Interview: Marco Koeder über das Mobile Web in Japan.

von Florian Treiß am 16.Mai 2011 in Interviews

Marco Koeder gilt als einer der führenden Experte für das Mobile Web in Japan. Seit rund zehn Jahren leitet er in Tokio die Agentur Cybermedia, die sich auf interaktive und mobile Kampagnen spezialisiert hat. Da der japanische Markt als einer wichtigsten Trendsetter gilt, kann Koeder wertvolle Insights über die weitere Entwicklung im Bereich Mobile geben. Das wird er u.a. auch am 8. Juni in Hamburg tun, wenn er einer der Referenten des von mobilbranche.de präsentierten Expertenforums Mobile Media 2011! der VDZ Akademie ist. Zudem spricht Koeder auch auf dem Workshop Mobile Strategies 2011! am 9. Juni. Bereits im Vorfeld der Doppelveranstaltung hat mobilbranche.de mit Marco Koeder darüber gesprochen, was die japanische Innovationsstärke ausmacht, welche Trends von Japan nach Deutschland übertragbar sind und welchen sechs unveränderlichen Gesetzen das Mobile Business folgt.

mobilbranche.de: Japan gilt als weltweiter Vorreiter bei der Nutzung des Mobile Web, fast jeder Japaner surft bereits mit seinem Smartphone durchs Netz. Welche großen Trends gibt’s dort 2011?

Marco Koeder: Die Trends für 2011 sind zum Beispiel Smartphones und Tablets. In Japan surfen fast 90% aller Nutzer mit Featurephones. Smartphones haben einen (noch) relativ kleinen Marktanteil, werden aber bis 2015 einen Anteil von über 50% erreichen. Augmented Reality in Kombination mit ortsbasierten Diensten (LBS) ist auch ein großer Trend, der sich immer stärker durchsetzt. Der große Meta-Trend, der sich in Japan schon seit Jahren zeigt, ist der Abschied vom Festnetz und vom PC mit einem Fokus auf Inhalten und nicht auf Technologien.

mobilbranche.de: Japans Zeitungen haben noch immer Print-Auflagen, von denen deutsche Verleger nur träumen können. Wie geht dies einher mit dem Boom im Bereich Mobile?

Koeder: Das stimmt. Japan führt seit Jahrzehnten die Top-10-Liste der auflagenstärksten Zeitungen weltweit an. Zwar sind die Zahlen in den letzten 5 Jahren etwas eingebrochen, aber immer noch imposant genug um internationales Aufsehen zu erregen.

Einerseits muss hier gesagt werden, dass Abomodelle hier seit jeher eine entscheidende Rolle spielen. Die meisten Zeitungen in Japan werden als Abonnements konsumiert. Der spontane Kauf einer Zeitung am Kiosk ist eher die Ausnahme. Andererseits haben die Verlage es auch schon sehr früh verstanden Ihre Angebote auch mobil bereitzustellen. Mit dem Start von i-mode vor über 10 Jahren kamen bereits die mobilen Contentabos der wichtigsten Zeitungen auf den kleinen Bildschirm. Dazu gehörten auch intelligente Mobile-/Print-Combo-Abos.

Im direkten Gespräch mit den Entscheidern konnte ich feststellen, dass die erfolgreichen Verlage von Anfang an Mobil als Chance gesehen haben und nicht als Gefahr.

mobilbranche.de: Stichwort neue Geschäftsmodelle und neue Inhalte: Sind Japaner hier offener und innovativer als die deutschen Medien? Und warum?

Koeder: Es ist schwer so etwas zu verallgemeinern. Was man auf jeden Fall sagen kann ist, dass die Kooperationsbereitschaft größer ist. Verlage und mobile Anbieter zum Beispiel haben schon früh zusammen gearbeitet um gemeinsam neue Erlösmodelle zu erschließen. Japaner sind auch offener, wenn es darum geht, über die eigenen Kernkompetenzen hinaus Neuland zu erschließen. So war es ein Verlag, der als einer der ersten Anbieter mobile Klingeltöne verkaufte.

