewährleistet reibungslos funktionierende Inhalte. Die Charts übernehmen die Funktion, den Nutzern zu zeigen, was die beliebtesten Apps sind. Und damit nehmen die Charts eine Beratungsfunktion war. Diese beiden Leistungen haben erst dazu geführt, dass Endkunden überhaupt bestimmte neue Apps finden. Über eine Suchmaschine wäre das unmöglich. Angebot schafft Nachfrage. Denn wer weiß schon vorher, dass es einen „What’s App Messenger“ oder eine App über „Die größten Ernährungsirrtümer“ gibt?

Zweitens die Technologie zur Entwicklung von Apps. Native Entwicklung gegen Entwicklungstools wie z.B. Titanium oder Webtechnologien wie HTML5. Stand heute kann man sagen, dass keine einzige App die mit einem Tool entwickelt wurde und keine einzige hybride App auch nur annähernd an die Performance und die grafische Qualität von nativ entwickelten Apps heranreicht. Die zugrundeliegenden Technologien werden sich jedoch rasch weiterentwickeln und damit zukünftig wesentlich interessanter. Es kann also durchaus sein, dass wir in 2015 oder 2016 die Apps in HTML5 (oder 6) entwickeln und dass die dann tatsächlich auf allen Geräten laufen. Persönlich glaube ich aber nicht, dass sich die Hersteller zu einer totalen Standardisierung im Bereich Apps durchringen werden. Inoffizieller O-Ton eines Handyherstellers auf dem Mobile World Congress 2011: „Standardisierung ist nicht in unserem Interesse. Schauen Sie doch nur, was mit den europäischen und amerikanischen PC Herstellern nach der Standardisierung passiert ist. Alle großen PC Hersteller sind heute aus China, Taiwan oder Südkorea. Wir wollen nicht das gleiche Schicksal erleiden.“

mobibranche.de: Reizt es Sie noch, nach „Smartrunner“ wieder eine eigene App aufzulegen? Haben Sie schon Ideen?

Alexander Trommen: Nicht unbedingt einzelne Apps, sondern eher Themenbereiche von Apps, die sich für eine Ausgründung in einer eigenen Gesellschaft eignen. Der Bereich Mobile Health erscheint uns ein sehr attraktives neues Betätigungsfeld zu sein. Und es passt hervorragend zu Smartrunner. Außerdem haben wir inzwischen über 30 Casual Games für Kunden programmiert und überlegen, diese Kompetenz innerhalb der nächsten 12 bis 24 Monate zu nutzen, um einen Spieleentwickler zu gründen. Auch Apps für Kinder oder E-Learning sind sehr interessante Bereiche, die wir uns intensiv ansehen. Mobile Apps sind ein so spannendes Feld, dass hier ständig neue Ideen entstehen. Ein Mangel an Ideen besteht nicht. Die Herausforderung besteht für uns eher darin zu fokussieren.

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