Interview: Taner Kizilok von T-Systems MMS über Location-based Services und Mobile Business Solutions.

von Florian Treiß am 22.August 2011 in Enterprise Mobility, Interviews, Location Based Services

Taner Kizilok ist seit mehr als zehn Jahren im Bereich Mobile aktiv und arbeitet heute als Mobile Consultant im Bereich Experience Design & Emerging Technologies der T-Systems Multimedia Solutions GmbH. Zudem leitet er die Unit Mobile Business Solutions in der Fachgruppe Mobile des BVDW und ist bei Twitter als @ameritaner aktiv. Im Interview mit mobilbranche.de spricht Taner Kizilok über den Boom von Location-based Services. Außerdem erläutert er, wieso für eine mobile Strategie in seinen Augen drei Punkte besonders wichtig sind: „Mobile ist mehr als Apps, Mobile ist mehr als Handys, Mobile ist mehr als cooles Design“, so Taner Kizilok.

mobilbranche.de: Du beschäftigst Dich schon lange mit Location-based Services, u.a. hast Du in den LBS Start-ups Qiro und mobileo gearbeitet. Aktuell werden im LBS-Bereich v.a. Check-in-Dienste und Mobile Couponing gehypt. Sind das nur vorübergehende Phänomene?

Taner Kizilok: Im Grunde haben Check-in-Dienste bereits bewährte Mechanismen aus der Games-Welt auf ihr Konzept übertragen. Und im Moment scheint dieses Spiel Millionen Spaß zu machen. Die Erweiterung dieser Dienste um Coupons hat bei den Nutzern die Bereitschaft weiter gesteigert, sich konsequent einzuchecken. Damit das Spiel nun spannend bleibt und die Dienste auch weiterhin intensiv genutzt werden, müssen Couponing und die Bewertungsfunktion der Locations weiter an Bedeutung gewinnen. So müssen Check-in-Dienste Unternehmen vermehrt Anreize bieten, der Community weiterhin Coupons zur Verfügung stellen. Damit die Nutzer der Check-in-Dienste ihrerseits relevante Bewertungen der von ihnen besuchten Orte abgeben, muss auch hier ein Belohnungssystem greifen. So können von der Community als hilfreich oder relevant bewertete Rezensionen beispielsweise mit Gutscheinen oder einem Statusupgrade belohnt werden.

mobilbranche.de: Und wo wird die Reise bei Location-based Services hingehen?

Taner Kizilok: Der Kampf um den Kunden beginnt auf dem Mobile Display: ein Drittel der Google-Suchanfragen über mobile Endgeräte beziehen sich heute auf die nähere Umgebung. Relevante Kategorien für mobile Nutzer sind dabei nicht nur häufig nachgefragte Ziele wie Hotels oder Restaurants, sondern auch die nächste Änderungsschneiderei oder der kleine Plattenladen um die Ecke. Solche und ähnliche Einzelhändler gilt es, nicht nur zu erfassen und als Stecknadel auf der Karte mit Adresse und Telefonnummer anzuzeigen. Vielmehr müssen deren Inhaber in der Lage sein, selbständig Informationen über ihr Angebot zu aktualisieren und für mobile Endgeräte optimiert anzubieten. Diese Herausforderung werden gerade kleine und mittelständische Unternehmen nur mit Hilfe von erfahrenen Partnern meistern. Hier sehe ich großes Potential für spezialisierte Dienstleister, die Einzelhändler an diesem Punkt abholen.

mobilbranche.de: Wie schätzt Du die aktuelle und künftige Bedeutung von Location-based Advertising ein? Ist das nicht nur alter Wein in neuen Schläuchen? In Lokalzeitungen und auf lokalen Internetseiten konnte man ja auch schon immer lokal werben.

Taner Kizilok: Einfache Ads mit Location-Bezug können relevant sein, schöpfen aber nicht das Potential mobiler Endgeräte und zugehöriger Services aus. Denkbar wären beispielsweise Coupon-Dienste, bei denen die Nutzer proaktiv ein detailliertes Profil hinterlegen. Je nach angegebenen persönlichen Interessen und Vorlieben (Vegetarisch, Cocktails, Süßigkeiten etc.) und in den von ihnen ausgewählten Shop-Kategorien (z.B. Bäcker, Sneakers, Handys etc.) erhalten die Nutzer in Form von SMS oder Push-Benachrichtigungen eine von ihnen akzeptierte Menge an für sie höchst relevanten Coupons. Dies erfordert natürlich ein Höchstmaß an Vertrauen des Kunden in den sensiblen Umgang mit persönlichen Daten seitens des Unternehmens.

mobilbranche.de: Ein anderer Trend im Mobile Advertising sind Rich-Media-Werbeformate wie das iAd, die teils das ganze Smartphone-Display einnehmen. Was hältst Du davon – ist das die Zukunft, werden die Nutzer es akzeptieren?