Ausprobieren, das eigene Portfolio erweitern und strategische Partnerschaften knüpfen. Dies waren und sind wichtige Komponenten des Erfolgs in Japan. Interessanterweise entspricht dieses Denken auch dem Denken der neuen digitalen Generation im Europa und Amerika.

Und so innovationsfeindlich sind die Medien in Deutschland auch nicht. In der Vergangenheit war ich an einigen sehr spannenden Projekten als Berater beteiligt. Es ist vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis alle dort angekommen sind.


mobilbranche.de: Welche Learnings aus Japan sind denn überhaupt auf den deutschen Markt bei der Mobile Strategy übertragbar – und welche möglicherweise nicht?

Koeder: Die Argumentation, dass Japan ja so anders sei und Strategien schwer übertragbar sind, geht oft auf den erfolglosen Versuch zurück, i-mode in Europa zu launchen. Dabei hatte dieser Misserfolg ganz andere Gründe, da man eben die wichtigen Learnings nicht berücksichtigt hatte. Wir müssen uns immer ins Gedächtnis rufen, dass Apples iTunes-/AppStore-Konzept und Googles Android-Strategien auf Learnings aus Japan basieren. Und deren Erfolg ist, glaube ich, auch in Deutschland sichtbar. Auch das Prinzip des „Freemium“ hat vor über 10 Jahren in Japan auf dem Mobiltelefon seinen Anfang genommen.

Natürlich gibt es mobile Dienste, die schwer übertragbar sind. Zum Beispiel ein sehr populärer mobiler Kirschblüten-Suchservice oder eine erfolgreiche mobile Datingplattform für Haustiere. Die Strategien und grundlegenden Konzepte dahinter aber können gute Inspirationen liefern. Die grundlegenden Punkte, die auf fast alle Märkte übertragbar sind, haben wir in einem Buch zu sechs „Gesetzen“ zusammengefasst: Value, Ecosystems, Empowerment, Timezones, Mobile Models, Simplexity. (“Six Immutable Laws of Mobile Business”, Wiley 2010).

Es gibt eine einfache Formel, mit der man die Möglichkeit einer Übertragbarkeit gut abschätzen kann: Success = Content + Context/Infrastructure.

mobilbranche.de: In wie weit hat sich der Umgang mit dem Mobile Web durch den Tsunami und Fukushima dort nochmals verändert? Gibt es hier erwähnenswerte neue Anwendungsbeispiele?

Koeder: Japan ist ja bereits ein Land mit einer der höchsten mobilen Nutzungsraten weltweit. In den letzten 6 Wochen hat der Zugriff auf mobile Seiten sogar noch weiter zugenommen. Wie wichtig das mobile Internet ist, hat sich in dieser katastrophalen Situation besonders gut gezeigt.

Ich würde sogar sagen, das mobile Internet und die vorhandenen mobilen Dienste hier in Japan haben einen großen Anteil daran gehabt, Schlimmeres zu vermeiden. Mobile Suchdienste nach Vermissten, GPS Informationssysteme, digitale Nachrichtenboards, Navigationslösungen für Notfälle sind hier nur einige Beispiele. Direkt nach dem Beben waren die Sprachnetze überlastet, die mobilen Datendienste funktionierten aber erstaunlich verlässlich und konnten vielen Japanern helfen, sich in der Situation zurechtzufinden und nächste Schritte zu planen.

Es gab eine sehr intensive Nutzung spezieller mobiler Plattformen für Krisenfälle wie Personensuche-Plattformen, Erdbeben- und Tsunami-Warnsysteme. Auf der anderen Seite wurden die klassischen japanischen Social Networks wie mixi, gree und Dienste wie Twitter sehr stark genutzt. Hier kann der Rest der Welt sehr viel von Japan lernen. Ein gut ausgebautes Mobilnetz, hohe Nutzungsraten und intelligente mobile Dienste sind nicht nur ein starker Motor für die Wirtschaft, sondern auch ein wichtiger Teil der Infrastruktur in einem akuten Notfall.

mobilbranche.de: Vielen Dank für das Gespräch!

Lesen Sie auch folgendes Interview: Ulrich Hegge über mobile Trends bei Verlagen.

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