Taner Kizilok: iAds bieten neben der reinen Werbebotschaft zusätzlich Unterhaltung und/oder für den mobilen Kontext optimierte Informationen. Sofern bereits eine gewisse Markenbindung besteht oder dem Nutzer ein besonderes Erlebnis auf dem iAd-Banner versprochen wird, werden sie als Mehrwert empfunden. Von daher sehe ich eine gewisse Nachhaltigkeit für dieses Werbekonzept. Allerdings ist der schnelle Zugang zu Informationen gerade auf mobilen Endgeräten erfolgsentscheidend und HSDPA und LTE sind noch lange kein Standard. Bei manchen iAds müssen die Interessierten Geduld mitbringen, bis die Anwendung geladen ist und endlich startet. Meine Hypothese dazu: mit jeder Sekunde, die ein mobiler Nutzer länger auf die Interaktion warten muss, steigt exponentiell die Wahrscheinlichkeit, dass er den Ladevorgang abbricht. Der Erfolg solcher Kampagnen hängt daher auch vom Markenimage ab. Denn nur, wenn der Nutzer sich von der jeweiligen Anzeige einen gewissen Unterhaltungs- oder Informationswert erhofft, wird er warten, bis die Anwendung vollständig geladen ist.

mobilbranche.de: Als Mobile Consultant ist Dir das Phänomen sicher nicht unbekannt, dass Firmen zu T-Systems Multimedia Solutions kommen und sagen: „Wir wollen jetzt auch eine App haben!“ Was rätst Du Ihnen?

Taner Kizilok: Unsere Reaktion hängt ganz davon ab, inwieweit ein Unternehmen eine mobile Strategie hat oder nicht. Wenn diese nicht zu erkennen ist, gilt es für uns, folgende drei Punkte zu diskutieren:

  • Mobile ist mehr als Apps: Einfach Apps programmieren ist nicht erfolgversprechend. Wir beraten von Anfang bis Ende bei der Planung und Umsetzung einer mobilen Strategie. Und das führt zu den nächsten beiden Punkten:
  • Mobile ist mehr als Handys: Wir machen Inhalte mobil und damit bereit für alle vorstellbaren Endgeräte – nicht nur Smartphones, sondern auch Tablets, Fernseher und Devices, an die wir heute vielleicht noch gar nicht denken. Das kann dann auch bedeuten, dass eine ganzheitliche mobile Webanwendung der erfolgversprechendere Weg für ein Unternehmen sein kann.
  • Mobile ist mehr als cooles Design: Wir stellen unsere Kunden und ihre Nutzer (Konsumenten oder Mitarbeiter) mit ihren Bedürfnissen, Fähigkeiten und Zielen in den Mittelpunkt. Mit User­Centered-Design stellen wir sicher, dass unsere mobilen Anwendungen verständlich, nutzerfreundlich und innovativ sind.


mobilbranche.de: Kann man neue Apps heute überhaupt noch gut promoten und vermarkten, wo es ja schon eine halbe Million Apps gibt? Laut einer Deloitte-Studie wird nur etwa 1 Prozent aller Apps zu einem Hit.

Taner Kizilok: Das kommt darauf an, womit man sich zufrieden gibt. Für Viele sind App-Downloadzahlen eine relevante Erfolgsgröße und Pressemeldungen wert. Dabei bedeuten diese Zahlen lediglich, dass in einer bestimmten Situation sich Nutzer dazu entschieden haben, diese App zu installieren. Ob sie nach dem Download tatsächlich auch einmal gestartet wird, interessiert anscheinend nur noch die Wenigsten. Und viel wichtiger als die einmalige Nutzung ist die Akzeptanz, die kontinuierliche Nutzung der App durch die Nutzer. Als Markenunternehmen sollte man daher die eigene App nur dann als Erfolg feiern, wenn sie monatlich fortlaufend aufgerufen wird, unabhängig davon, ob sie über ein paar zehntausend Nutzer verfügt oder millionenfach installiert wurde. Die kontinuierliche Benutzung der eigenen App wird erreicht, indem man einen konkreten Mehrwert an die Nutzer adressiert. Das kann durch Unterhaltung (Lego Photo App), Information (iPhiladelphia App) oder Problemlösung (Sternhelfer App) geschehen. Erfüllt die App eine oder mehrere dieser Voraussetzungen, ist die Marke nicht länger ein „Aufkleber“ auf dem modernem Schweizer Taschenmesser, dem Smartphone, sondern ein nützliches Werkzeug, das wirklich zum Einsatz kommt und dadurch zu einem äußerst positivem Markenerlebnis wird. Langfristig verbreiten sich solche Applikationen aufgrund positiver Mundpropaganda wie von selbst weiter.

mobilbranche.de: T-Systems Multimedia Solutions arbeitet sowohl für externe Kunden, als auch für den Mutterkonzern Deutsche Telekom. Auf welche Mobile-Projekte, die Ihr realisiert habt, seid Ihr besonders stolz?

Taner Kizilok: Sehr glücklich sind wir über unsere Zusammenarbeit mit dem Human Resources Bereich unseres Konzerns. Gemeinsam haben wir die erste Employer-Branded App überhaupt realisiert. Jobs&More bietet potentiellen Bewerbern umfangreiche Informationen zum Unternehmen und aktuellen Vakanzen. Über die eingebundenen sozialen Netzwerke können Nutzer außerdem auf vielfältige Weise mit ihrem potentiellen Arbeitgeber in Kontakt treten. Einfach Ausprobieren.

mobilbranche.de: Während in der medialen Berichterstattung vor allem Marketing-getriebene Mobile-Themen im Vordergrund stehen, beschäftigst Du Dich bei T-Systems Multimedia Solutions auch mit Mobile Business Solutions und leitest die entsprechende Unit im Branchenverband BVDW. Welche Bedeutung werden mobile Endgeräte innerhalb von Unternehmen künftig spielen und wo liegen hier die Herausforderungen?

Taner Kizilok: Von mittelständischen Unternehmen bis zu großen Konzernen fragen vor allem Mitarbeiter, die im Außendienst oder Vertrieb arbeiten, zunehmend nach mobilen Lösungen für ihren Arbeitsalltag. Dabei spielen neben der optimalen Anbindung ihrer Smartphones an das Intranet, um E-Mails, Kalender und Adressbücher zu synchronisieren, relevante Anwendungen für ihren mobilen Arbeitskontext eine immer wichtigere Rolle.

Für die Mitarbeiter müssen diese Anwendungen genauso intuitiv in der Benutzung und hochwertig in der Gestaltung sein, dabei ebenso schnell zum Ziel führen, wie sie es von ihren Lieblings-Anwendungen aus dem privaten Bereich bereits gewohnt sind. Seitens der IT-Abteilungen gibt es allerdings klare Anforderungen bezüglich der Administration der Endgeräte, dem Roll-out von neuen mobilen Anwendungen, sowie strikte Vorgaben hinsichtlich der Sicherheitskriterien. Dabei stellt jeder dieser Punkte eine Herausforderung in sich dar und eine Gesamtlösung kann nicht immer kurzfristig realisiert werden, aus Zeit- oder Kostengründen. In solch einem Fall wird teilweise von Mobile Business Revolutions berichtet: ungeduldige Mitarbeiter setzen, ohne Erlaubnis der zuständigen Abteilungen, ihre privaten Endgeräte auch für ihre Arbeit ein und erhöhen damit den Druck auf diese hier schneller zu handeln. Dieses Phänomen ist nicht nur auf der Angestellten-Ebene zu beobachten, sondern auch auf Führungsebenen und ist damit bezeichnend für das große Prozessoptimierungspotential, das durch Berücksichtigung von mobilen Endgeräten erreicht werden kann.

Die über mobile und ultraportable Endgeräte zur Verfügung gestellten Business Solutions werden in naher Zukunft, hinsichtlich der jeweiligen Branchen-Anforderungen, derartig spezialisiert, dass sie in der Arbeitswelt zu unverzichtbaren Werkzeugen werden. Die Optimierung der Mobile Business Solutions Strategie wird damit für die Unternehmen zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor.

mobilbranche.de: Vielen Dank für das Gespräch!

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